Fiat X1/9 — 29.03.2010
Kantiger Frischluft-Fiat
Amerika drohte 1970 mit einem Gewitter von Sicherheitsvorschriften, Italien antwortete mit viel Sonne: Der Fiat X1/9 eroberte mit Targadach und Mittelmotor die Herzen. Gute Exemplare gibt es ab 4000 Euro.
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Die Gefahr wurde zu einer großen Chance für Konstrukteure und Designer – beide gewannen. Bertones Marcello Ghandini warf einen fulminanten Keil auf das Zeichenbrett, mit dynamischer B-Säule und Targabügel – der alles aushielt. Aus den Regalen des Konzerns bediente man sich der Fiat-128-Antriebstechnik, baute die Frontantriebseinheit kurzum nach hinten und den Motor in die Mitte – das war chic, das war angesagt, sexy und sah nach Rennsport aus. Und vor allem: Es war erfolgreich. Zwar war der X1/9 genannte Sport- und Lifestyle-Keil nie wirklich superschnell, das verbot seine solide und sichere, aber eben auch gewichtsfördernde Konstruktion. Doch erstens reichten die Fahrleistungen des 1.3ers (später 1.5) zumindest in den Siebzigern völlig aus, zum anderen machen Heckantrieb und Mittelmotorkonzept im aktiven Fahrbetrieb einen Heidenspaß.
Sportliches Handling und gutmütiges Fahrverhalten
Dieser typisch röhrige Sound, das kurze, knurrige Aufbrüllen, bevor die nächste Kurve im gekonnten Drift genommen wird, und wenn die Fahrbahn wieder gerade vor einem liegt, dann stellt es sich von ganz allein ein: das Grinsen des X1/9-Piloten. Ein gutmütiges und gleichzeitig sehr vergnügliches Auto – das war vor 40 Jahren nicht selbstverständlich. Genau dieser süffigen Mixtur aus Stil und Fahrspaß erliegt auch Ulix Göttsch, als er 1987 mit seinen Eltern in die USA auswandert und sich dort als erstes Auto einen günstigen 74er Fiat X1/9 zulegt. "Damals fuhr ich am liebsten auch in der Stadt quer", erinnert sich Göttsch schmunzelnd, was soll's, er war halt 18 Jahre jung. Schon damals begeisterte ihn die Keilform, an der übrigens nichts wirklich gerade ist, sondern "alles beim genauen Blick doch konkav, doch asymmetrisch zulaufend und rund."
| Fünf preiswerte Cabrio-Klassiker |
|---|
| Alfa Romeo Spider 2.0 Aerodinamica |
| Fiat X1/9 |
| Mercedes SLK (R170) |
| Opel Kadett Aero |
| Triumph TR8 |
Recht hat er, dieses Coupé verblüfft. Als Göttsch im Jahr 2001 zurück nach Deutschland zieht, besitzt er bereits den dritten X1/9 in Folge. Der wird natürlich per Container mitgenommen in die Heimat, wo der knallgelbe Kompaktsportler bis heute zur Freude des Herrn Göttsch beiträgt. "Der X1/9 hat einfach ein extrem gutes Handling und ist dabei überdurchschnittlich verwindungssteif", sagt er. Dies ist auch kein Wunder, besteht doch der Targabügel des serienmäßig 170 km/h schnellen Fiat X1/9 aus mindestens vier Lagen Stahlblech. Um das Leistungsgewicht zu verbessern, betrieb Göttsch mit zwei Doppelvergasern leichtes Motortuning. Das sei erlaubt, man sieht es dem Klassiker ja nicht an. Vorbei sind zum Glück die Zeiten, als Letzthand-Besitzer ihren gespachtelten X1/9 in einen verspoilerten Albtraum auf Rädern verwandelten. Die einzige optische Aufwertung erlaubte sich der X1/9-Liebhaber bei der Wahl zeitgenössischer Revolution-Felgen mit einer Bereifung im Format 185/60-13. Sieht knackig aus. Und etwas üppiger als die serienmäßigen 145er-Trennscheiben ab Werk.
Die Summe seiner Rundungen ergibt die Keilform des X1/9
Insgesamt fand der X1/9, der ab 1982 von Bertone in Eigenregie und unter eigenem Namen gefertigt und vertrieben wurde, rund 140.000 Käufer. Zuletzt gab es den Bertone X1/9 sogar mit dekadenten Ledersitzen, elektrischen Fensterhebern, Katalysator und Klimaanlage – vor allem diese Ausstattungsmerkmale waren ein Tribut an den US-Markt, der jedoch kontinuierlich schrumpfte. Im Jahr 1988 verabschiedete sich der Keil aus Italien mit der Sonderserie "Grand Finale" – die jedoch ausnahmslos rechtsgesteuert und dem britischen Markt vorbehalten war. Und in Brasilien bauten sie von 1980 bis 1983 ein Kit-Car in X1/9-Form, mit Kunststoffkarosserien über Rohrrahmen. "Dardo" hieß das Ding, das einem optisch geglätteten X1/9 verdammt ähnlich sieht. Befeuert wurde der Dardo, der nur in wenigen Hundert Exemplaren entstand, von frisierten Fiat-Motoren. Aktuell kosten saubere X1/9 nicht die Welt, doch die Preise ziehen – langsam – an. Eine sonnige Zukunft ist dem pfiffigen Targa-Sportler gewiss – nicht nur in 2010.
Technische Daten
Vierzylinder-OHC-Reihenmotor, Mitte quer, zwei Ventile pro Zylinder • Hubraum 1290 cm³ • Leistung 55 kW (75 PS) bei 6000/min • max. Drehmoment 97 Nm bei 3400/ min • Hinterradantrieb • Vierganggetriebe • vorn Einzelradaufhängung an McPherson- Federbeinen, Querlenker und Schubstrebe; hinten Einzelradaufhängung an McPherson- Federbeinen, Dreieck-Querlenker mit einstellbaren Spurstangen • Scheibenbremsen vorn/hinten • Reifen 145/80 R 13 vorn/hinten • L/B/H 3830/1570/1170 mm • Verbrauch 8,5 l • Vmax 170 km/h • 0–100 km/h 13,8 s • Neupreis 1973: 11.285 Mark.
Historie
Plus/Minus
Nur wenige Autos der 70er vermitteln so viel Fahrspaß wie der Fiat X1/9. Vielleicht noch ein Porsche 914, doch der ist in seinem Fahrverhalten deutlich heikler als der Italo-Keil. Der Fiat ist ein reiner Zweisitzer, bietet jedoch viel Platz fürs Gepäck – und viel Raum für seine Passagiere. Diese müssen nicht (wie zum Beispiel im Fiat 124 Spider) in schmerzlicher Froschhaltung hinter dem Lenkrad hocken, sondern haben es richtig bequem – auch auf Langstrecken, die ein X1/9 dank seiner robusten Großserientechnik problemlos abspult. Außerdem verbindet er spektakuläres Design mit erschwinglichen Kosten. Nicht so toll sind die vielen Rostnester der verwinkelten X1/9-Karosserie mit ihren vielen Hohlräumen (dafür ist sie relativ verwindungssteif). Problematisch sind lediglich die Fünfganggetriebe, deren Synchronringe und Gangräder regelmäßig ihren Dienst versagen.Ersatzteile
Einen X1/9 fährt man auch in der Saison 2010 entspannt, denn es gibt so gut wie nichts, was es nicht gäbe. Immer wieder tauchen Restbestände an Anbau- und anderen Blechteilen auf – und das zu erschwinglichen Preisen. Problematisch sind Innenraumteile, Heizungsventile für späte Modelle mit Klimaanlage. Mechanik? Kein Problem, bis auf die hinteren Querlenker. Die sind rar wie Frost im August.Marktlage
In den vergangenen Jahren hat sich die Spreu vom Weizen getrennt, fahrbereite Wracks sind geschlachtet oder stillgelegt – was sie auch bleiben werden, denn (noch) rechnet sich keine Komplettrestaurierung des Bertone-Keils. Bedürftige Exemplare beginnen um 2500 Euro, doch in diese versenkt man viel mehr Geld, als man für einen guten X1/9 ausgeben muss (4000 bis 6000 Euro). Top-Exemplare mit geringer Laufleistung und frühe Baujahre erzielen bis zu 10.000 Euro.Empfehlung
Kaufen Sie keinen Schrott, auch wenn Ihr Herz noch so hoch schlagen sollte bei einem vermeintlich günstigen, im besten Fall gut gespachtelten Fiat X1/9. Das macht nur Schrauber-Junkies froh. Allemal besser ist es, in etwa das Doppelte eines Wrackpreises in ein solides Exemplar mit schöner Patina oder mit Teilreparaturen zu investieren. Der Fiat X1/9 ist ein spannendes und begeisterndes Auto, das seinen Besitzer nur selten enttäuscht – vorausgesetzt, er hat vor dem Kauf fachliche Ratschläge beherzigt. Die gibt es zum Beispiel bei den diversen X1/9-Klubs.Kommentar verfassen
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Kommentare zum Artikel (4)
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Ich hatte mit 18 für ihn mein Konto hoffnungslos überzogen. Er war laut, unkomfortabel und langsam. Deshalb war ich froh, als danach der Golf GTI 16V auf dem Hof stand.
Hatte mal einen, so bis '87. War Metallicblau,Ludwigshafener Kennzeichen... Was mag wohl aus dem geworden sein, gibt es noch ein Bild?? Würd mich freuen wie verrückt!
Der X 1/9 ist und bleibt mein Traumauto! Was ein schicker, kleiner Flitzer! Besonders sein Klappscheinwerferblick, hat es mir angetan! Das Teil würde ich glatt heiraten! Einen guten Gebrauchten und dann komplett neu aufgebaut! Das wär´s!
Ja, so einen hatte ich auch.
Mit kleinen Tricks hat er wirklich viel Spaß gemacht: z. B. die Scheinwerfer klappten erst nach einem wohl dosierten Tritt gegen die Stoßstange auf. Wenn's kalt war, fühlte er sich nur in der Garage wohl und trat in einen Generalstreik.
Aber so sind sie nun mal, die kleinen Italiener.