Fiat X1/9

Fiat X1/9

— 14.12.2012

Kantiger Frischluft-Fiat

Amerika drohte 1970 mit einem Gewitter von Sicherheitsvorschriften, Italien antwortete mit viel Sonne: Der Fiat X1/9 eroberte mit Targadach und Mittelmotor die Herzen. Gute Exemplare gibt es ab 4000 Euro.

Gibt es das wirklich? Ein rassiges Sportcoup fr die Strae und fr die Rennstrecke, mit einer ordentlichen Portion Frischluft um die Nase, freiem Blick in den blauen Himmel? Klar, werden Sie sagen, Porsche 911 Targa. Aber wir machen noch weiter: zeitloses, einmaliges Design, robuste, spritzige Groserientechnik. Mittelmotor. berschaubare Anschaffungs- und Unterhaltskosten. Und: Bella Italia. Wer hat's erfunden? Die Italiener. Und die Amerikaner. Denn ohne die htte es den famosen Keil Fiat X1/9 nicht gegeben. Aber der Reihe nach. Mit dem pfiffigen 850 Spider hatte Fiat einen ansehnlichen Erfolg auf dem US-Markt hingelegt aber um 1970 herum druten dunkle Wolken: Immer sicherer wollten die Amerikaner die Autos haben, die auf ihren Highways dahintrullerten doch den geforderten berschlag ohne nennenswerte Personenschden htte das Heckmotorwgelchen 850 Spider niemals berstanden.

berblick: Alle News und Tests zum Fiat X1/9

Die schicken Klappscheinwerfer peppen den schrgen Look des X1/9 zustzlich auf.

Die Gefahr wurde zu einer groen Chance fr Konstrukteure und Designer beide gewannen. Bertones Marcello Ghandini warf einen fulminanten Keil auf das Zeichenbrett, mit dynamischer B-Sule und Targabgel der alles aushielt. Aus den Regalen des Konzerns bediente man sich der Fiat-128-Antriebstechnik, baute die Frontantriebseinheit kurzum nach hinten und den Motor in die Mitte das war chic, das war angesagt, sexy und sah nach Rennsport aus. Und vor allem: Es war erfolgreich. Zwar war der X1/9 genannte Sport- und Lifestyle-Keil nie wirklich superschnell, das verbot seine solide und sichere, aber eben auch gewichtsfrdernde Konstruktion. Doch erstens reichten die Fahrleistungen des 1.3ers (spter 1.5) zumindest in den Siebzigern vllig aus, zum anderen machen Heckantrieb und Mittelmotorkonzept im aktiven Fahrbetrieb einen Heidenspa.

Sportliches Handling und gutmtiges Fahrverhalten

Dieser typisch rhrige Sound, das kurze, knurrige Aufbrllen, bevor die nchste Kurve im gekonnten Drift genommen wird, und wenn die Fahrbahn wieder gerade vor einem liegt, dann stellt es sich von ganz allein ein: das Grinsen des X1/9-Piloten. Ein gutmtiges und gleichzeitig sehr vergngliches Auto das war vor 40 Jahren nicht selbstverstndlich. Genau dieser sffigen Mixtur aus Stil und Fahrspa erliegt auch Ulix Gttsch, als er 1987 mit seinen Eltern in die USA auswandert und sich dort als erstes Auto einen gnstigen 74er Fiat X1/9 zulegt. "Damals fuhr ich am liebsten auch in der Stadt quer", erinnert sich Gttsch schmunzelnd, was soll's, er war halt 18 Jahre jung. Schon damals begeisterte ihn die Keilform, an der brigens nichts wirklich gerade ist, sondern "alles beim genauen Blick doch konkav, doch asymmetrisch zulaufend und rund." Recht hat er, dieses Coup verblfft. Als Gttsch im Jahr 2001 zurck nach Deutschland zieht, besitzt er bereits den dritten X1/9 in Folge. Der wird natrlich per Container mitgenommen in die Heimat, wo der knallgelbe Kompaktsportler bis heute zur Freude des Herrn Gttsch beitrgt. "Der X1/9 hat einfach ein extrem gutes Handling und ist dabei berdurchschnittlich verwindungssteif", sagt er. Dies ist auch kein Wunder, besteht doch der Targabgel des serienmig 170 km/h schnellen Fiat X1/9 aus mindestens vier Lagen Stahlblech. Um das Leistungsgewicht zu verbessern, betrieb Gttsch mit zwei Doppelvergasern leichtes Motortuning. Das sei erlaubt, man sieht es dem Klassiker ja nicht an. Vorbei sind zum Glck die Zeiten, als Letzthand-Besitzer ihren gespachtelten X1/9 in einen verspoilerten Albtraum auf Rdern verwandelten. Die einzige optische Aufwertung erlaubte sich der X1/9-Liebhaber bei der Wahl zeitgenssischer Revolution-Felgen mit einer Bereifung im Format 185/60-13. Sieht knackig aus. Und etwas ppiger als die serienmigen 145er-Trennscheiben ab Werk.

Die Summe seiner Rundungen ergibt die Keilform des X1/9

Kanten, poppige Farben, dazu schwarze Kontraste: So sahen in den 70ern Sportwagen aus.

Insgesamt fand der X1/9, der ab 1982 von Bertone in Eigenregie und unter eigenem Namen gefertigt und vertrieben wurde, rund 140.000 Kufer. Zuletzt gab es den Bertone X1/9 sogar mit dekadenten Ledersitzen, elektrischen Fensterhebern, Katalysator und Klimaanlage vor allem diese Ausstattungsmerkmale waren ein Tribut an den US-Markt, der jedoch kontinuierlich schrumpfte. Im Jahr 1988 verabschiedete sich der Keil aus Italien mit der Sonderserie "Grand Finale" die jedoch ausnahmslos rechtsgesteuert und dem britischen Markt vorbehalten war. Und in Brasilien bauten sie von 1980 bis 1983 ein Kit-Car in X1/9-Form, mit Kunststoffkarosserien ber Rohrrahmen. "Dardo" hie das Ding, das einem optisch gegltteten X1/9 verdammt hnlich sieht. Befeuert wurde der Dardo, der nur in wenigen Hundert Exemplaren entstand, von frisierten Fiat-Motoren. Aktuell kosten saubere X1/9 nicht die Welt, doch die Preise ziehen langsam an. Eine sonnige Zukunft ist dem pfiffigen Targa-Sportler gewiss nicht nur in 2010.

Technische Daten

Vierzylinder-OHC-Reihenmotor, Mitte quer, zwei Ventile pro Zylinder Hubraum 1290 cm Leistung 55 kW (75 PS) bei 6000/min max. Drehmoment 97 Nm bei 3400/ min Hinterradantrieb Vierganggetriebe vorn Einzelradaufhngung an McPherson- Federbeinen, Querlenker und Schubstrebe; hinten Einzelradaufhngung an McPherson- Federbeinen, Dreieck-Querlenker mit einstellbaren Spurstangen Scheibenbremsen vorn/hinten Reifen 145/80 R 13 vorn/hinten L/B/H 3830/1570/1170 mm Verbrauch 8,5 l Vmax 170 km/h 0100 km/h 13,8 s Neupreis 1973: 11.285 Mark.

Historie

Der kleine Vierzylinder sitzt vor der Hinterachse. 75 PS konkurrieren mit nur 880 Kilo Gewicht. Forza!

Im Jahr 1969 prsentiert Bertone auf dem Genfer Automobilsalon seine futuristische Studie Runabout Barchetta sie soll, so das Kalkl des Designbros, Keimzelle fr den Nachfolger des Fiat 850 Spider werden. 1972: Der Plan geht auf, Fiat prsentiert den vom Run- about Barchetta beeinflussten X1/9 mit 1,3-Liter-Vierzylinder-Mittelmotor, Targadach und modischen Klappscheinwerfern. Der Motor leistet 75 PS, das Leergewicht des kleinen Sportlers betrgt 880 Kilo. 1978: Einfhrung des X1/9 mit 1,5-Liter-Vergasermotor, 86 PS und Fnfganggetriebe (Five Speed). 1980: Die brasilianische Corona S.A. So Paulo baut bis 1983 ein dem X1/9 hnliches Coup namens Dardo mit Kunststoffkarosse. 1982: Fiat erwgt die Produktionseinstellung des X1/9. Bertone fertigt und vertreibt den Sportwagen als Bertone X1/9 weiter. 1985: Der X1/9 wird mit Einspritzmotor und Kat angeboten, Ledersitze, elektrische Fensterheber und Klimaanlage sind bestellbar. 1988: Mit dem ausschlielich rechtsgelenkten Modell "Grand Finale" endet die Produktion des X1/9 nach 166.000 Exemplaren.

Plus/Minus

Nur wenige Autos der 70er vermitteln so viel Fahrspa wie der Fiat X1/9. Vielleicht noch ein Porsche 914, doch der ist in seinem Fahrverhalten deutlich heikler als der Italo-Keil. Der Fiat ist ein reiner Zweisitzer, bietet jedoch viel Platz frs Gepck und viel Raum fr seine Passagiere. Diese mssen nicht (wie zum Beispiel im Fiat 124 Spider) in schmerzlicher Froschhaltung hinter dem Lenkrad hocken, sondern haben es richtig bequem auch auf Langstrecken, die ein X1/9 dank seiner robusten Groserientechnik problemlos abspult. Auerdem verbindet er spektakulres Design mit erschwinglichen Kosten. Nicht so toll sind die vielen Rostnester der verwinkelten X1/9-Karosserie mit ihren vielen Hohlrumen (dafr ist sie relativ verwindungssteif). Problematisch sind lediglich die Fnfganggetriebe, deren Synchronringe und Gangrder regelmig ihren Dienst versagen.

Ersatzteile

Einen X1/9 fhrt man auch in der Saison 2010 entspannt, denn es gibt so gut wie nichts, was es nicht gbe. Immer wieder tauchen Restbestnde an Anbau- und anderen Blechteilen auf und das zu erschwinglichen Preisen. Problematisch sind Innenraumteile, Heizungsventile fr spte Modelle mit Klimaanlage. Mechanik? Kein Problem, bis auf die hinteren Querlenker. Die sind rar wie Frost im August.

Marktlage

In den vergangenen Jahren hat sich die Spreu vom Weizen getrennt, fahrbereite Wracks sind geschlachtet oder stillgelegt was sie auch bleiben werden, denn (noch) rechnet sich keine Komplettrestaurierung des Bertone-Keils. Bedrftige Exemplare beginnen um 2500 Euro, doch in diese versenkt man viel mehr Geld, als man fr einen guten X1/9 ausgeben muss (4000 bis 6000 Euro). Top-Exemplare mit geringer Laufleistung und frhe Baujahre erzielen bis zu 10.000 Euro.

Empfehlung

Kaufen Sie keinen Schrott, auch wenn Ihr Herz noch so hoch schlagen sollte bei einem vermeintlich gnstigen, im besten Fall gut gespachtelten Fiat X1/9. Das macht nur Schrauber-Junkies froh. Allemal besser ist es, in etwa das Doppelte eines Wrackpreises in ein solides Exemplar mit schner Patina oder mit Teilreparaturen zu investieren. Der Fiat X1/9 ist ein spannendes und begeisterndes Auto, das seinen Besitzer nur selten enttuscht vorausgesetzt, er hat vor dem Kauf fachliche Ratschlge beherzigt. Die gibt es zum Beispiel bei den diversen X1/9-Klubs.

Autor: Knut Simon

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