Im Wald der toten Wagen
Das letzte Paradies

Und Sie glauben wirklich, der letzte Oldtimer-Schrottplatz sei aufgelöst? Stimmt nicht: Es gibt sie noch, geheime Orte, die keine Umweltbehörde kennt. Hunderte von Klassikern, vergessen im Wald – ein Paradies für Rost-Romantiker.
- Andreas Jancke
- J.-P. Sirup
Über den sanft ansteigenden Wiesen hängt noch schwer der Morgennebel. Der Kirchturm des nahen Dorfes und die Silhouetten der Bäume im Nebel verleihen der Szenerie etwas Friedliches, fast Surreales. Zu Recht, denn diese Landschaft, die an ein kitschiges Gemälde an der Wand eines Landgasthauses erinnert, birgt ein Geheimnis. Seit Jahrzehnten schon. Es liegt inmitten eines Wäldchens, das nur über einen schmalen Feldweg zu erreichen ist. Der Trampelpfad führt durch dichtes, knorriges Unterholz, so wie in den Büchern, die halbwüchsige Jungs unter der Bettdecke lesen. Aber das hier ist keine Fünf-Freunde-Geschichte. Es ist das Tor in eine andere Zeit. Der Wanderer betritt eines der letzten Paradiese für Oldtimer-Enthusiasten. Kein Ort für Q-Tip-Felgenputzer und Swizöl-Polierer – ein Autofriedhof, auf dem Fahrzeuge aus den Vierziger-, Fünfziger- und Sechzigerjahren verrotten.
Aus für den Autofriedhof in Kaufdorf/Schweiz

Bild: Andreas Janke
Nach Jahrzehnten siegt die Natur über die Technik
Die Ansammlung von verrotteten Audi 60, Ford 17M P2 und Borgward Isabella rundet das Bild des versteckten Ortes ab. Hier stehen die jüngeren, noch nicht völlig zusammengebrochenen Dauerparker. Doch einem Fiat 600 wächst ein stämmiger Baum durchs Seitenfenster und zieht den Italiener in luftige Höhe. Bei einem Ford Anglia zwängt sich ein stattlicher Ast durch die Tachometer-Öffnung – Sieg der Natur. Vandalen haben diesen Ort jedoch noch nicht entdeckt. Das ist ein Wunder, denn er liegt mitten in Europa, nicht in den Weiten der skandinavischen Wälder, sondern nahe der nächsten Autobahn-Ausfahrt. Nebenan lärmt ein Bauer mit seinem Trecker und treibt die Kühe auf die Weide, die das kleine Waldstück umgibt. Zeit, den Ort zu wechseln. Denn ein paar hundert Meter weiter soll es noch einen weiteren, größeren Autofriedhof geben. Wer die Wracks gesammelt hat, wem die Wälder gehören, das sind Fragen, auf die Bewohner des nahen Dorfes nur einsilbig antworten. Wenn sie überhaupt mit Fremden reden.
200 Wracks im Wald
Fest steht: Bis vor kurzem gab es noch mehr Schrott im nahen Gehölz. Zwei Plätze sind inzwischen Geschichte, auch den übrigen könnte bald ein ähnliches Schicksal drohen. Ähnlich dem Autofriedhof in Gürbetal in der Schweiz, der jetzt nach über 70 Jahren zwangsgeräumt wird, weil es sture Behörden so wollen. Doch noch lohnt sich der Weg. Nach vielen Metern durch das dichte Unterholz stockt der Atem: Auf einer langen Lichtung stehen etwa 200 Fahrzeuge. Es sieht aus, als hätte sich ein Verkehrsstau des Jahres 1963 niemals aufgelöst. An den Seiten der Fahrspuren parken die Autos zwischen den Bäumen, als wären ihre Besitzer nur kurz ausgestiegen. Erstaunlich: Die Wracks, die unter den Bäumen stehen, sind morscher als ihre ungeschützten Nachbarn. Viele sind ausgeschlachtet, andere tragen noch die komplette Verglasung und alle Instrumente. Deutsche Modelle stehen da, Amis und Franzosen. Eine seltsame Mischung, aber funktionstüchtig ist nichts mehr: vergammelt, verrostet, zusammengesackt, verbogen und verformt. Selbst die heil gebliebenen Fensterscheiben sind an den Rändern milchig wie der Nebel im Morgengrauen.
Viele US-Schlitten der 1950er stammen von GIs

Bild: Andreas Janke
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