Im Wald der toten Wagen

Simca Aronde Autofriedhof Schrottplatz

Im Wald der toten Wagen

— 27.07.2010

Das letzte Paradies

Und Sie glauben wirklich, der letzte Oldtimer-Schrottplatz sei aufgelöst? Stimmt nicht: Es gibt sie noch, geheime Orte, die keine Umweltbehörde kennt. Hunderte von Klassikern, vergessen im Wald – ein Paradies für Rost-Romantiker.

Über den sanft ansteigenden Wiesen hängt noch schwer der Morgennebel. Der Kirchturm des nahen Dorfes und die Silhouetten der Bäume im Nebel verleihen der Szenerie etwas Friedliches, fast Surreales. Zu Recht, denn diese Landschaft, die an ein kitschiges Gemälde an der Wand eines Landgasthauses erinnert, birgt ein Geheimnis. Seit Jahrzehnten schon. Es liegt inmitten eines Wäldchens, das nur über einen schmalen Feldweg zu erreichen ist. Der Trampelpfad führt durch dichtes, knorriges Unterholz, so wie in den Büchern, die halbwüchsige Jungs unter der Bettdecke lesen. Aber das hier ist keine Fünf-Freunde-Geschichte. Es ist das Tor in eine andere Zeit. Der Wanderer betritt eines der letzten Paradiese für Oldtimer-Enthusiasten. Kein Ort für Q-Tip-Felgenputzer und Swizöl-Polierer – ein Autofriedhof, auf dem Fahrzeuge aus den Vierziger-, Fünfziger- und Sechzigerjahren verrotten.

Aus für den Autofriedhof in Kaufdorf/Schweiz

Er war mal himmelblau, aber das ist lange her: Der 52er Ford hat die Farben seiner Umgebung angenommen.

Am westlichen Ende des Wäldchens stolpern Suchende über die ersten Fahrgestelle, noch mit Achsen, Rädern, Motor und Getriebe. Die Autos von damals hatten zwar massive Rahmen, dafür aber garantiert noch keinen Korrosionsschutz – außer ein paar Glas- und Chromresten ist im Laufe der Jahrzehnte nichts mehr übrig geblieben. Die Längsträger sind papierdünn zusammengemodert, aber dahinter, wie in einem Salvador-Dalí-Bild, liegt eine matt glänzende Chrom-Stoßstange. Daneben ein wuchtiger Fahrzeugrahmen, der früher sicher eine schwere Karosserie zusammenhielt. Mittlerweile sind auch diese Längsträger so vergammelt, dass man die Reste mit dem kleinen Finger verbiegen könnte. Bei dem daneben parkenden US-Coupé der späten Vierziger hat sich das Armaturenbrett dagegen erstaunlich gut gehalten. Selbst die Nadel des Amperemeters ist noch da. Nur der Strom fließt nicht mehr.

Nach Jahrzehnten siegt die Natur über die Technik

Die Ansammlung von verrotteten Audi 60, Ford 17M P2 und Borgward Isabella rundet das Bild des versteckten Ortes ab. Hier stehen die jüngeren, noch nicht völlig zusammengebrochenen Dauerparker. Doch einem Fiat 600 wächst ein stämmiger Baum durchs Seitenfenster und zieht den Italiener in luftige Höhe. Bei einem Ford Anglia zwängt sich ein stattlicher Ast durch die Tachometer-Öffnung – Sieg der Natur. Vandalen haben diesen Ort jedoch noch nicht entdeckt. Das ist ein Wunder, denn er liegt mitten in Europa, nicht in den Weiten der skandinavischen Wälder, sondern nahe der nächsten Autobahn-Ausfahrt. Nebenan lärmt ein Bauer mit seinem Trecker und treibt die Kühe auf die Weide, die das kleine Waldstück umgibt. Zeit, den Ort zu wechseln. Denn ein paar hundert Meter weiter soll es noch einen weiteren, größeren Autofriedhof geben. Wer die Wracks gesammelt hat, wem die Wälder gehören, das sind Fragen, auf die Bewohner des nahen Dorfes nur einsilbig antworten. Wenn sie überhaupt mit Fremden reden.

200 Wracks im Wald

Fest steht: Bis vor kurzem gab es noch mehr Schrott im nahen Gehölz. Zwei Plätze sind inzwischen Geschichte, auch den übrigen könnte bald ein ähnliches Schicksal drohen. Ähnlich dem Autofriedhof in Gürbetal in der Schweiz, der jetzt nach über 70 Jahren zwangsgeräumt wird, weil es sture Behörden so wollen. Doch noch lohnt sich der Weg. Nach vielen Metern durch das dichte Unterholz stockt der Atem: Auf einer langen Lichtung stehen etwa 200 Fahrzeuge. Es sieht aus, als hätte sich ein Verkehrsstau des Jahres 1963 niemals aufgelöst. An den Seiten der Fahrspuren parken die Autos zwischen den Bäumen, als wären ihre Besitzer nur kurz ausgestiegen. Erstaunlich: Die Wracks, die unter den Bäumen stehen, sind morscher als ihre ungeschützten Nachbarn. Viele sind ausgeschlachtet, andere tragen noch die komplette Verglasung und alle Instrumente. Deutsche Modelle stehen da, Amis und Franzosen. Eine seltsame Mischung, aber funktionstüchtig ist nichts mehr: vergammelt, verrostet, zusammengesackt, verbogen und verformt. Selbst die heil gebliebenen Fensterscheiben sind an den Rändern milchig wie der Nebel im Morgengrauen.

Viele US-Schlitten der 1950er stammen von GIs

Viele US-Schlitten aus den 50er-Jahren wie dieser Buick Super fanden hier im Wald ihre letzte Ruhe.

Viele der Autos müssen seit über 50 Jahren hier sein, wie der Peugeot 202 aus den Vierzigern. Seine Blechhaut ist so dünn wie Toilettenpapier. Opel Rekord P2, Kapitän PL, A-Kadett, Peugeot 404, ein paar Buick, zwei Plymouth Savoy mit monströsen Stoßstangen und ein zusammengebrochener Panhard Dyna leisten ihm Gesellschaft. Die meisten Autos stammen von Soldaten einer nahe gelegenen ehemaligen US-Militärbasis. Die ausgemusterten Kisten der GIs landeten beim örtlichen Schrotthändler. Der stellte die Wracks in den Wald und soll vor Jahren verstorben sein. Damals, als es noch keine Umweltauflagen für die entsorgende Branche gab. Dass die Behörden heute wacher sind, wissen die Leute im Dorf. Auch deshalb antworten sie am liebsten nicht auf die Fragen neugieriger Fremder. So bleibt die Stimmung im Wald der toten Wagen gespenstisch: Licht und Schatten, die Fratzen der verfallenden Autos im Zwielicht oder im Dunkeln. Dass der Autofriedhof kein ganz geheimer Ort ist, zeigen die Reste eines Grabgestecks mit grellroten Plastikrosen und verwitterten Seidenschleifen. Sie liegen auf dem Vordersitz eines Buick aus den frühen 50ern. Hier muss vor kurzem ein anonymer Melancholiker der Autos gedacht haben. Der Zylinderkopf des Achtzylinder-Reihenmotors wäre eine gewichtige Erinnerung, aber auch eine Form von Entweihung. Nein, Fotos müssen genügen.

Autoren: Andreas Jancke, J.-P. Sirup

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