Autos aus dem U-Bahn-Schacht

Die verlorenen Oldies von Liverpool Die verlorenen Oldies von Liverpool Die verlorenen Oldies von Liverpool

Scheunenfund im U-Bahn-Tunnel

— 02.09.2015

Die verlorenen Oldies von Liverpool

Seit Jahrzehnten verrotten in einem U-Bahn-Schacht in Liverpool zwei Dutzend Oldtimer. Ein Blick in den Tunnel der bizarren Scheunenfunde.

Der gelbe Mini GT wartet auf die Abholung durch seinen Besitzer, einem katholischen Priester.

©Charlie Magee

Am Anfang eines Liverpooler Tunnels, durch den früher einmal U-Bahn-Züge rauschten, taucht in der Dunkelheit ein Humber Hawk auf, erscheint wie ein Geist. Der Schein ei­ner Taschenlampe erhellt Tunnelwände, von denen die Feuchtigkeit herabtropft. Und rostzerfressenes Blech, den völlig vermoderten Innenraum eines Autos. "Humber", nuschelt Nigel, der Mann mit der Funzel. Und dann "Yeah", wie zur eigenen Bestätigung, dass das Auto noch da ist. Der Tun­nel ist tot. So wie die knapp zwei Dutzend Autos, die hier seit Jahrzehnten verrotten in ihrer Gruft.

Scheunenfunde vom Frühjahr 2015

Scheunenfunde vom Frühjahr 2015 Scheunenfunde vom Frühjahr 2015 Scheunenfunde vom Frühjahr 2015

Nigel, der maulwurfgleiche Hüter der Autowracks

"Nigel the Mole", der Maulwurf, arbeitete sein halbes Leben lang in dem U-Bahn-Tunnel.

Nigel Willsbrowne, 68 Jahre alt, lichtes, wirres Haar unterm Schutzhelm, Blaumann, Arbeitsschuhe, geht ein paar Schritte weiter durch eine schwarze Pfütze. Von der Decke tropft es. "Sauberes Grund­wasser. Kannste trinken." Seine Taschen­lampe findet das nächste Wrack. Und wie er hier so steht, 20 Meter unter Liverpool, sieht der Lotus Elite mit seinen geöffneten Klappscheinwerfern und dem matten, bron­zenen Lack aus wie ein Kunstwerk. Wie der Teil eines Schatzes. Und Nigel Willsbrowne ist sein Hüter. Sie nennen ihn "Nigel the mole", den Maulwurf. Weil er jahrzehntelang unter der Erde arbeitete. In diesem Tunnel, der einst ein U-Bahn-Schacht war. Der 1896 für die Liverpool Overhead Railway gebaut wurde, ein 800 Meter langes unterirdisches Teil­stück, das sich in Ost-West-Richtung vom Stadtteil Dingle bis nah an den River Mersey im Westen zog.

Bilder: Scheunenfund der Superlative

Vom Kopfbahnhof zur Autowerkstatt

Dieser AMC Pacer diente seinem Besitzer einst als Teileträger.

©Charlie Magee

Ende 1956 ver­schwand die Bahnlinie aus Kostengründen, die Gleise wurden abgebaut. Doch still wurde es im Tunnel nicht. Taumacher nutzen die fast gerade Strecke ein paar Jahre lang als Reeperbahn. Noch heute liegen dort unten armdicke Taue, zu Klumpen verknotet. Dann kaufte die Autorepara­turfirma Roscoe Engineering den Tunnel 1975, stellte Hebebühnen dorthin, wo einst der kleine Kopfbahnhof "Dingle-Station" war. In dem Tunnel parkten Willsbrowne und sein Partner Terry Robinson Kundenfahrzeuge und die eigenen Autos. Mit den Jahren kamen irgendwie immer mehr Wagen in den Tunnel.  Auch ein gelber Mini GT, der wohl einem katholischen Priester gehörte, ihn aber nie abholte. Nigel Willsbrowne erzählt, er sei früher Mechaniker bei der Rallye-Weltmeister­schaft gewesen. Ford. Mitsubishi. Doch irgendwann ging er in den Untergrund. Jetzt tastet er sich zu einem 1968er Rover P5 vor, 3,5 Liter, der "einem Kerl aus Neu­seeland gehörte. Den Typ hab ich seit 20 Jahren nicht mehr gesehen." Es hat etwas Unheimliches hier unten. "Hier, schau dir das an", sagt Nigel. "Morris Minor. Kam auf eigener Achse hierher, weil der Besitzer einen Platz zum Unterstellen suchte". Und so geht das weiter mit den Geschich­ten auf dem vorsichtigen Marsch ins Licht.

Unsichere Zukunft des Tunnels

Der Lotus 503 Elite steht abgedeckt im Tunnel, daher ist er besser erhalten als die anderen Wracks.

Mitte 2012 stürzte einen Teil der Decke ein. Inzwischen ist eine Stützmauer eingezogen. Nun ist der Tunnel wieder sicher. Nigel tapst an einem weißen Fiat 124 Sport vorbei, der seit 1992 hier verrottet. Dahinter ein Honda Civic, ein Hillman Avenger, Triumph Vitesse und die Überreste eines ausgebrannten Lotus Elan. Was passiert jetzt mit dem Tunnel und dem ganzen Zeug hier? "Verkaufen", sagt Nigel nur. Er bekomme keine Versicherung mehr dafür. Also weg damit. 200.000 Pfund wollen er und sein Partner haben. Für so viel Geld gibt es dann noch einen AMC Pacer obendrauf. Auch der steht hier, ohne Sechszylinder, ein Teileträger. Die Reise in den Untergrund von Liver­pool endet an einem Fiat 130 Coupé. Der Innenraum ist mit Ersatzteilen zugemüllt. "Wir müssen einen Owner's Club kontaktieren, damit der hier einen guten Platz findet. Es wäre doch schön", meint Nigel im Gehen, "wenn das Auto zu jemandem kommt, der es verdient." Nigel marschiert zurück gen Osten, Richtung Auffahrt. Nach ein paar Metern ist er nur noch ein Schatten im Funzellicht, dann verschwindet er in der Dunkelheit. Wie gut, dass man sich hier unten nicht verlaufen kann.

Tunnel der Scheunenfunde: Die Oldies von Liverpool

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Autor: Hauke Schrieber

Fotos: Charlie Magee

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