Im Rahmen des FuoriConcorso am Comer See hatten wir die Möglichkeit, mit Marcus Breitschwerdt, CEO Mercedes-Benz Heritage, über die zunehmende Bedeutung von Youngtimern, den Verkauf des teuersten Autos aller Zeiten und noch einiges mehr zu sprechen.
FuoriConcorso ist eine 2019 ins Leben gerufene Eventreihe, deren jährliche Hauptveranstaltung parallel zum Concorso d'Eleganza an der Villa d'Este am Comer See stattfindet. Insider sprechen schon von der Como Car Week. Praktischerweise ist der Austragungsort, die Villa del Grumello, nur einen Katzensprung von der Villa d'Este entfernt. Das Motto des diesjährigen FuoriConcorso lautete Velocissimo – eine Hommage an den italienischen Rennsport. Passend dazu wurden die Besucher von einer Startaufstellung an historischen Formel-1-Boliden begrüßt.
Mercedes CLK GTR
Von der Straßenversion des Mercedes CLK GTR wurden insgesamt 26 Stück (20 Coupé und sechs Roadster) gebaut. Das hier gezeigte Exemplar wurde vom Nationalen Automuseum The Loh Collection zur Verfügung gestellt und ist ein nicht nummerierter Prototyp.
Bild: Jan Götze

Mercedes-Benz Classic mit drei Fahrzeugen

In diesem Jahr war auch Mercedes-Benz Classic mit einem beeindruckenden Line-up am Start, die zwar nicht aus Italien stammen, aber dennoch eine Verbindung zum italienischen Rennsport haben. Der Gruppe-C-Rennwagen C11 feierte sein Debüt 1990 mit einem Doppelsieg beim 480-Kilometer-Rennen in Monza
, und auch die ebenfalls ausgestellte Rennversion des Mercedes CLK GTR konnte beim FIA-GT-Rennen in Mugello den zweiten Platz belegen.
Und als ob diese beiden Fahrzeuge nicht schon spektakulär genug wären, wurde kurzerhand noch die insgesamt nur 26 Mal gebaute (20 Coupé und 6 Roadster) Straßenversion des Mercedes CLK GTR gezeigt. Hierbei handelt es sich um einen Prototyp, der vom "Nationalen Automuseum The Loh Collection" zur Verfügung gestellt wurde.
Mercedes-Benz Classic FuoriConcorso: Interview mit Marcus Breitschwerdt
Marcus Breitschwerdt im Interview. Für den CEO von Mercedes-Benz Heritage ist das beste Auto der Welt die jeweils aktuelle Mercedes S-Klasse.
Bild: Mercdes-Benz Classic
Was für ein Rahmen für das Interview mit einem gut gelaunten Marcus Breitschwerdt, der seit 2022 CEO Mercedes-Benz Heritage ist und seither den gesamten Klassikbereich verantwortet.
AUTO BILD: Herr Breitschwerdt, lassen Sie mich mit einer unkonventionellen Frage starten: Wenn Sie sich einen Mercedes aussuchen könnten, welcher wäre das?
Marcus Breitschwerdt: Der C 111 – und zwar der mit dem Dreischeiben-Wankelmotor. Der Grund ist einfach, weil (...) in der vierten Klasse etwa haben wir damals Autoquartett gespielt, und da hat der C 111 alle geschlagen: höchste PS, höchste Geschwindigkeit. (...) Und es hat noch einen Grund: 2022 haben wir den C 111 in Los Angeles und auch in Pebble Beach gehabt (...) und wo immer ich mit dem Auto stehen geblieben bin, kamen die Leute und haben gefragt: Oh it's Mercedes, when will it come to the market? Und das finde ich unfassbar. Das Auto wurde 1969 gebaut, und über 50 Jahre später haben die Leute es für ein kommendes Modell gehalten. Da weißt du, dass du etwas ganz, ganz richtig gemacht hast.
Vor diesem Hintergrund: Welchen Stellenwert wird der Klassikbereich bei Mercedes zukünftig einnehmen?
Wir haben gesagt, das, was nur wir haben, unser Alleinstellungsmerkmal, das müssen wir aktiv nutzen. Was ich damit meine, ist unsere Geschichte, unsere Heritage. Nun ist Geschichte kein Wert an sich, aber je stärker die Transformation, desto mehr schauen die Leute nach etwas, woran sie sich festhalten können. (...) Da kommen Marken ins Spiel. Deswegen ist es wichtig, dass wir die Sammlung, die wir haben, am Leben erhalten.
Wir bringen die Fahrzeuge zur Straße – egal, ob das Fahrzeug 120 oder 30 Jahre alt ist, wir lassen die Autos fahren. Außerdem holen wir unsere Designer in die Sammlung, die sich die Formensprache anschauen. (...) Das sind wesentliche Punkte, weshalb wir den Klassikbereich in einer eigenen Gesellschaft zusammengefasst haben, die auch Geld verdient, das wiederum verwendet werden kann, um hier auf solchen Veranstaltungen (Anm. d. Red. FuoriConcorso) aufzutreten.
Gruppe-C-Rennwagen C11
Im Rahmen des FuoriConcorso startete Mercedes-Benz Classic den Gruppe-C-Rennwagen C11 gleich mehrfach – sehr zur Freude aller Besucher.
Bild: Mercdes-Benz Classic
Wie groß ist die Sammlung von Mercedes-Benz Classic aktuell?
Wir zeigen im Museum 160 Fahrzeuge. Insgesamt haben wir etwa über 1200 Auto Fahrzeuge, aber die Sammlung wächst jährlich!
Und wer entscheidet, welche Fahrzeuge neu in die Sammlung aufgenommen werden?
Zunächst mal nehmen wir von allen relevanten Fahrzeugen das jeweils letzte der Serienproduktion. Und das wird so spezifiziert, dass es eine bei den Kunden beliebte Ausstattung widerspiegelt. Manchmal kann es auch ein völliger Exot sein, aber das ist eher untypisch.
Daran anknüpfend: In meiner Wahrnehmung erfreuen sich Youngtimer aus den 90er- und 00er-Jahren immer größerer Beliebtheit. Wie sehen Sie das?
Absolut genauso! Ich bin mir sicher, dass die sogenannten Youngtimer eine strahlende Zukunft haben werden. (...) Ich habe die Erwartung, dass die Menschen die Autos bis in die 2010er-Jahre, also die Fahrzeuge, die noch nicht in Gänze digitalisiert sind, ganz besonders schätzen werden. Youngtimer werden ein großes Thema. (...) Es macht auch Spaß einen unsynchronisierten Kompressor zu fahren, aber die Fahrzeuge, die wir aktuell als Youngtimer bezeichnen, das sind zum Teil wunderbare Autos, und die werden, unabhängig von großen Stückzahlen, im Wert steigen.
Apropos Wert: Sie waren unmittelbar am Verkauf des teuersten Autos der Welt, dem Mercedes 300 SLR Uhlenhaut Coupé (135 Millionen Euro), beteiligt. Wie fühlte sich der Vorgang an für Sie?
Super!
Kein weinendes Auge, weil dieses automobile Kulturgut nicht mehr Teil der Sammlung ist?
Nein. Und lassen Sie mich auch erklären, warum. Wir sind eine Automobilfirma. Wir entwickeln, produzieren und verkaufen Autos. Wir sind keine Museumsfirma. Das Museum betreiben wir, um die Marke zu dokumentieren und die Marke am Leben zu halten. Aber zunächst mal bauen wir Autos, um sie zu verkaufen. Von dem 300 SLR Uhlenhaut gibt es zwei. Das war der Straßenrennwagen für die Saison 1956, die dann nicht mehr stattgefunden hat. (...) Die beiden Fahrzeuge sind nie ein Rennen gefahren. Der Rudolf Uhlenhaut ist beide gefahren, das eine mehr, das andere weniger. (...) Letztendlich haben wir gesagt, von dem Erlös der Versteigerung nehmen wir einen substanziellen Betrag und helfen Menschen, die das Talent haben, aber vielleicht nicht die Möglichkeit, es zu entfalten und fördern Projekte, die hauptsächlich auf das Thema Nachhaltigkeit einzahlen und finanzieren diese. Und da wir als börsennotiertes Unternehmen nicht einfach einen Millionenbetrag aus dem Betriebsvermögen herausnehmen können, war die Versteigerung eine gute Gelegenheit.
Die Autos gehören uns von Anfang an, was uns die Möglichkeit gibt, sie zu versteigern und den Erlös zu stiften. So haben wir es gemacht. Auf viele unserer Autos, unter anderem auch den C 111, haben wir Blanko-Angebote vorliegen. Aber wir können ja nicht irgendein Angebot annehmen, weshalb ich entschieden habe, den 300 SLR Uhlenhaut unter gewissen Auflagen über das Auktionshaus RM Sotheby's zu versteigern.
Planen Sie in Zukunft weitere Autos aus der Sammlung zu versteigern?
Für fast alle Autos haben oder hatten wir schon Angebote, aber das ist nicht der Fokus unserer Aktivitäten. Aus jeder Sammlung wird mal etwas verkauft (...), aber was wir auf gar keinen Fall machen werden, einen C11 zu versteigern und mit dem Erlös einen Teil einer Lackieranlage bezahlen oder so was. Das sind zwei getrennte Welten. Wenn wir tätig werden, dann nur, um in der Heritage-Welt etwas zu machen, das wir gerne umsetzen würden. (...) Aber eine Sammlung ist nur dann eine Sammlung, wenn man tendenziell mehr kauft, als verkauft.
Das dürfte alle Fans beruhigen. Abschließende Frage: Welches Modell aus dem aktuellen Mercedes-Portfolio wird in einigen Jahren einen Platz in der Sammlung finden?
Mit Sicherheit alle Supersportwagen von Mercedes-AMG. Und ich bin überzeugt, dass der jeweils aktuelle G ebenfalls ein Klassiker wird. (...) Und zu guter Letzt kann ich sagen, dass für mich persönlich das beste Auto der Welt immer die neueste S-Klasse ist.
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Breitschwerdt.