VW Golf 4 GTI – der GTI in der Lebenskrise
Golf 4 GTI: erst Flop, dann begehrter Klassiker

Vom Tiefpunkt zur Legende: Der VW Golf 4 GTI verliert erst seine Identität – und findet sie zum 25. Geburtstag eindrucksvoll wieder.
Bild: Ronald Sassen
Und jetzt stellen wir uns mal vor, Rudi Völler wäre im September 2003 nicht Teamchef der deutschen Nationalmannschaft gewesen und hätte "Weißbier-Waldi" im Ersten nicht ein stümperhaftes 0:0 gegen die Zweitliga-Kicker aus Island erklären müssen. Stellen wir uns mal vor, er wäre zu dieser Zeit VW-Chef gewesen und hätte den Golf 4 GTI erklären müssen. Vermutlich wären aus "Tante Käthe" folgende Worte rausgeplatzt: "Immer diese Geschichte mit dem Tiefpunkt, und dann gibt's noch mal einen niedrigeren Tiefpunkt, und noch einen tieferen. Ich kann diesen Sch…dreck nicht mehr hören, muss ich ganz ehrlich sagen."
Ja, vermutlich hätte Rudi derart argumentiert. War aber auch nicht alles gut zu dieser Zeit. Also beim Fußball und beim GTI.
GTI oder doch nur Ausstattungslinie?
Das Grundproblem des geilen Golf in der vierten Auflage (ab 10/97) lässt sich auch fast 30 Jahre später auf der Suche nach einem guten gebrauchten GTI erkennen: Ist das einer oder ist das keiner?
Auf den ersten Blick schwierig, denn VW stellt zwar mit dem Golf 4 ein optisch und haptisch hochwertiges Auto auf die Räder, aber der GTI verkommt zur Ausstattungslinie wie Trendline oder Highline. Und das ist vielleicht der einzige kleine Makel, den wir dem genialen VW-, später Audi- und Hyundai-Kia-Designer Peter Schreyer vorwerfen müssen.

Welch Quell der Freude: Der 1.8er-20-Ventiler-Turbo arbeitet auch im Audi TT. Für einen Fronttriebler sind beide, Golf und TT, völlig ausreichend motorisiert.
Bild: Sven Krieger / AUTO BILD
Der schnelle Golf in der Lebenskrise
Hilfe, der schnelle Golf in der Lebenskrise – wie konnte es so weit kommen?
Vielleicht hätten sie dem GTI statt allzu viel gediegener Seriosität etwas mehr spielerische Beinfreiheit lassen sollen. Die Technik dafür haben sie ja.
GTI mit Benzin und Diesel
Und jetzt kommen wir zur Neuinterpretation der Legende: VW hat zu dieser Zeit ziemlich flotte Diesel, nämlich die 1,9-Liter-TDI, ab 116 PS mit Pumpe-Düse-Technik, einem enormen Bums bereits im Drehzahlkeller und dabei unschlagbar niedrigem Verbrauch.

Lenkrad aus gelochtem Leder, Golfball als Schaltknauf, Tacho bis 260 km/h und Fußstütze aus Alu.
Bild: Sven Krieger / AUTO BILD
Die Folge: Sie bieten den GTI auch als TDI an, mit Dieselkraftwerken zwischen 110 und 150 PS. Für den Einstieg bleibt der Zweiliter aus dem Golf 3 GTI mit 115 PS im Programm, dazu gesellt sich ein 1,8er-Turbo mit 150 PS, der so auch im Basis-TT tätig ist.
Und weil das ja noch nicht genug Motoren sind, gibt es den GTI auch als VR5 mit fünf Töpfen und 150, später 170 PS.
Wir wollen hier nichts beschönigen: Mit 164.900 Exemplaren verkauft VW gerade mal halb so viele Golf 4 GTI wie vom Vorgängermodell.
Mythos in Gefahr
Kann aber auch ganz schön trostlos aussehen, so ein GTI als "Ausstattungslinie". Allein schon das dunkle Holz in einem Sport-Golf – brrrr.

Na also, geht doch! Herrlich um die Love Handles geformte Recaro-Sportsitze. Eine Spezial-Zutat zum 25. GTI-Geburtstag.
Bild: Sven Krieger / AUTO BILD
Immerhin spendiert VW dem GTI 16-Zoll-Kreuzspeichenfelgen von BBS und Sportsitze von Recaro. Aber sind das die alleinigen Zutaten, um den GTI-Mythos zu bewahren? Fehlen da nicht auch die Schottenkaros oder die schwarzen Streifen des Ur-GTI?
Die Rettung zum 25. Geburtstag
Ein Glück, dass am Ende doch noch vieles gut wird. Wir schreiben das Jahr 2001 (huch, auch schon wieder 25 Jahre her!), der Golf GTI feiert seinen 25. Geburtstag, VW schmeißt 'ne Party.
Im Sommer implantieren sie den 1,8er-Turbo mit 180 PS aus dem TT endlich auch in den GTI. Sie arbeiten an der braven Golf-Hülle und bauen modifizierte sowie durchlackierte Stoßfänger vorn und hinten an, stellen die Fuhre auf große BBS-Kreuzspeichen-Alus mit Reifen der Dimension 225/40 R 18. Sie schrauben Schwellerverbreiterungen sowie Heckspoiler und Heckschürze dran und trauen sich als i-Tüpfelchen ein gut sichtbares verchromtes Auspuffendrohr. Immerhin.
Endlich wieder GTI-Feeling
Drinnen geht das Festival der guten Laune weiter: aluminiumfarbene Abdeckungen statt Opa-Holz, fein ausgeformte Recaros mit GTI-Schriftzug in leuchtendem Rot.
Selbst Handbremshebel und Schalthebelmanschette dürfen in gelochtem Leder und mit roter Naht an den Ur-GTI erinnern.

Größere Räder beim Jubi-Modell, XL-Lufteinlässe, aber ansonsten ist der Golf IV ein GTI in Zivil.
Bild: Ronald Sassen
Der gute Eindruck bestätigt sich auch 25 Jahre später. Toll, wie der 1,8er-Turbo anschiebt. 235 Nm liegen schon bei 1950/min an. Diese Kiste dreht und dreht und dreht, bis sie bei 5000 Touren wieder geschaltet werden will.
Ein bisschen erinnert dieser Bums bereits bei niedrigen Drehzahlen an den nagelnden Pumpe-Düse-Spaß, nur dass der 1,8er-Turbo da noch weitermacht, wo dem Diesel längst die Puste ausgeht.
Das Fazit zum Golf 4 GTI
Fassen wir die Karriere des Jahrtausendwechsel-GTI also zusammen: Golf 4 GTI belanglos, Golf 4 GTI "25 Jahre" bedeutend.
Das ist übrigens auch preislich belegbar. 54.909,91 DM stehen kurz vor der Euro-Einführung im Prospekt. 28.075 Euro hören sich zwar nur halb so schlimm an, aber wer sich vor Augen führt, dass der Golf GTI 76 mit 13.850 Mark gestartet und 83 als "Pirelli" mit 20.285 Mark geendet ist, argumentiert schnell mit Rudi Völler anno 2003: "Ich kann diesen Sch…dreck nicht mehr hören, muss ich ganz ehrlich sagen."
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