Golf 3 GTI: Hier knallt nicht nur die Farbe
Warum der Golf 3 GTI heute besser ist als sein Ruf

Lange als Problemfall abgestempelt, entpuppt sich der Golf 3 GTI als überraschend reifer Klassiker mit mehr Qualitäten, als viele erinnern.
Bild: Ronald Sassen
Viele tun José Ignacio López de Arriortúa ja Unrecht, wenn sie die Rostprobleme des Golf 3 mit dem "López-Effekt" zu erklären versuchen. In Wirklichkeit ist der Spanier im August 1991, als der Golf 3 vorfährt, noch bei Opel und mit dafür verantwortlich, dass der neue Astra schon nach zwei Jahren unter Blechakne leidet.
1993 holt VW-Chef Ferdinand Piëch Kostendrücker López und dessen Geiz-Gang nach Wolfsburg, richtet für ihn den Vorstandsbereich "Produktionsoptimierung und Beschaffung" ein. Zu dieser Zeit steht der Golf 3 GTI schon lange bei den Händlern als 115-PS-Variante, 1993 kommt der 16V mit 150 PS dazu, später sogar ein Diesel, der 110-PS-TDI mit GTI-Signet.
Wie viel López steckt im Golf 3 GTI?
Wie viel López steckt also in so einem Golf 3 GTI? Wenn überhaupt, dann ein bisschen in diesem hier, dem Sondermodell "20 Jahre GTI", das VW 1996 auf den Markt bringt. Viele Probleme, für die López gar nichts konnte, hat VW da schon behoben, etwa das mit den Windgeräuschen am Schiebedach, hat klappernde Türverkleidungen oder wackelige Sitze arretiert.

Der erste GTI hatte 1,6 Liter, der zweite 1,8, Nummer 3 durfte den Zwoliter haben, der in der Basis 115 PS leistet.
Bild: Sven Krieger / AUTO BILD
Und Sie merken schon: Nach der großen Freude am Golf 2 nähern wir uns der dritten Generation mit der dafür nötigen Vorsicht und Distanz.
Überraschend erwachsen
Vielleicht tun wir den beiden, also dem Golf 3 und López, ja auch Unrecht. Denn wenn du im Modell "20 Jahre GTI" sitzt, nach vorn guckst und die beiden silbernen Rundinstrumente mit den roten Zeigern siehst, das voluminöse Cockpit im Stil von Corrado und Passat im Blick hast und über die schönen karierten Sitze (buntes Schachbrettmuster!) streichst, bist du angenehm überrascht. Hatten wir ja gar nicht so richtig auf dem Zettel, den Golf 3 GTI!
Den Zweiliter als Achtventiler mit 115 PS kennen wir als Basismotorisierung aus dem Corrado und als Triebwerk im Passat. Ja, 5 PS mehr als das Urmodell, aber auch 330 Kilo schwerer – das ist der GTI-Idee "klein und gemein" eher abträglich. Deshalb gab es ja auch zur gleichen Zeit den viel teureren VR6 und eineinhalb Jahre nach GTI-Start den 16V.
Mehr Drehmoment statt Drehzahl
Und dennoch: Mit 115 PS geht auch was, wenn auch nicht viel. Für einen GTI sind 10,4 Sekunden auf Tempo 100 eine Enttäuschung, zumal das erste Modell diesen Sprint in 9,5 Sekunden und somit fast eine Sekunde schneller schafft.

Lederlenkrad mit roten Nähten und Luftkissen sind Serie, silberne Instrumente und Bedienung für den CD-Wechsler.
Bild: Sven Krieger / AUTO BILD
Höchstgeschwindigkeit (196 zu 182 km/h im Golf 1 GTI) ist eben nicht alles, vor allem dann nicht, wenn die Fuhre auf dem langen Weg dahin so lustlos agiert. Für VW stand dieses Ausdrehen der Gänge und hochtourige Fahren wie im Ur-GTI ja auch bewusst nicht im Lastenheft. Ganz im Gegenteil.
Wo der Ur-GTI sein maximales Drehmoment von 140 Nm bei 5000/min erreicht, geht der Golf 3 GTI bei 3200 Touren nach vorn, dann liegen 166 Nm an. "Mehr Drehmoment bei unteren und mittleren Drehzahlen", sagt VW. "Das senkt den Kraftstoffverbrauch, ermöglicht eine ruhige, schaltarme Fahrweise und wirkt dadurch nicht zuletzt auch geräuschsenkend."
Ja, ist klar. Weniger Lärm in einem GTI. Als ob danach jemand gefragt hätte!
Größer, reifer, souveräner
Allerdings kann es auch erhaben sein, wenn du dank größeren Hubraums untertourig fahren kannst. Vor allem fühlt sich der Golf 3 aufgrund seiner Zusatzkilos, der stabileren Bauweise inklusive großem Cockpit und besserer Sitze, elektrischer Fensterheber, elektrisch einstellbarer Spiegel und des ganzen anderen Pipapos, der für den Vorgänger noch wie aus einer anderen Welt schien, größer und reifer an. Oder souveräner und gelassener.

Dachkanten-Spoiler, dunkle Rückleuchten, Doppelrohr und GTI-Schriftzug. Reichte in den 90ern.
Bild: Sven Krieger / AUTO BILD
So beantworten wir die Frage nach dem Verbleib der Leichtigkeit im Golf mit viel Gefühl: Die Fuhre ist 30 Zentimeter länger geworden, du kannst auf allen Plätzen besser und bequemer sitzen. Der dritte Golf ist der erste, bei dem sie den Doppelairbag eingeführt haben. Er spielt wegen seiner Crashsicherheit eine Liga höher – und kickt heute, weil wir den Golf 3 GTI so ein bisschen aus den Augen verloren haben, preislich eine Liga drunter.
Der Charme der 90er
Mal ganz ehrlich: Vor allem die seltenen Sondermodelle wie der "20 Jahre GTI", bei dem sie sogar die Gurte rot eingefärbt und immer ein elektrisches Schiebeglasdach eingebaut haben, sind begehrt.
Unser Testwagen jedenfalls von Volkswagen Classic in "Flashrot" und mit rot lackierten Bremssätteln knallt richtig. Und riecht so ein bisschen nach diesen irren 90ern, in denen wir Sammelbesteller im D&W-Katalog waren. Nur ein bisschen, denn andere waren noch irrer.
Den GTI gab's auch als "Colour Concept" in schrillem Grün, Blau, Gelb oder Rot und mit Ledersitzen, deren Mittelbahnen in Wagenfarbe gehalten waren. Das war mal echt irre krass. Und wir reden beim Golf 3 immer nur über den "López-Effekt" …
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