VW Sciwago: VW Scirocco von Günter Artz
Lausig, aber lässig: Wie Artz den Scirocco zum Kombi machte

Bild: Kay-Uwe Knoth/AUTO BILD
Jetzt wird’s persönlich. Es geht nicht anders, als diese Geschichte in der Ich-Form zu beginnen. Sie werden gleich verstehen, warum.
Anruf von der Redaktion. "Knut, möchtest du einen Beitrag schreiben? Es gab da mal einen verstrahlten Typen aus Hannover, der den VW Scirocco I als Basis für einen Kombi-Umbau gewählt hatte. Wir haben einen davon aufgetrieben."
Der Artz-Sciwago und unser Autor: alte Bekannte!
Hätte er mir gar nicht erklären müssen. Es gab in meinem niedersächsischen Heimatkaff Königslutter zu meinen Teenie-Zeiten einen dieser "Sciwago" getauften Umbauten des VW Scirocco.

Der Glaskasten ändert die Proportionen des Autos. Mehr Laderaum als unterm Schrägheck gab's auch, aber das spielt keine Rolle.
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Außen schwarz, innen weißes Leder. Stets geparkt an der Lindenstraße, zwischen Kaiserlichem Postamt und dem Altbau der Polizeiwache, und gefahren von einer atemberaubenden jungen Dame, die geradewegs einem Videoclip der Lady-Combo Baccara entstiegen schien. 1982 war das.
"Na, so ein Zufall", sagt der Kollege, "unser Foto-Sciwago steht da ganz in der Nähe, in Helmstedt. Machste?"

Das Abt-Logo am Sciwago deutet das Motortuning an. Sciwago und Scirocco sind keine Typen für die Langstrecke. Ihr Revier sind Überland- und Ortsdurchfahrt.
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Wiedersehen von Sciwago und Scirocco
Wenige Tage später parke ich den grünen Serien-Scirocco aus dem damaligen AUTO BILD KLASSIK-Dauertest direkt vor dem Schaufenster des Helmstedter Autohauses Borowski. Die Scirocco-Front spiegelt sich darin mit versetztem Nummernschild und um einiges tiefergelegt. Ah, es ist gar keine Spiegelung, sondern der Sciwago!
So luxuriös ist der Sciwago

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Schwarzer Scirocco-Kombi mit weißem Leder-Interieur. Dreispeichen-Sportlenkrad, "fettes" Radio. Dazu das volle Ornat des zeitgenössischen Tuners Abt aus Kempten im Allgäu: Tiefbettfelgen, heiß gemachte 1,8-Liter-Maschine mit 146 PS, zusätzlicher Ölkühler, Bilstein-Fahrwerk. Bäm!

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Es ist wieder 1982! Und ich bin auf einen Schlag erneut 13 Jahre jung. Denn ... Ich kneife die Augen zusammen, umrunde den Shooting Brake mit der verkürzten Chrom-Dachreling eines Mercedes-Kombi, und es wird klar: Es ist DER Sciwago aus meiner Jugend.
Wie der Besitzer an den Sciwago kam
Autohaus-Besitzer Harald Borowski ist Helmstedter Urgestein, Restaurierer, Rallyefahrer und Sammler. Seine Rallyeautos wie VW Golf II und VW Polo Coupé hat er nie weggegeben. Auch im Rentenalter fährt er noch Wettbewerbe. "Damals mit meinem Junior, jetzt auch mit meinem Enkel", sagt Borowski in seinem Büro mit drei Regalböden voller Pokale.

Der Sciwago von 1976 wirkt auf den ersten Blick kürzer als der Serien-Scirocco von 1979, ist es aber nicht. Die Abweichungen bei Länge und Breite gehen auf die Anbauteile zurück.
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Seit 1992 hat er den Sciwago, dessen Name sich übrigens vom amerikanischen "Wagon" ableitet, nicht vom russischen Arzt aus dem gleichnamigen Roman von Boris Pasternak und dem Filmepos mit Omar Sharif von 1965.
Brennende Frage: Hatte Borowski der Baccara-Lady schöne Augen gemacht und infolgedessen den Sciwago abkaufen können? "Nee, dieses Glück hatte mein guter Freund Rolf Globisch, der war von 1985 bis 1992 sozusagen Zwischenbesitzer."

Im Vergleich zum grazilen Scirocco wirkt das Heck des Sciwago deutlich bulliger. Die Tieferlegung trägt nochmals dazu bei.
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Die Geschichte dieses Autos: "nicht ganz ohne"
Kurz darauf steht besagter Mann im Türrahmen. Er erzählt, wie er den Sciwago zwangsabgemeldet im Hinterhof einer Helmstedter Autowerkstatt entdeckte und ihn schließlich vom eigentlichen Besitzer erwerben konnte. Über die Einzelheiten schweigt er, aber "das war nicht ganz ohne". Was wären ausgefallene Autos doch ohne ihre exotischen Menschen!
Wer ist Günther Artz?
Artz war Geschäftsführer des Hannoveraner VAG-Händlers Autohaus Nordstadt. Neben dem Verkauf von Brot-und-Butter-Neuwagen machte sich Artz schnell einen Namen mit umgebauten VW- und Audi-Modellen. Hierzu muss man wissen, dass der namensgebende Norden Hannovers bis heute traditionell gut betucht ist, was Zeitgenossen bereits damals zum Ausspruch verleitete: "Die Kunden von Artz sprechen in der Regel nicht über Geld, sie haben es einfach."

Bild: Archiv Florian Fischer
Marketing- und Ideen-Freak Artz nahm das Geld gern, und nicht zu knapp: Allein an den Sciwago schrieb er Preise auf Porsche-Niveau (siehe unten). Was zum Teufel trieb die Leute, ihr Geld auszugeben, bis der Artz kommt? Es lag wohl vor allem an dessen unnachahmlicher Aura aus Charisma, Charme, Großzügigkeit und Ideenreichtum. Artz war en vogue – und baute damals alles, was die Leute bisher noch nicht gesehen hatten.
Er ließ zu Promo-Zwecken schon mal einen VW Käfer abdichten, den Innenraum mit Wasser füllen, und von einem Froschmann nebst Sauerstoffflasche und Atemgerät durch Hannover fahren.
Schon 1973 hatte er um eine Porsche-914-Plattform herum einen 210-PS-Käfer mit Porsche-Carrera-Sechszylinder in Mittelmotor-Anordnung und seitlich applizierten Kühlluft-Einlässen des VW 412 Variant gebaut. Dieser "1303 Nordstadt" rannte 213 km/h, hatte Achsen und Lenkung des 914 übernommen sowie das Armaturenbrett des 911. Mit einem Preis von 60.000 Mark war er 22.000 Mark teurer als ein Porsche Carrera RS und mit 7,3 Sekunden von null auf hundert schneller als Dino 246 und Maserati Indy.
Als wenige Jahre später ein Totalschaden-Porsche-928 auf dem Hof des Autohauses Nordstadt strandete, trommelte Artz seinen Chefmechaniker Celeste di Santolo und Produktionsleiter Wolfgang Plinske zusammen. Das Ergebnis war der erste Golf 928 – ein im Wortsinne dickes Ding, bei dem, verkürzt ausgedrückt, eine in der Mitte erst durchtrennte und dann in Handarbeit um 21 Zentimeter verbreiterte und um 30 Zentimeter verlängerte VW Golf-I-Karosserie den reinen Achtzylinder-Porsche verbirgt. Mehr über den Golf 928 berichten wir hier.
Berühmt wurden auch der Artz Cordett, eine Corvette in Kadett-Optik, und ein Kombi-Umbau des Audi Urquattro.

Mehr Stauraum gibt es natürlich nur oberhalb des Kofferraums. Unsichtbar für den Betrachter müssen wir die Klappe halten – auch Hydraulikdämpfer werden mal müde.
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So baute Artz den Scirocco zum Sciwago um
Ausgefallen ist er, der schräge VW Sciwago von Günter Artz. Wobei der Wagen ja nicht schräg, sondern ziemlich steil gerät, was Dachlinie und C-Säule angeht. Radstand, Fahrzeuglänge und -breite blieben dem Serien-Scirocco gegenüber nahezu gleich. Sie unterscheiden sich nur wegen der Anbauteile. Dafür gibt es im Sciwago mehr Kopffreiheit hinten und mehr Platz im Kofferraum.

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Ab der B-Säule horizontal aufgetrennt, mit handgefertigten Blechen und viel, viel Spachtel modelliert, entstand aus dem vom italienischen Designer Giorgio Giugiaro anerkannt schön gezeichneten Coupé Scirocco – benannt nach einem Wüstenwind – ein hinten aufgebäumter (und aufgeschäumter) Hannoveraner Hengst.
Qualität à la Autohaus Nordstadt
"Bei der Restaurierung haben wir ganze Karosserie-Partien, die nur aus Spachtel bestanden, ersetzen müssen", erzählt Harald Borowski. "Aber im Grunde bestanden ja die gesamten 1970er-Jahre aus Polyester-Spachtel", winkt der Sciwago-Eigner ab. In den goldenen Zeiten der Tuner war es deren gebräuchlichstes Handwerkszeug.
Da ist zum Beispiel die mit abenteuerlichen Spaltmaßen geradezu "ins Auge springende" Heckklappe. Oder die in Handarbeit halbierte Hutablage und deren dank Lochband und Tacker eingebaute Klappfunktion.

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So teuer war der Sciwago
Dabei kostete dieses abenteuerliche Auto mal mehr als ein Porsche 911: Für einen "nackten" Sciwago musste man 1976 satte 47.000 Mark als Einstandspreis ans Autohaus Nordstadt entrichten. Enthalten waren neben dem umfangreichen Karosserie-Umbau ein auf 1,8 Liter und 125 PS gebrachter GTI-Motor, Fünfgang-Schaltgetriebe, elektrische Fensterheber, Lederpolster und Stereoanlage. Wer jedoch zusätzlich Klimaanlage, Dachhimmel aus Girlon-Velours, Standheizung, elektrisch verstellbare Außenspiegel und das bereits erwähnte Abt-Paket orderte, landete schnell bei 70.000 Mark! Dafür hätte es damals ganz lässig auch einen überausgestatteten Porsche 911 Turbo gegeben.
Man muss das alles mit einem Grinsen quittieren, wenn man heute in den Sciwago klettert. Die lächelnden Leute am Straßenrand erkennen die Manufaktur-Macken im Vorbeifahren ja nicht, goutieren eher die optischen Vorzüge der durchaus gelungenen Sciwago-Linie. Wahrscheinlich ist es damit exakt so wie 1976.

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Artz spendierte dem Sciwago Abt-Tuning
Auch heute beeindruckt hingegen der Wumms aus dem Abt-Maschinenraum. Klar, dass so ein Sciwago mit 146 PS gut geht – viel geändert hat sich am ursprünglichen Gewicht nicht. Zumal die Kleinserie ab der Nummer vier eine leichte Heckklappe aus GFK erhielt. Borowskis Nummer drei dagegen trägt noch die umgewandelte Golf-I-Heckklappe aus Blech. Auch die Seitenscheiben und die Heckscheibe des Sciwago sind natürlich Sonderanfertigungen.

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So fährt sich der Artz-Sciwago
Das sündhaft teure Kombi-Heck des Sciwago vergisst man beim Blick übers Sportlenkrad nach vorn jedenfalls dann schnell: Nichts klappert, knarzt oder verwindet, die Fensterheber surren artig und flink. Zwar hat Borowski seinen Sciwago restauriert und in diesem Zuge auch verbessert, "doch die Grundqualität stimmte bereits vorher und unterschied sich nicht von der Serie", sagt er. Auch die Zusatzinstrumente seien mehr als Gag: "Gerade auf den Öldruck und auf die Öltemperatur achte ich akribisch. Gut, dass mir das angezeigt wird. Es kann im Extremfall schon mal auf 140 Grad Celsius gehen, dann heißt es: Motor aus, Abkühlung, bitte!
Wie viele Sciwago baute Günter Artz?
69 dieser Sciwago will Artz eigenen Angaben zufolge gebaut haben. Auch die Zahl 52 kursiert. Artz-Fan und Golf-928-Besitzer Arno Albert bezweifelt aber beide Angaben und beziffert die Anzahl vorsichtig auf ganze acht zwischen 1976 und 1981 gebaute Exemplare. Selbst wenn man Günter Artz noch fragen könnte, wäre seine Antwort die des großen Verkäufers. Aber eigentlich auch nebensächlich bei so viel Feuerwerk, so viel Faszination, oder?

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Wie viel mag ein Sciwago wert sein?
Apropos Zahlen: Wie hoch oder niedrig ist heute der Wert eines Sciwago? Wird ein in einem Inserat geforderter Preis von 100.000 Euro gezahlt? Und will man einen Sciwago überhaupt wieder hergeben, wenn man erst mal einen hat? Harald Borowski lächelt dazu nur.
So beschließen wir die Zwitter-Party, auf der Scirocco und Sciwago ausgiebig miteinander herumtoben durften.
Technische Daten Artz Sciwago
- Motor Reihenvierzylinder, vorn quer, eine oben liegende Nockenwelle
- Hubraum 1760 cm3
- Leistung 109 kW (146 PS) bei 6000/min
- max. Drehmoment k. A.
- Beschleunigung 0–100 km/h 7,1 s
- Höchstgeschwindigkeit 205 km/h
- Antrieb Fünfgang, manuell, Vorderradantrieb
- L/B/H 3820/1580/1300 mm
- Verbrauch 9,0 l S/100 km
- Leergewicht 900 kg
- Neupreis (1976) ca. 47.000 Mark
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