Audi Urquattro: Kombi-Umbau von Günter Artz
Schöne Kombis heißen Artz

Bild: Roman Raetzke / AUTO BILD
Er hat die Autos gebaut, an die andere, vor allem aber die Männer mit ihren dicken Hornbrillen und grauen Dreiteilern in den oberen Konzernetagen, nicht mal zu denken wagten: einen Käfer auf 914-Chassis mit 911-Carrera-RS-Motor, einen 928 im Look eines Golf 1 und einen Opel Kadett, unter dem eine Corvette C4 steckt.
Günter Artz baute Autos zum Träumen, aber auch zum Benutzen – Kombis waren stets eine Kernkompetenz des Marketing-Genies aus Hannover, der erst den VW-Händler Nordstadt leitete, dann das Opel-Autohaus Blitz. Mit viel Glück lässt sich ab und zu noch ein echter "Artz" finden. Manchmal braucht es neben viel Glück allerdings auch sehr, sehr gute Nerven. Fragen Sie mal Florian Fischer!
"Zwei Wochen lang habe ich kaum geschlafen. Drei E-Mails habe ich pro Tag verschickt, dreimal angerufen. Ich war völlig durch", sagt der 36-Jährige. Der Grund der Aufregung: ein Inserat aus Belgien. Der Anbieter will einen "Oldtimer Audi Ur quattro" verkaufen, und die Annonce elektrisiert die Szene. Dieser Urquattro ist nämlich ein Kombi, den es ab Werk nie gab. Was also ist das?

Lack, Aluräder, sogar die roten Foto-Kennzeichen passen – genau so war der quattro-Kombi früher unterwegs.
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"Natürlich hat sich die Community bei Facebook furchtbar aufgeregt: eine Bastelbude, gibt's ja gar nicht, alles Fake. 300 Kommentare kamen zu Auto und Inserat", sagt Florian Fischer. "Ich habe im Internet alte Bilder vom Artz quattro gefunden und mit denen aus der Anzeige verglichen. Als ich die Spaltmaße der Tankklappe im Seitenteil sah, wusste ich, dass das Auto echt war. So schief baut das niemand nach." Als die anderen noch diskutieren, nimmt er Kontakt zum Verkäufer auf.
Florian Fischer ist Kombi-Fan
Florian Fischer weiß, was er tut, als er die ersten Nachrichten in Richtung Belgien schickt. Zwar startete er mit Opas altem Mercedes W 123 Diesel ins Autoleben, aber schon mit 19 lachte er sich seinen ersten Allrad-Audi an, ein quattro Coupé mit Fünfzylinder, die zahme Version des aufgeladenen Urmodells. Mit einem Kumpel vom Fach tunt er einen Audi 80 S2 Avant, bis dessen Motor auf dem Prüfstand 342 PS abliefert. 2014 folgt der erste echte Audi quattro. "Seit dem S2 kann ich schrauben. Nur einen frühen Urquattro wollte ich eigentlich nie. Das Faceliftmodell gefiel mir immer besser. Aber ich bin Kombi-Fan ..."

Weil der maßgeschneiderte Tank unterm Kofferraumboden liegt, lässt sich bei diesem quattro ausnahmsweise die Rückbank nach vorn klappen. Der Artz ist ein echter Kombi.
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So wie Günter Artz, der sich zeit seines ereignisreichen Lebens im Autohandel bei aller Extravaganz immer auch einen Sinn fürs Praktische bewahrte.
Das erste Auto, frisiert vom Autohaus Nordstadt, wo er seit 1968 der Chef ist, war ein viertüriger VW 411 LE mit Zweiliter-911-Motor im Heck. Mit 140 PS ging der "Nordstadt-Express" rund 200 km/h und blieb lange Günter Artz' Privatauto. Im Laufe der nächsten 25 Jahre baut Artz viele formschöne und schnelle Autos mit Kombiheck: den Sciwago auf VW-Scirocco-Basis, Audi 200 und Porsche 924 Turbo sowie 928 (!) Kombi, auch Opel Senator und ganz zum Schluss zwei Mercedes W 124 500 TE. Einer davon war sein Privatwagen. Aber er fertigte nur einen Audi quattro mit Kombiheck!
Ende 2018 meldet sich endlich dessen Besitzer bei Florian Fischer in Donauwörth. Leider spricht der Belgier ausschließlich Französisch. Mit einer Bekannten, die am Telefon in beide Richtungen als Simultanübersetzerin fungiert, gelingt es, Informationen zum Auto zu bekommen und ein Treffen im 850 Kilometer entfernten Charleroi zu vereinbaren. Dass der quattro Kombi eine zweifarbige Lackierung trägt und die Heckklappe nicht mehr dem Original entspricht, ist Fischer da längst egal.

Trotz Vierspeichenlenkrad, Turbo-Schriftzug und Ledersitzen schimmert die brave Audi-80-Basis auch beim Topmodell durch. Plastik gibt es reichlich.
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"Der Verkäufer hatte utopische Preisvorstellungen, wusste aber nicht, dass es dieses Auto nur einmal gab." Während der Verhandlungen wird aus der Ferne wieder die Bekannte zwischengeschaltet, für den Kaufvertrag braucht es einen belgischen Anwalt.
Es ist kompliziert, aber im Dezember 2018 trailert Fischer den Wagen nach Hause. "Zwischen Oktober und Dezember habe ich vor Aufregung kaum ein Auge zugemacht", sagt er. Die angefangene Restaurierung seines 1983er Urquattro räumt er in der Halle beiseite, die des Audi 80 quattro kann ebenfalls warten. Es beginnt die Spurensuche zum Artz-Audi.
Original immer die Basis
Zu den Besonderheiten von Günter Artz' Kreationen gehörte, dass stets das Original als Basis für einen Umbau herangezogen wurde. Er zwängte nicht einfach einen Porsche-Motor in ein Käfer-Heck, sondern zog einem 914-6 ein Käfer-Kleid über und einem 928 S eine maßgeschneiderte Golf-Karosserie. Artz baute einen echten 924 Turbo zum Kombi um, keinen normalen 924. Und er verpflanzte auch nicht etwa einen V8-Motor in einen Mercedes S 124, sondern ließ das sündhaft teure Original in Form eines 500 E in ein T-Modell verwandeln. Kleiner hatte er's nicht. Seinen Höhepunkt erlebte das System Artz 1980/81 beim quattro Kombi.

Ein Audi mit 200 Turbo-PS, der im Rückspiegel immer größer wird: Daran mussten sich Sportwagenbesitzer Anfang der Achtziger erst gewöhnen.
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"Tatsächlich steckt ein Vorserienwagen drunter, Auto Nummer 67 von 74, zu erkennen an der verkürzten Fahrgestellnummer. Erstzulassung am 16. Oktober 1980", erklärt Florian Fischer den doppelten Exotenstatus. Nur 292 Exemplare des Urquattro verkaufte Audi 1980. Wie und warum das Vorserienauto zum Autohaus Nordstadt fand, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Fest steht, dass der Wagen Mitte der Achtziger mit einer Laufleistung von rund 16.500 Kilometern für 72.500 Mark zum Verkauf angeboten wurde und über Luxemburg 1988 nach Belgien ging.
Als Florian Fischer ihn 30 Jahre später kauft, stehen 79.000 Kilometer auf dem Zähler. Heute sind es 94.000.
2020 gibt der TÜV seinen Segen
Restauriert hat er ihn selbst, von der Instandsetzung der komplexen K-Jetronic-Einspritzanlage bis zur Rekonstruktion der gebogenen Plexiglasscheibe – "obwohl ich ja eigentlich Buchhalter bin!" Allein 100 Stunden dauerte es, aus Aluminium eine Negativform für die neue Scheibe zu erstellen: "Ich habe jetzt noch zwei auf Reserve." Er hat Celeste Di Santolo, den begnadeten Karosseriebauer des Autohauses Nordstadt, der sein Handwerk im Prototypenbau bei Ferrari gelernt hatte, ausfindig gemacht und zufällig herausgefunden, dass die Plastikleisten der C-Säule von einem Toyota Corolla stammen.
Im Sommer 2020 ist die Restaurierung abgeschlossen, der TÜV gibt seinen Segen, und als Florian und Daniela Fischer eine Woche später heiraten, dient der Artz Audi als Hochzeitsauto.
"Früher konnte ich mir keinen Urquattro leisten, heute habe ich ein Einzelstück auf Basis eines Vorserienautos. Unglaublich, oder?" So eine Geschichte würde sich vermutlich nicht mal Günter Artz ausdenken.
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