Zurückgekaufte Familienautos: Artz Golf 928
Die Rückkehr eines Exoten

– Über 30 Jahre nachdem der Artz Golf die Familie verlassen hatte, holte Dino das Auto des Vaters zurück. Heute sitzt er auf dem Fahrersitz.
Bild: Roman Raetzke / AUTO BILD
Was klingt jetzt unwahrscheinlicher? Überhaupt mal einen Artz Golf gesehen und ihn als 928 erkannt – oder sogar einen der paar Handvoll gebauten Artz, ganz egal welcher Art, gefahren zu haben? Passiert den Wenigsten! Aber bereits im Besitz eines von zwei XXL-V8-Golf gewesen zu sein und sich diesen ein zweites Mal vor die Tür zu stellen?
Was für eine unwahrscheinliche Geschichte! In den Internetforen und im Wunschdenken der Fans kursierten immer wieder größere Stückzahlen, wohl auch befeuert durch das PR-Genie Günter Artz himself, aber tatsächlich entstanden nie mehr als zwei Golf 928. Vor der Geschichte des Vater-Sohn-Gespanns Rainer und Dino und der Rückkehr des Artz Golf in den Schoß der Familie Pannhorst steht dessen Schöpfung.
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Auf Fahrgestell und grundlegende Karosseriestruktur eines verunfallten Porsche 928 baute Günter Artz – nachdem er unscheinbaren VW 411 und 1302 leistungsstarke Porsche-Technik eingesetzt hatte – 1979 den ersten, ein Jahr später den zweiten Golf 928, so kunstvoll, dass für unvorbereitete Betrachter noch heute auf den ersten Blick erst mal alles serienmäßig wirkt. In Wirklichkeit baut der 928 im Golf-Look satte 21 Zentimeter breiter und gut 30 Zentimeter länger als die VW-Vorlage.

21 Zentimeter breiter als das kompakte VW-Original, darüber hinaus äußerlich aber betont unauffällig. Die ungewohnten Dimensionen verwirren viele Betrachter. Auch die gelochten "Telefon-Felgen" kommen vom 928.
Bild: Roman Raetzke / AUTO BILD
"Porsche 928 mit Karosserieteilen vom VW Typ 17 und Autohaus Nordstadt, Hannover“ steht deshalb im Fahrzeugbrief. Hersteller: Porsche. Typ: Golf. Klingt kompliziert, beschreibt aber exakt die fließenden Grenzen zwischen beiden Modellen. Motor, große Teile des Fahrwerks und der komplette Innenraum kommen vom 928.
Front- und Heckscheibe kostspielige Sonderanfertigungen
Darüber spannt sich die Golf-ähnliche Karosserie. Kühlergrill, Stoßstangen, Motorhaube, Dach und Heckklappe sind verbreitert, die Kofferraumklappe ist aus zwei normalen Klappen zusammengeschweißt. So viel wiegt sie etwa auch. Die Querlenker der Vorder- und Hinterachse musste das Autohaus Nordstadt, dessen Geschäftsführer Günter Artz seit 1968 war, modifizieren, Front- und Heckscheibe waren sündhaft teure Sonderanfertigungen.

Schlicht schwarz und einfach, das Interieur des VW Artz Golf 928.
Bild: Roman Raetzke / AUTO BILD
Nur die Türen blieben unverändert, fallen jedoch auf Kopfhöhe der Passagiere in ein zweites Schloss. Auch die Motorhaube ist doppelt gesichert – bei gestoppten 232 km/h Spitze, 1979 im Test mit dem Peiseler-Rad ermittelt, zöge sie der Fahrtwind sonst wohl aus der Verankerung. Dass der Artz Golf satte 70 Kilogramm mehr wiegt und trotz deutlich vergrößerter Stirnfläche zwei km/h schneller ist als ein serienmäßiger 928, stellt Porsches Aerodynamik kein gutes Zeugnis aus.
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Tatsächlich bewiesen spätere Versuche im VW-Windkanal, dass der Golf 928 über einen besseren cw-Wert als der Porsche 928 verfügte. Den Spoiler an der Front, auf den der 928 noch warten musste, besaß der Nordstadt-Golf schon 1979. Dafür war er beinahe unwirklich teuer. Nach anfänglich vornehmer Zurückhaltung wurde der Preis mit 150.000 Mark angegeben.

Der 4,5-Liter-V8 der ersten Generation leistet serienmäßige 240 PS.
Bild: Roman Raetzke / AUTO BILD
Dafür gab es ein Jahr später bei Porsche gleich zwei neue 928 S mit 300 PS starkem 4,7-Liter-V8! Wundert es also, dass nur zwei Exemplare entstanden? Das zweite Auto mit der Technik des weiterentwickelten 928 S war eine Zeit lang Günter Artz' Alltagsauto, dann kaufte es der reiche Bremer Holzhändler Louis Krages. Unter dem Pseudonym John Winter siegte Herrenfahrer Krages 1985 mit dem Joest-Team auf Porsche 956 in Le Mans.
Heute gehört Auto Nr. 2 einem Sammler in Rheinland-Pfalz. Und Nr. 1 steht wieder beim zweiten Erstbesitzer – 1981 verkaufte Nordstadt das Auto nach Gütersloh, über 30 Jahre später kehrte es zurück. "Mein Vater hat den Wagen 1981 bei Günter Artz gekauft. Für außergewöhnliche Autos hatte er schon immer ein Faible. Als ich klein war, gehörte der Artz Golf zur Familie", sagt Dino Pannhorst (44).

Dino Pannhorst, hier vorbildlich mit Helm, wächst mit schönen, schnellen, besonderen Autos auf.
Bild: Roman Raetzke / AUTO BILD
1979 hatte Vater Rainer mit Bruder Udo ein Unternehmen für Papierentsorgung gegründet. Für ihn war der 928 im Golf-Kleid – erstmals zugelassen am 9. April 1979 und inzwischen durch Artikel in "auto motor und sport" sowie "Road & Track" berühmt – ein ausgefallenes, aber auf den ersten Blick kaum auffälliges Zeichen des Erfolgs. Auf das Kennzeichen H-PH 202 folgte GT-PR 7 und nach dem Verkauf in den Achtzigerjahren eine längere Reise durch die Hände von Liebhabern exotischer Fahrzeuge.
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Bei Sohn Dino, dessen Name natürlich kein Zufall ist, blieb etwas davon hängen. Heute ist er Chef von Pannhorst Classics, dem Teil der Unternehmensgruppe, in dem klassische Fahrzeuge gehandelt und restauriert werden.
Ein Golf, der aber irgendwie anders ist
"Ich habe bei Instagram alte Bilder des Artz Golf eingestellt und gefragt, ob jemand wisse, wo das Auto geblieben sei – und bald darauf hat sich der aktuelle Besitzer bei mir gemeldet. Der Wagen stand in Hamburg, also gar nicht so weit entfernt. Und seit 2015 ist er wieder bei uns."
Statt Grau wie früher trägt der Wagen heute ein dunkleres Anthrazit, das Erscheinungsbild ist für unvorbereitete Betrachter aber immer noch verwirrend: Hier steht ein Golf, der aber irgendwie anders ist.

Cockpit, Instrumente und sogar die Sitze in der ersten und zweiten Reihe wurden ohne Änderungen vom 928 übernommen.
Bild: Roman Raetzke / AUTO BILD
Vor allem innen. Da ist der Artz Golf ganz 928. Cockpit, Türverkleidungen und die bequemen Sessel der ersten Reihe wurden übernommen, auch die Rücksitze fanden Platz. Bei umgeklappten Lehnen entsteht ein großer Laderaum. "Mein Vater ist damit auch in den Urlaub gefahren, das Auto war auf jedem Parkplatz ganz leicht zu finden – immer da, wo die meisten Leute standen", sagt Dino Pannhorst.
"Heute geht es mir ähnlich, wenn ich zu einem Porsche-Treffen fahre. Erst wollen sie mich nicht reinlassen, dann stehen den ganzen Tag Menschen um das Auto herum." Und wie fährt er nun, der Artz Golf? Wie ein 928, mit rauchiger V8-Note und überraschend agil. Anstatt sportlich weit unten sitzen Fahrer und Beifahrer aber deutlich erhöht, mehr auf als im Auto.
Mit dem unverstellten Blick auf alle vier Ecken der Karosserie ergibt sich eine Übersichtlichkeit, die dem Original-Entwurf des 928 völlig abgeht. Mehr Platz auf allen Plätzen gibt es auch – praktischer war ein VW-Porsche noch nie.
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