Ford 26M Coupé

— 19.07.2013

Der macht dich lässig

Hat sich ein Ford 26M Coupé erst einmal in dein Stilempfinden hineingefahren, wirst du den Kölner Cruiser nicht mehr los. Dass die meisten seiner Erstbesitzer nie so lässige Typen waren wie das Auto selbst, macht Fords Flaggschiff noch cooler.



Jetzt wird’s persönlich, sorry, aber es muss sein: Die erste Geschichte, die ich jemals über Autos schrieb, handelte von Ford 20M und 26M Coupés. Ihre Karosserien leicht geneigt, die Flanken ans hohe Gras geschmiegt, blühten und dämmerten sie auf der Schrottwiese des örtlichen Ford-Händlers dahin. Gemeinsam mit Consul, Capri und Escort hatten die großen, lässigen Coupés der Baureihe P7b ihre rissigen Vinyldächer der Sonne überlassen.

Die amerikanisch angehauchte Linie des P7b folgte nicht mehr der Vernunft, war aber harmonisch und die logische Evolution des P5.

© A. Emmerling

Eine Zeit der Stille. Sie währte nicht ewig. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion gelangten meine besten Freunde und ich auf das Gelände, dirigierten unseren Abschleppwagen aus den 60er-Jahren rückwärts vor die gerüchtehalber vom Shredder bedrohten Ford und fuhren einen nach dem anderen in die rettende Tiefgarage unter der Autowerkstatt meines Vaters. Auf diese Weise, so beschrieb ich damals das Abenteuer, bewahrten wir drei 20m XL Coupés, ein 26M Coupé und eine 26M Limousine sowie einen zweitürigen 20M RS 2300. Ein Traum! Ein Wunschtraum. Denn ich war damals so alt wie die P7b – zehn Jahre. Und während ich in der Schule büffelte, hatten sie meine Lieblings-Schrottplatzwiese leergeräumt. Hatten bösartige hydraulische Greifarme in die geschwungenen Coupé-Seiten krachen lassen, die rahmenlosen Seitenscheiben zersplittert, Blech, Chrom und Vinyl zerfetzt. Auf dem Rückweg von der Schule stand ich sprachlos und entsetzt vor dem leeren, jetzt nutzlos eingezäunten Areal, dessen Tor offen stand. Ich war zehn. Und machtlos. Halt – nicht ganz. Zu Hause schrieb ich gegen die Realität an, und so kam es, dass die P7b Coupés in der fiktiven Tiefgarage landeten. In meiner Fantasie lagern sie dort noch heute.

Glatte Schale, weicher Kern: Ford 17M P3

Nach dem Kummerfalten-Misserfolg des P7a entstand die gelassene Linie des P7b

© A. Emmerling

Heute. Glaube nicht, dass ich geheilt bin. Okay, inzwischen weiß ich, was Blattfedern und Starrachsen sind und was das fahrdynamisch bedeutet. Ich weiß um die bescheidene Qualität der Ford-Interieurs der 60er- und frühen 70er-Jahre: vergilbt, verfärbt, zerschlissen, kein Ersatz zu finden. Klarlack, der von echten (!) Holzverkleidungen abblättert. Und dann der Gammel. Zehn Jahre nach dem Unglück auf der Wiese erfuhr ich die Leiden der P7-Sippe am eigenen 17M. Neidisch schielte ich dabei auf das perfekte 26M Coupé von Freund Markus – na, egal, Hauptsache, wir waren eine Familie. Dass so ein Ford mit Sechszylinder als "Bauern-Mercedes" verspottet wurde, quittierte ich bereits damals mit einem mitleidigen Lächeln. Solche Leute konnten schlicht kein Stilempfinden besitzen. "Trecker-Technik", "Ami-Lametta" und "Ford ist Mord" lachdröhnten sie, um sich dann in ihre ebenfalls durchrostenden Fiat 132 und VW Golf I zu schmeißen. Is’ doch wumpe, Alter. Drück den verchromten Handgriff, lass die rahmenlose Tür hinter dir ins Schloss klacken, genieß die farblich aufeinander abgestimmten Materialien im Innenraum. Echtes Holz, künstliches Leder, große Gefühle. Chrom blinzelt dich verschwörerisch an, die sechs Zylinder unter ihrer endlosen Haube begrüßen dich satt und seidig, dann schaukelt die Fuhre los. Mit geschmeidiger Silhouette, perfekt gezeichneten Überhängen, einer Front-und-Heck-Symmetrie, die noch 40 Jahre später ihresgleichen an Ausgewogenheit sucht. Und bei aller Emotion einfach nur cool ist. Extremst lässig. Lasst euch also kein 26M Coupé mehr entgehen. Es gab nie viele Exemplare, denn weder Bauern noch Banker griffen damals nach dem Stern in Fords Modellprogramm. Guter Geschmack, er macht eben einsam.

Historie

Das Interieur mit Holzleisten und cremefarbenen Kunststoffen trug auch der 20M XL – besonders haltbar war die Pracht leider nicht.

© A. Emmerling

Als erbitterter Konkurrent zögerte Ford nicht lange mit einer Antwort auf den Opel Commodore. Sie hieß Ford 26M. Ab September 1969 war er als Limousine und Hardtop Coupé erhältlich und folgte einem ähnlichen Erfolgsrezept wie der Commodore: Mittelklasse-Karosserie, starker und prestigeträchtiger Sechszylindermotor, luxuriöse Ausstattung. Den direkten Gegenpart zu Commodore GS und GS/E übernahm das Ford 26M RS Coupé, teilte jedoch dessen Krawallo-Optik nicht – das durften die übrigen Ford P7-RS-Modelle erledigen. Serienmäßig besaß der 26M den 2,6-Liter-V6 mit 125 PS, Schiebe- und Vinyldach, Servolenkung, Echtholzdekor, Radio und Dreistufenautomatik. Zweifelsfrei identifizierbar war der Stärkste und Nobelste aller Ford an seinen Halogen-Doppelscheinwerfern, speziellen Radkappen, einer Doppelauspuffanlage und rotem 26M-Heckschriftzug. Die meisten Tester kritisierten damals das amerikanische Styling und das simple Fahrwerk mit Starrachse und Blattfedern hinten. Die 26M-Käufer störte es nicht, sie waren mehr an Laufkultur und Raumkomfort interessiert. Im Dezember 1971 trat der 26M zugunsten des neuen Granada ab.

Technische Daten

Samtig, satt und seidensanft: Für viele Ford-Fans ist der V6 das beste Triebwerk, das je aus Köln kam.

© A. Emmerling

Ford 26M Coupé Motor: V6, vorn längs • oben liegende Nockenwelle, über Kette angetrieben, zwei Ventile pro Zylinder, Solex-Doppelvergaser • Hubraum 2550 ccm • Leistung 92 kW (125 PS) bei 5300/min • maximales Drehmoment 205 Nm bei 3000/min • Antrieb/Fahrwerk: Dreistufenautomatik (auf Wunsch Viergang-Schaltgetriebe) • Hinterradantrieb • Einzelradaufhängung, vorn an McPherson-Federbeinen mit Querlenkern und Stabilisator, hinten Starrachse an Halbelliptik-Längsblattfedern mit Schubstreben, Teleskopstoßdämpfer • Reifen 175/60 SR 14 • Maße: Radstand 2705 mm • L/B/H 4721/1756/ 1464 mm • Leergewicht 1230 kg • Fahrleistungen/Verbrauch: 0–100 km/h in 11,0 s • Spitze 180 km/h • Verbrauch 10,8 Liter Super pro 100 km • Neupreis: 13.745 Mark (1970).

Plus/Minus

Zwo Komma sechs Liter Hubraum, 125 PS – das war 1969 eine passende Motorisierung für ein Spitzenmodell wie den Ford 26M. Die Sechszylinder sind groß und durchzugsstark genug für vier Personen plus Gepäck und wirken auch im heutigen Alltagsverkehr keineswegs asthmatisch. Das Fahrverhalten ist kein Fall für Hektiker, aber das wussten damals schon die komfortorientierten Leute, die sich einen 26M als Neuwagen hinstellten. Unterm Strich bleibt der Fullsize-Ford ein lässiger, amerikanisch angehauchter und vor allem sehr zuverlässiger Cruiser, der zumindest in heutiger Nostalgie-Gangart nicht weniger kann als ein Mercedes /8 Coupé. So ändern sich die Zeiten – bis auf einen Punkt: Günstiger als der Sternwagen ist der 26M immer noch.

Ersatzteile

Zwo Komma sechs Liter Hubraum, 125 PS – das war 1969 eine passende Motorisierung für ein Spitzenmodell wie den Ford 26M.

© A. Emmerling

P7-Eignern sei die Clubgemeinschaft empfohlen, und hier besonders die rheinische, denn die Frohnaturen aus der Heimat von Ford Deutschland haben bekanntlich eine besondere Beziehung zu ihren P7 – und damit auch beste Kontakte und Erfahrungen in der Ersatzteil-Welt. Tendenziell gibt es alles, was auch noch in der Granada-Ära Verwendung fand (Stirnräder, Motorteile, Getriebe ...), traditionell eng ist es bei Karosserieteilen und speziellem Zierrat. Coupé-Scheiben und Teile der Innenausstattungen sind Mangelware. Das liegt auch daran, dass Ford-Interieurs zu P7-Zeiten geringe Halbwertszeiten besaßen. Türpappen und Bezüge sind oft auch bei gepflegten P7-Exemplaren verschlissen.

Marktlage

Ein Massenauto war der 26M schon zu Lebzeiten nicht. Und dann geriet er schnell aus der Mode, verlor an Wert und strandete oft schon nach zehn Jahren auf dem Schrottplatz. Gute Stücke sind rar, aber nicht teuer, weil das Angebot auf geringe Nachfrage stößt. Selbst Top-Autos sind nicht teurer als 12.000 Euro. Schnäppchen-Alarm!

Empfehlung

Aufgrund von Wert und Ersatzteilsituation sind 26M-Restaurierungen etwas für die Mutter Teresas unter den wahren Ford-P7-Freunden. Zwar erreicht der 26M neben den gesuchten RS-Modellen noch den höchsten Sammlerwert innerhalb der P7-Familie, doch sind Mondpreise nicht zu erwarten – es fehlt halt der Stern auf dem Kühler. Deshalb: Komplette, gut erhaltene 26M sind zwar selten, aber erste Wahl.

Autor: Knut Simon

Fotos: A. Emmerling


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