Neumann-VW

Neumann-VW: Traumauto der DDR

— 11.01.2012

Der kleine Schwarze

Unglaublich, aber unter dem kleinen Schwarzen steckt ein Weltkriegs-Kbelwagen. Der spannendste VW der 50er-Jahre entstand aus Schrott, Sehnsucht und Familiensinn.

Ein Stern fllt in ein graues, armes Land, das vom Himmel herzlich wenig hlt und dessen Brger von Sternen nicht verwhnt werden. Umso mehr staunen die Menschen ber den fremden Besucher. Spontan nennen sie den aus einer anderen Welt Gekommenen "den Schwarzen" und bewundern ihn ob seiner Schnheit, seiner geschwungenen Formen und seines eleganten Habitus. Ist er aus einer italienischen Galaxie gefallen, so weich und flieend, wie er daherkommt mit seiner tiefen Grtellinie? Stammt er vom amerikanischen Planeten mit seinen kecken Heckflossen und der hinteren Panoramascheibe? Ist er eine Limousine oder doch ein Coup? Eines, das nicht nur zwei Passagiere aufnimmt, sondern Platz fr eine ganze Familie hat? So was gibts doch gar nicht. Zumindest damals, in den 1950er-Jahren. Die Menschen reden ber sein Anderssein und die Exotik seiner Ausstrahlung.

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Ein Coup mit Kopffreiheit fr fnf das gabs 1958 nirgendwo in Serie.

©U. Sonntag

ber den Doppelauspuff hinter einem langen Heck, in dem sich (abgedeckt) ein grozgiger Stauraum befindet. ber die rasant verzierten Lufteinlsse auf den hinteren Kotflgeln. Die tresordicken Tren, deren Scharniere an Kugelpfannen hngen und dank eines Zugs am winzigen Hebel spielend leicht auch von Kinderhand geffnet werden knnen. Und vor allem kriegen sie sich nicht ein ber die unglaubliche Rckscheibe im Cinemascope-Format. Vergeblich suchen die Betrachter nach der Herkunft des Neuankmmlings. Denn der Schwarze hat keinen Namen, ist keine Marke und kein Fabrikat. Er kommt trotz des VW-Emblems auf der Haube aus keiner bekannten Produktionssttte es muss ein Solitr sein. Ein Eigenbau und Unikat. Das war 1958. Und das arme, noch schwer an den Folgen des Krieges leidende Land hie DDR, wo Pkw im Allgemeinen so selten wie Sdfrchte waren und private Autos im Speziellen nichts als Trume einer besseren Zukunft. Heute ist das graue Land eins mit dem Rest geworden. Und bunt und so modern, dass die alten Sehnsuchts-Gefhrten namens Trabant und Wartburg auf den neuen und glatten Straen von all dem, was der Weltmarkt bietet, vllig verdrngt worden sind.

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Das Neumann-Coup hat in mild patiniertem Originalzustand berlebt und natrlich mit 4711-Kennzeichen.

©U. Sonntag

Doch einen wie den Schwarzen gibt es immer noch kein zweites Mal. Halten wir uns an den Einzigen, der die Fragen nach der Herkunft noch beantworten kann. Erhard Neumann, geboren 1935 in Bad Muskau an der jetzt deutsch-polnischen Grenze in der nun brandenburgischen Lausitz, sitzt am Tisch. Vor sich sein Leben in Fotoalben mit schwarz-weien Bildern. Ein aus Lindenholz gefertigtes Holzmodell ist die Essenz seines langen Arbeitslebens: der Schwarze im Mastab 1:10. Erhard Neumann hat sich die Formen dieses Modells ganz allein ausgedacht. Geleitet von seinen sthetischen Vorstellungen eines richtig schnen Autos. Dann hat er es in allen Details zweidimensional gezeichnet und abends nach der Arbeit in vielen Hundert Stunden Freizeit aus Holz modelliert. Nur Fantasie und Handwerk. Kopf und Hnde. Alles frei verfgbar, damals, als er gerade 20 Jahre alt und noch kein einziger Trabant auf den Straen war. Damals, als er Geselle im Betrieb seines strengen und autoritren Vaters Wilhelm war, der seinen seit 1870 im Familienbesitz befindlichen Karosseriebetrieb auch nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs weiterbetrieb. Jetzt halt in der DDR, in Spremberg. Aber immer noch selbststndig und privat. Und der weiterhin mit eiserner Hand aus kaputten Horch-, Opel-, Hansa- und Mercedes-Personenwagen so gut wie neue Kleinbusse, Liefer- und Pritschenwagen herstellte. Vorher ein Musterbetrieb im Dritten Reich, das modernste Karosseriewerk im Osten Deutschlands. Jetzt geschtzt und geschtzt auch von den Einheitssozialisten, weil keiner bessere Qualitt als Neumann lieferte.

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Sohn Erhard lernte vom Vater. Wie man dengelt, Stellmacherarbeiten beherrscht sowie Holz und Glas und Blech bearbeitet. Wie aus einer Tafel Stahlblech ein Kotflgel wird und aus Buche und Esche der Aufbau fr einen Lastwagen. Er lernte alles, was ein guter Karosseriebauer wissen musste, auch das Zeichnen am Reibrett. Lehrreiche, schwere Zeiten fr einen jungen Mann, der kurzgehalten wurde von einem misstrauischen Chef, der sein Vater war. Genauso erging es seinem drei Jahre lteren Bruder Manfred. Der Alte befahl, die Shne gehorchten. So machten sie aus Blechkadavern fahrbare Unterstze, bauten sich ein eigenes Auto und erfllten den lebenslangen Traum des Vaters. Sie teilten sich die Aufgaben. Vater Wilhelm rckte die Materialien raus und entschied bers Groe und Ganze des Projekts. Bruder Manfred bernahm als Obergeselle den Groteil des technischen Aufbaus. Erhard, der Jngste, kreierte den Wagen, zeichnete die Details und formte das Modell. Er war der Designer, auch wenn das noch nicht so hie. Grundlage des Eigenbaus waren Bodenplatte und Achsen eines VW-Kbelwagens Typ 82, der 1943 in Wolfsburg gebaut, im Weltkrieg an der Ostfront verheizt, als Schrott auf dem Bahnhofsvorplatz in Lbben abgeladen und dort 1947 von Vater Neumann aufgesammelt wurde.

Ganz normale Arbeit von Karosseriebauern

Deutsch-deutsches Wohnzimmer: Lenkrad vom Wartburg, Tacho vom VW Karmann-Ghia.

©U. Sonntag

Drei Jahre lang formte das Trio zunchst mit Holzbalken die markanten Zge wie Schweller, Kotflgel, den kompletten Gitterunterbau, legten dann an Spanten anliegende Blechformen darber und verschweiten und verstrkten diese so lange, bis sie das Holz wieder herausnehmen konnten und eine Ganzstahlkarosserie hatten. "Ganz normale Arbeit von Karosseriebauern", sagt Erhard Neumann, ein zurckhaltender Mensch ohne Gefhlsberschwang. "Gib mir einen Hammer und ein Stck Blech, und ich mache daraus einen Kotflgel." Was nicht in Manufaktur zu machen war, nahmen sie aus dem Fundus des Vaters: die Lenksule des Kbelwagens, das Lenkrad, die Heckleuchten, die Blinker und Scheinwerfer vom damals nagelneuen Wartburg 311, die Rder, den Motor (30 PS) und das Getriebe vom VW Kfer. Die Polsterung aus Cord und Kunstleder auf den Stahlrohr-Sitzen bernahm eigenhndig Mama Renate. Die auffllig glnzende schwarze Nitro-Lackierung der Vater. Dann waren sie fertig und keiner hatte gemerkt, was die vier Neumnner da aus Trotz und Sehnsucht nach Feierabend geschaffen hatten.

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30-PS-Motor aus dem Kfer der Jahre 19541964.

©U. Sonntag

Und was war rausgekommen? Ein 880 Kilo schwerer, zweitriger Fnfsitzer. Und insgesamt ein Gefhrt, wie es der DDR-Karosseriebau noch nie gesehen hatte. Und der im Westen auch nicht. Wo es den kargen Lloyd 600 gab und den pummeligen Weltkugel-Taunus, den skurrilen Zndapp Janus und schne Feen wie die Borgward Isabella. Aber vor allem Kfer, auch schon im Cocktailkleid und dann Karmann-Ghia genannt. Doch so einen wie den Schwarzen mit seiner extrabreiten Heckscheibe aus Plexiglas, geformt im Ofen von Bckermeister Henschke aus Spremberg, so einen gab es nicht auf dem deutschen Radar. Drben, nahe der Neie-Grenze, staunten dar ber zuerst die Experten vom Kraftfahrzeug technischen Amt (KTA) in Cottbus, dann in Berlin ihre Kollegen vom Amt fr Erfindungs- und Patentwesen der DDR. berwltigt von dem, was sie sahen und Probe fuhren, stellten sie Vater Neumann das Geschmacksmuster-Patent 2626 vom 8. August 1958 aus und lieen das "plastische Erzeugnis einer Karosserie von Pkw" vom Hof fahren. Ja, und dann? Keine Revolution. Keine Karriere la Karmann, Rometsch und Co. Das Leben ging weiter. Wie die Arbeit der Neumnner. Der Vater fuhr mit dem Schwarzen in der Gegend herum, viel bestaunt und bewundert. Die Ost-Zeitschrift "Deutscher Straenverkehr" berichtete zwar berschwnglich, doch folgenlos. Andere Belobigungen fielen nicht an. Gemeinsam kutschierte das Trio es muss im Herbst 1959 gewesen sein wegen seines kuriosen Nummernschilds ZF 47-11 zuerst nach Kln und dann zur Internationalen Automobil-Ausstellung nach Frankfurt/Main, wo der Schwarze groes Aufsehen erregte.

Verpasste Chancen

Das Typenschild ist handgeschnitzt.

©U. Sonntag

Westdeutsche Fachzeitschriften berichteten, auch der groe VW-Boss Heinrich Nordhoff wurde auf den DDR-Alien aufmerksam. Wie es hie, war er am Kauf (oder der Lizenz?) interessiert, griff aber doch nicht zu. Schlielich prfte auch DDR-Wirtschaftsminister Erich Apel mit einer Delegation in der Spremberger Werkstatt von Wilhelm Neumann den Schwarzen auf seine Verwendbarkeit als Serienmodell. Er lehnte aber schlielich ab. Zu extravagant? Zu teuer? Zu schn? Zu sehr privates Ideengut und zu wenig volkseigenes Produkt? Wie auch immer. Die Neumnner fuhren ihr Baby weiter und gingen ihren gewohnten Geschften nach: Wiederbelebung von Autoleichen und Sonderkarosseriebau fr Wartburg, Dacia und Co. Der Vater fr sich. Die beiden Shne ab 1966 in eigenen Werksttten. Alle drei hatten ein gutes Auskommen und blieben unbehelligt von allen Verstaatlichungswellen selbststndige Karosseriebauer. Erhard Neumann, der junge Designer des Schwarzen, landete noch einmal einen Coup: Ein feuerrotes Coup auf Basis des frhen Trabant 601, fast so schn wie der Schwarze, aber kurz vor der geplanten Serienherstellung auf hhere Anordnung gestoppt. Warum? Wohl wieder einen Hauch zu hbsch fr die Arbeiter und Bauern. Also weiter im Text. Bis Sohn Thomas (46) den Laden bernahm als Reprsentant der fnften Generation von Karosseriebauern.

Auf der einen Schulter Ford-Vertragshndler, auf der anderen als Schwimmwagen-Papst das Ma aller Dinge in der Restaurierung der wasserfesten VW-Wehrmachtskbel. Zurck zu den Wurzeln ein bisschen. Und der Schwarze? Sieht nach wie vor blendend aus und luft und luft. Jetzt ist er im Besitz von Klaus Sch. (74), der nicht viel Aufhebens um sich machen will, der ihn htet wie seinen Augapfel, weil er wei, was er an ihm hat: einen Stern, der in einem grauen Land vom Himmel gefallen ist. Denkt man allerdings darber nach, was VW mit dem Schwarzen htte anfangen knnen, wird einem schwarz vor Augen: keine endlose Monokultur der Kfer, keinen VW Typ 3 und keinen Karmann-Ghia Typ 34. Und in der DDR wre er endlich ein Auto auf Weltniveau gewesen. Eines, das internationale Chancen gehabt htte, weil es Ende der 50er nichts Vergleichbares gab. Ein Coup fr Familien, ein amerikanischer Italiener mit deutscher Technik. Schwamm drber. So blieb der Schwarze, was er immer noch ist: ein deutsch-deutscher Klassiker.

Autor: Jrg Wigand

Fotos: U. Sonntag

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