Neumann-VW: Traumauto der DDR
Der kleine Schwarze

Unglaublich, aber unter dem kleinen Schwarzen steckt ein Weltkriegs-Kübelwagen. Der spannendste VW der 50er-Jahre entstand aus Schrott, Sehnsucht und Familiensinn.
Bild: U. Sonntag
- Jörg Wigand
Ein Stern fällt in ein graues, armes Land, das vom Himmel herzlich wenig hält und dessen Bürger von Sternen nicht verwöhnt werden. Umso mehr staunen die Menschen über den fremden Besucher. Spontan nennen sie den aus einer anderen Welt Gekommenen "den Schwarzen" und bewundern ihn ob seiner Schönheit, seiner geschwungenen Formen und seines eleganten Habitus. Ist er aus einer italienischen Galaxie gefallen, so weich und fließend, wie er daherkommt mit seiner tiefen Gürtellinie? Stammt er vom amerikanischen Planeten mit seinen kecken Heckflossen und der hinteren Panoramascheibe? Ist er eine Limousine oder doch ein Coupé? Eines, das nicht nur zwei Passagiere aufnimmt, sondern Platz für eine ganze Familie hat? So was gibt’s doch gar nicht. Zumindest damals, in den 1950er-Jahren. Die Menschen reden über sein Anderssein und die Exotik seiner Ausstrahlung.
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Ein Coupé mit Kopffreiheit für fünf – das gab’s 1958 nirgendwo in Serie.
Bild: Uli Sonntag
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Das Neumann-Coupé hat in mild patiniertem Originalzustand überlebt – und natürlich mit 4711-Kennzeichen.
Bild: Uli Sonntag
Die Autos der DDR
Sohn Erhard lernte vom Vater. Wie man dengelt, Stellmacherarbeiten beherrscht sowie Holz und Glas und Blech bearbeitet. Wie aus einer Tafel Stahlblech ein Kotflügel wird und aus Buche und Esche der Aufbau für einen Lastwagen. Er lernte alles, was ein guter Karosseriebauer wissen musste, auch das Zeichnen am Reißbrett. Lehrreiche, schwere Zeiten für einen jungen Mann, der kurzgehalten wurde von einem misstrauischen Chef, der sein Vater war. Genauso erging es seinem drei Jahre älteren Bruder Manfred. Der Alte befahl, die Söhne gehorchten. So machten sie aus Blechkadavern fahrbare Untersätze, bauten sich ein eigenes Auto und erfüllten den lebenslangen Traum des Vaters. Sie teilten sich die Aufgaben. Vater Wilhelm rückte die Materialien raus und entschied übers Große und Ganze des Projekts. Bruder Manfred übernahm als Obergeselle den Großteil des technischen Aufbaus. Erhard, der Jüngste, kreierte den Wagen, zeichnete die Details und formte das Modell. Er war der Designer, auch wenn das noch nicht so hieß. Grundlage des Eigenbaus waren Bodenplatte und Achsen eines VW-Kübelwagens Typ 82, der 1943 in Wolfsburg gebaut, im Weltkrieg an der Ostfront verheizt, als Schrott auf dem Bahnhofsvorplatz in Lübben abgeladen und dort 1947 von Vater Neumann aufgesammelt wurde.
Ganz normale Arbeit von Karosseriebauern

Deutsch-deutsches Wohnzimmer: Lenkrad vom Wartburg, Tacho vom VW Karmann-Ghia.
Bild: Uli Sonntag
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30-PS-Motor aus dem Käfer der Jahre 1954–1964.
Bild: Uli Sonntag
Verpasste Chancen

Das Typenschild ist handgeschnitzt.
Bild: Uli Sonntag
Auf der einen Schulter Ford-Vertragshändler, auf der anderen als Schwimmwagen-Papst das Maß aller Dinge in der Restaurierung der wasserfesten VW-Wehrmachtskübel. Zurück zu den Wurzeln – ein bisschen. Und der Schwarze? Sieht nach wie vor blendend aus und läuft und läuft. Jetzt ist er im Besitz von Klaus Sch. (74), der nicht viel Aufhebens um sich machen will, der ihn hütet wie seinen Augapfel, weil er weiß, was er an ihm hat: einen Stern, der in einem grauen Land vom Himmel gefallen ist. Denkt man allerdings darüber nach, was VW mit dem Schwarzen hätte anfangen können, wird einem schwarz vor Augen: keine endlose Monokultur der Käfer, keinen VW Typ 3 und keinen Karmann-Ghia Typ 34. Und in der DDR wäre er endlich ein Auto auf Weltniveau gewesen. Eines, das internationale Chancen gehabt hätte, weil es Ende der 50er nichts Vergleichbares gab. Ein Coupé für Familien, ein amerikanischer Italiener mit deutscher Technik. Schwamm drüber. So blieb der Schwarze, was er immer noch ist: ein deutsch-deutscher Klassiker.
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