Oberklasse der 70er

Mercedes 280 SE Audi 200 5t BWM 728i Volvo 264 GLE Opel Senator 2.8 S Mercedes 280 SE Audi 200 5t BWM 728i Volvo 264 GLE Opel Senator 2.8 S

Oberklasse der 70er

— 22.03.2012

Kampf der Chefwagen

Mit der Barock-S-Klasse W 116 setzte Mercedes einen Meilenstein. Das Extrabreit-Modell galt ab 1972 als bestes Auto der Welt – doch es bekam gegen Ende des Jahrzehnts immer mehr Konkurrenz. Wie gut halten Audi 200, BMW 7er, Opel Senator und Volvo 264 heute mit?

Zu Beginn der 70er gab es bei den großen Limousinen nur einen Herrscher: die S-Klasse von Mercedes. Als Nachfolger des W108/109 trat der W116 denn auch wie ein wahrer König auf. Mit wuchtigem Format, üppigem Chrombehang und fortschrittlicher Technik. Gegen das 4,96-Meter-Dickschiff kam die Konkurrenz nicht an. Audi dominierte noch Lehrerparkplätze, BMW tat sich trotz grandioser Sechszylinder schwer mit dem gesellschaftlichen Aufstieg. Einzig Opel hatte mit Admiral und Diplomat ein Pärchen, das dem schweren Mercedes ganz selbstbewusst gegenübertrat, ihm aber nicht wirklich gefährlich werden konnte: Ein Hauch von Halbwelt und Neureichen-Prunk fuhr immer mit. Und dann war da noch Volvo. Deren unterkühlten 164 wählten Sozialdemokraten, die zu Geld gekommen waren. Doch die Benz-Dominanz sollte bald ein Ende finden.

Sechs Zylinder (notfalls auch fünf), knapp unter 200 PS, rund 30 000 Mark Neupreis: Nie zuvor war die Oberklasse-Auswahl so groß wie Ende der 70er.

Ende der 70er-Jahre rüsteten die Rivalen auf und bedrohten den Chefwagen. Zuerst BMW: mit dem vollkommen neu entwickelten 7er (E 23) von 1977. Dann kurz darauf Opel mit dem Senator, der nach gedoptem Commodore aussah und doch mit seinem aufwendigen Fahrwerk verblüffte. Und ganz zum Schluss auch noch Audi mit dem fünfzylindrigen 200 Turbo. Speziell der Opel machte die neue Oberklasse erreichbar. Mit 24.415 Mark lag sein Einstandspreis mehr als 10.000 Mark unter dem teuersten Wettbewerber. Und das war nicht mehr der Mercedes, nein, die Münchener schrieben ganz keck 35.100 Mark auf das Preisschild ihres 728i. Aber auch die Schweden waren alles andere als bescheiden, nachdem der 164 mit neuem V6 zum 264 geworden war: 32.175 Mark kostete der.

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Fünf Chefwagen, fünfmal klare Kante. Größte Gemeinsamkeit: Alle sind heute nicht teurer als ein neuer Korea-Kleinwagen.

Wohlgemerkt: für einen aufgebrezelten Mittelklasse-Volvo. Denn außer dem Sechszylinder und etwas Plüsch im Innenraum bot der 264 kaum mehr als das Basismodell 240. Eine ähnliche Politik verfolgte Audi. Um endlich auch etwas vom großen Kuchen abzubekommen und nicht alle Aufsteiger an die Konkurrenz zu verlieren, musste ein imposantes Auto her. Eine Neuentwicklung war zu teuer, also strickten sie in Ingolstadt den 100er mit ein wenig Kosmetik einfach zum 200er um. Einen Sechszylinder hatten sie nicht, daher musste es der Fünfzylinder mit Turbo und 170 PS richten. Eine einzigartige Kombination, deren Preis das neue Selbstbewusstsein verriet: 33.270 Mark standen auf dem Zettel. Und was hatte all das für Mercedes zu bedeuten? Wie gut waren die Aufsteiger wirklich? Und wie alt fühlen sie sich heute an? Macht die Chefklasse der späten 70er immer noch Eindruck? Und wie. Aber mit überraschendem Ergebnis.

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Ein unterschätzter Klassiker: Vielleicht sieht der 7er einfach zu modern aus, um Nostalgiker-Herzen zu wärmen.

Ein Sieg mit Ansage: "Das beste Auto der Welt gab es schon. Deshalb haben wir uns mehr vorgenommen." Schrieben 1977 die BMW-Werbetexter. Konnten sie wissen, dass der klassische 7er mal den Mercedes hinter sich lässt? Diesen Vergleich jedenfalls gewinnt er. Das liegt aber nicht nur an der überlegenen Fahrdynamik, auch beim Wohlfühlfaktor schiebt sich der BMW nach vorn. Geht es jedoch um den reinen Komfort, zu dem auch ein niedriges Geräuschniveau zählt, bleibt die S-Klasse ungeschlagen. Ihre weiteren Trümpfe sind die herausragende Qualität und das hohe Ansehen – den Barockpanzer nimmt jeder als Klassiker wahr. Der BMW hat da noch Nachholbedarf. Sehr beachtlich schlägt sich der Audi. Seinen dritten Platz verdankt er den herausragenden Fahrleistungen und dem Super-Fahrwerk. Der Turbomotor nimmt eine Sonderstellung ein, er klingt gut, ist stark und sparsam. Beim Neidfaktor profitiert der 200er vom aktuellen Aufschwung der Marke Audi. Außerdem ist er richtig selten – und in sehr gutem Zustand auch nicht mehr billig. Das gilt weniger für den Opel Senator. Die Preise sind im Keller, die Autos oft verlebt. Wer dennoch einen sauberen Senator ergattert: Gratulation. Er wird mit guten Fahrleistungen, plüschigem Ami-Ambiete und viel Platz belohnt. Ein speziellerer Fall ist dagegen der Volvo: Nach Punkten bleibt ihm nur der letzte Platz. Viel mehr als gute Lang strecken-Qualitäten und das hohe Sicherheitsgefühl hat er – streng betrachtet – nicht zu bieten. Der träge Motor und das schwammige Fahrwerk wachsen nur Stoikern ans Herz. Aber: Der 264 riskiert keine dicke Lippe und macht ganz auf bescheiden – wie übrigens auch der Senator. Vielleicht ist es genau das, was den Charme dieser beiden ausmacht.
Die Punktewertung Audi 200 5T BMW 728i MB 280 SE Opel Senator 2.8 S Volvo 264 GLE
Spaßfaktor
Temperament 10 9 7 8 7
Sound 8 8 10 9 6
Handling 10 9 7 7 5
Zwischenergebnis 28 26 24 24 18
Kuschelfaktor
Sitze 9 10 8 8 6
Federung 8 10 9 7 6
Platzangebot / Variabilität 8 8 10 8 9
Zwischenergebnis 25 28 27 23 21
Neidfaktor
Qualität 8 9 10 7 6
Design 8 10 8 7 4
Image 9 9 10 6 6
Zwischenergebnis 25 28 28 20 16
Gesamtergebnis 78 82 79 67 55
Jürgen von Gosen

Jürgen von Gosen

Fazit

Manche Dinge ändern sich nie. Der Mercedes ist erste Wahl für Traditionalisten – wie damals. Der BMW macht Dynamiker froh, der Audi flirtet mit Technikgourmets. Kühle Rechner nehmen den Opel Senator, Gemütsmenschen mit Linksdrall den Volvo. Nur Klischees? Hm. Selber fahren zeigt, dass wirklich was dran ist!

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