Oberklasse-Opel: Kapitän und Diplomat

— 25.11.2010

Opel in alter Größe

In den 50er-Jahren verkaufte Opel hierzulande die meisten Sechszylinder, in den 60er-Jahren den ersten fetten Ami-V8. Die vier Großen erlauben den Rückblick in eine Zeit, als Rüsselsheim das Tempo noch selbst diktierte.

Vier große Opel. Mehr als vier große Tränen der Erinnerung. Träne eins: Opel war mal nach VW die Nummer zwei auf dem deutschen Markt. Träne zwei: Opel baute das volle Programm – vom berühmten Kühlschrank "Frigidaire" (50er Jahre) über Lkw Blitz, Kadett (ab 1962) bis hin zum fetten V8 (1964 bis 1977). Träne drei: Im Jahre 2010 bangt die Belegschaft um ihre Zukunft im großen GM-Konzern. (Freuden-) Träne vier: alle vier großen Opel fahren zu dürfen. Vorher schnell die Patina der verherrlichenden Erinnerungen weggestrichen. Es war früher nicht alles so schön, wie wir gern behaupten.
Der erfolgreichste Kapitän aller Zeiten: der 145.618-mal gebaute P II 2.6.

Der erfolgreichste Kapitän aller Zeiten: der 145.618-mal gebaute P II 2.6.

1970 gab es mit 19.193 Verkehrstoten in der damals kleinen Bundesrepublik einen traurigen Rekord. 40 Jahre später beklagten wir in West und Ost 4160 Opfer. Der Rückgang ist trotz der immer volleren Straßen dem Fortschritts bei Sicherheitstechnik und -elektronik sowie der Rettungssysteme zuzuschreiben. Für damalige Zeiten mögen Bremswege von 60 Metern aus Tempo 100 gut gewesen sein, heute ist das automobile Steinzeit. Aber wie sollten auch kleine und schmale Räderchen (im Kapitän 2.5 sogar noch 13 Zoll) Bremsmomente optimal auf die Straße bringen? Damals begann die Industrie gerade zaghaft damit, schützende Knautschzonen zu entwickeln, Lenkradnaben aufprallschonend zu versenken, Armaturen-Tafeln abzupolstern. Trotzdem: Mal wieder Autos zu fahren, die unverfälschten Fahrspaß bieten und vom Fahrer noch ein wenig Arbeit verlangen, ist so, als ob der alte Carl Benz uns huldvoll grüßen würde – "seht her, wie weit ich meiner Zeit voraus war und bin.“

Wahre Fans erzählen: "Wir sind Opel"

Mit dem Diplomat A (links) ging Opel in die Vollen, der Diplomat B ist auch heute noch eine elegante Erscheinung.

Mit dem Diplomat A (links) ging Opel in die Vollen, der Diplomat B ist auch heute noch eine elegante Erscheinung.

Im 125. Jahr der Erfindung des Automobils (Patentanmeldung im Januar 1886) sitzt fast überall noch der Hubkolbenmotor vorn unter der Haube. Und was er hier für einen Spaß bereitet. Sechszylindrig summend die Kapitäne, achtzylindrig blubbernd die Diplomaten. Der „A“ liefert den aufregendsten Sound seiner achtmal vier Takte. Schock an der Tanke: Testverbräuche von 12,2 Liter im Kapitän 2.6, 16,1 Liter im Diplomat 5.4. Die Wirtschafts-Kapitäne dürfte das damals so wenig geschockt haben wie heute, wo manch SUV auch maßlos säuft. Am handlichsten gibt sich natürlich der relativ moderne Diplomat 5,4, der mitsamt dem Vorgänger auch die "Kuschelwertung" gewinnt. Sehr subjektiv auch unser Neid-Faktor: Den gewinnt der Kapitän 2.6 – sein Wiedererkennungswert ist nicht nur unter Sammlern der Größte. Was aber nichts am verdienten Gesamtsieg des Jüngsten ändert.

Test-Ergebnis
Punktewertung Opel Kapitän 2.5 Opel Kapitän 2.6 Opel Diplomat A Opel Diplomat B
Spaßfaktor
Temperament 5 6 9 10
Sound 5 5 10 8
Handling 4 4 5 7
Zwischenergebnis 14 15 24 25
Kuschelfaktor
Sitze 9 9 8 8
Raumangebot 7 7 10 9
Ambiente 9 9 8 9
Zwischenergebnis 25 25 26 26
Neidfaktor
Qualität 5 7 5 6
Design 9 8 7 9
Image 9 10 8 9
Zwischenergebnis 23 25 20 24
Gesamtergebnis 62 65 70 75

Diether Rodatz

Diether Rodatz

Fazit

Eigentlich machen uns moderne Autos arbeitslos. Dienende Servomotoren und aufmerksame Elektronik verwöhnen und bevormunden – und können ermüden. Beim "Es war einmal" der vier großen Opel aber wird jeder Fan hellwach: begreifbare Technik, zeitgemäße Verarbeitung. Nacktes, sichtbares Blechgehäuse etwa der Kapitän-Heizungen? Sieht nicht schön aus, hat aber funktioniert zu Zeiten, als die "Klimaanlage" bei manchem Hersteller noch Aufpreis kostete. Dürre Lenkräder und spillerige Schalthebel? Haben bis heute gehalten. Genauso deren Ausstrahlung: So fuhr das Wirtschaftswunder zu Zeiten als Kerzenbilder noch rehbraun und Auspuffrohre bleigrau sein mussten. Was aber nur den Mechaniker interessierte. Der Kunde schaute aufs Äußere, liebte Chrom und stattliche Erscheinung, wollte dem Nachbarn imponieren. Wie es unter den Bodenteppichen aussah, war ihm egal. Starrachsen rumpelten an Blattfedern, erst der Diplomat B bekam eine De-Dion-Hinterachse, war damit technisch ganz weit vorn angelangt. Dazu der Blick auf die elegante Seitenansicht – kein Wunder, dass er unseren Vergleichstest mit deutlichem Vorsprung gewinnt.

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Kommentare zum Artikel (98)

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Eisenbär
06.02.2011, 14:05Uhr

@Rantanplan

Da stimme ich Ihnen voll und ganz zu: der letzte gute Opel war der letzte Omega. Danach kamen nur noch Wagen, die dem Anspruch der "alten" Käufer nicht mehr gerecht werden. Es regierte der Rotstift. Statt sich der Wünsche der Käufer anzunehmen, versuchte GM den Käufern zu diktieren, was diese zu nehmen hatten.

Einen Opel Signum als Oberklassewagen zu definieren, ts ts ts.

Der Renault Vel Satis, der war ein solcher. Das Schmuckstück kannte ich, aber auch seine Macken. Aber der Signum dagegen:Welch eine Ent- Täuschung... !!!

Velocity
02.02.2011, 14:40Uhr

@Eisenbär

„Ich äußere mich sachlich und Sie nennen mich Opel-Stänkerer“

Nun ja, Sachlichkeit scheint dann doch ein sehr dehnbarer Begriff zu sein, speziell für den user „Neutral“ und das Thema Opel.


„Und noch etwas: das Lancia-Patent ist von 1915.“

Für Flugmotoren ja, für Automotoren 1918!

Eisenbär
01.02.2011, 19:41Uhr

@Velocity

ts, ts, ts,.... Ich äußere mich sachlich und Sie nennen mich Opel-Stänkerer.

In der Fotoserie unter Artikel http://www.autobild.de/klassik/bilder/opel-diplomat-b-1296967.html ist als Bild 10 die Schnittzeichnung einer De Dion-Achse zu sehen.

Es ist nun einmal eine Starrachse. Dabei ist es ganz egal, in welchem Auto diese verbaut wird. Und was spricht dagegen diese Konstruktion als auch heute noch recht brauchbar zu bezeichnen?

Und noch etwas: das Lancia-Patent ist von 1915.

Rantanplan
01.02.2011, 09:12Uhr

Vielleicht sollte man in Detroit mal versuchen, ganz einfache Zusammenhänge zu erstellen. Zu Zeiten, in welchen man Opel Autos der Oberklasse bauen ließ, haben sie viele Autos mit Blitz verkauft und damit viel Geld verdient. Parallel mit dem Ende der Oberklasse (Senator) und dann der oberen Mittelklasse (Omega) ging es mit Marktanteil und Gewinn bergab.

Ein Zusammenhang wäre natürlich rein spekulativ.

Velocity
01.02.2011, 07:22Uhr

@Eisenbär-2

Das aber nicht nur mal so als Notlösung, sondern ganz im Gegenteil, voll bewusst bis hinauf zum 2Mio.-Renner (!).

Und hier reden wir über eine 93 (!) Jahre alte Sache.

3.6L-VR6 im Superb/Phaeton/Cayenne/Touareg
6L-W12 (Doppel-VR6) im Phaeton/Continentel GT/C/Flying Spur
6.3L-W12 (Doppel-VR6) im A8
8L-W16 (Doppel-VR8) im Veyron (= Ableitung des W8, der mittlerweile verbannt wurde!)

Und das wird trotz aller bekannten Nachteile (schwer, durstig, teuer, hoher Reparaturaufwand) nach wie vor als Vorsprung durch Technik verkauft.
Also mal etwas mehr eigene Türe und so…

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