Citroën Kastenente, Acadiane, C15 und Berlingo
Gehören diese Lastesel auf eine Oldtimermesse?

Vergessene Helden des Alltags bekamen endlich eine Bühne: Auf der Retro Classics Essen widmete Citroën dem Berlingo und seinen Vorgängern einen Stand.
Bild: Frank B. Meyer / AUTO BILD
Stellen Sie sich vor, Sie reisen ins Jahr 2006 zurück, treffen an einem Acker in Frankreich einen Bauern mit einem verbeulten Citroën Berlingo und sagen ihm: "Eines Tages wird der Berlingo im Rampenlicht einer großen Oldtimermesse in Deutschland stehen!" Der Bauer würde wahrscheinlich unauffällig schnuppern, ob Sie zwei, drei Pastis oder Rotwein zu viel getrunken haben.
Kastenwagen und Berlingo auf der Retro Classics Essen
Im April 2026 war es aber tatsächlich so weit: Auf der Oldtimermesse Retro Classics Essen 2026 feierte Citroën seine kleinen Transporterchen.
Von 1951 bis 1996 hatte Citroën aus Kleinwagen folgende Kastenwagen gebastelt:
- Citroën AZU, die "Kastenente" (ab 1951)
- Citroën Acadiane, die Kasten-Dyane (ab 1978)
- Citroën C15, der Kasten-Visa (ab 1984).

Citroën Deutschland und die deutschen Citroën-Clubs haben unter anderem diese Ahnenreihe auf die Retro Classics Essen 2026 gebracht: Citroën AZU ("Kastenente"), Acadiane, C15 und Berlingo 1.
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Der Citroën Berlingo war 1996 der Gamechanger – warum, ergründen wir weiter unten. Erst mal kurz zu den drei Kastenwagen-Generationen!
Citroën AZU, die "Kastenente"
Schon die Ente, also der Citroën 2CV, war als Nutzwert-Auto konstruiert worden: vier Türen, recht großer Kofferraum, viel Platz vor allem dank Frontantrieb, niedriger Preis, günstige Unterhaltskosten.

Diese AZU-Kastenente wurde am 1968 erstmals in La Hestre (Belgien) auf die Reinigungsfirma "Publicité Idéale" zugelassen.
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1951 setzte Citroën eins drauf, nein, dran: Hinter die Vordersitze montierten sie einen Blechkasten, der breiter und höher war als das Fahrerhäuschen. Dieses Prinzip haben mehrere Autohersteller später kopiert. (Die Kastenente im AUTO BILD-Test!)

Die Kastenente hat 18 PS. Der Kastenaufbau ist breiter als das Führerhäuschen; die Höhe glich Citroën durch ein höheres Dach überm vorderen Teil weitgehend aus.
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Der Name: Citroën AZU. 250 Kilogramm Nutzlast durften all die Tischler und Maler, Bäcker und Winzer damit transportieren. Am wohlsten fühlten sich die mit kurzen Armen, denn zwischen Lenkrad und Trennwand war wenig Platz. Später kamen auch längere Varianten auf Basis des Citroën Ami 6 und 350 bis 400 Kilogramm Nutzlast. Bis 1978 montierte Citroën mehr als 1,2 Millionen Kastenenten.
Citroën Acadiane, die Kasten-Dyane
1961 brachte Renault den R4 auf den Markt – eine Konkurrenz für die Ente, dank breiter Karosserie und großer Heckklappe viel moderner. Citroën reagierte (sehr langsam) mit einer modernisierten Variante der vorhandenen Technik: 1967 brachten sie die Dyane auf den Markt. Mit großer Heckklappe, umklappbarer Rücksitzlehne, breiterem Innenraum und Scheibenbremsen. (Hier finden Sie unseren Fahrbericht über den Citroën Dyane!)

Ingenieure der Firma Panhard entwickelten aus der Kastenente die Acadiane. Dabei verstärkten sie Rahmen und Achsen.
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1978 führte Citroën die Acadiane als Nachfolger der Kastenente ein. Sie hat 13,5 Zentimeter mehr Radstand als die Dyane, der Kasten ist breit genug für eine Europalette und groß genug für 2,3 Kubikmeter Ware. Die Nutzlast sprang auf 435 Kilogramm.

Diese Acadiane wurde 1986 in Frankreich ausgeliefert. Bis auf zwei eingeschweißte Bleche im Fahrerhaus ist die Karosserie original, berichtet Citroën.
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Acadiane heißt sie deshalb, weil die Kastenente nach dem Entwicklungskürzel AK hieß. Bis 1987 wurden laut Citroën mehr als 250.000 Exemplare gebaut.
Citroën C15, der Kasten-Visa

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Schlanke sechs Jahre später reichten sie die Kastenwagen-Variante nach, den Citroën C15. Auch er hat einen längeren Radstand als die Limousinen-Basis. Das Ladevolumen stieg auf bis zu 2,7 Kubikmeter, die Nutzlast auf 570 bis 765 Kilogramm. Zweizylinder-Boxermotoren wie im Visa gab es im C15 nicht.

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Bis 2005 produzierte PSA rund 1,2 Millionen Citroën C15. In den 2000er-Jahren war gefühlt der ganze Mittelmeerraum mit weiß lackierten C15 bevölkert. Mit 21 Jahren Bauzeit ist der C15 einer der Langläufer der französischen Automobilgeschichte, auch wenn er damit im Schatten der Ente und der 27 Jahre lang gebauten Kastenente steht.
Citroën Berlingo, der große Prinzipbruch
Der große Umbruch kam 1996: Zum ersten Mal gab ein Hersteller das Prinzip auf, das Führerhäuschen eines Kleinwagens an eine Blechbüchse zu schrauben, und konstruierte stattdessen auf Golf-Klasse-Basis ein eigenständiges Modell.

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Damit kamen sie dem Renault Kangoo knapp zuvor. Wobei der den beiden PSA-Konkurrenten anfangs die Schiebetür rechts voraus hatte – der Berlingo hatte zunächst allen Ernstes gar keine Tür für die zweite Reihe. In einer Art Wettrüsten brachte Renault den Kangoo mit zwei Schiebetüren (unvergessen der Werbespot, in dem Bankräuber den gestohlenen Geldsack quer durchs Auto warfen und er wieder auf der Straße landete). Damit zog Citroën beim Berlingo nach. (Vergleichstest: Citroën Berlingo gegen Renault Kangoo)

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Als Basis dienten in diesem Fall die Schwestermodelle Citroën ZX und Peugeot 306. Schwestermodell des Berlingo war der weitgehend baugleiche Peugeot Partner.
Citroën gab bis zu 2,8 Kubikmeter maximales Ladevolumen und Nutzlasten zwischen 547 und 775 kg an. Der Berlingo war mit seiner komfortablen Basis und der erhöhten Sitzposition auch für den privaten Gebrauch verlockender als Acadiane oder C15.
Das Prinzip hatte Erfolg: Citroën baut nach diesem Strickmuster inzwischen den Berlingo in dritter Generation – und hat seit 1996 mehr als drei Millionen Berlingo gebaut. (Mehr Neuheiten des Jahres 1996)

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Kommentar
Um luxuriöse Coupés und Cabrios müssen wir uns keine Sorgen machen. Autos wie der Citroën SM, der Mercedes SL oder der Jaguar XK8 werden immer einen Platz im Rampenlicht haben.
Zur Geschichte des Automobils gehören aber auch die schnöden, praktischen, billigen Autos. Käfer und Polo, klar, aber auch die Klein- und Kleinsttransporter, die immer nur benutzt wurden. Wie eben Citroëns Kastenente, die Acadiane, der C15 und der Berlingo. Auch und gerade die Exemplare mit Spuren der Jahrzehnte. Sie erzählen einen anderen, nicht minder wichtigen Teil der Automobil- und Mobilitätsgeschichte.
Citroën möchte neue Berlingo verkaufen und erinnert auch deshalb an die Vorgänger. Kunden sollen sich an sie erinnern, Citroën möchte ihre Kaufentscheidung beeinflussen. Das ist legitim, und wenn sie zu dem Zweck den alten Lasteseln eine Bühne bieten: desto besser.
Noch mehr feiere ich die privaten Enthusiasten, die ihrem Citroën C15, Opel Combo, Fiat Fiorino, Renault Rapid oder Ford Fiesta Courier so viel Liebe, Zeit und Zuwendung widmen wie andere Leute ihrem Citroën SM, Mercedes SL oder Jaguar XK8. Bitte bleibt dabei! Denn Ihr bringt späteren Generationen ein Gefühl für das Leben von früher nah.
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