Ein Auto wie von einem anderen Stern: Vor 50 Jahren präsentierte das Designstudio Bertone den Entwurf zum Countach LP 500 auf dem Genfer Autosalon, vor dem alle den Blick senkten. Er war flach wie ein Eiskratzer. Mit 1,07 Meter Höhe auf dem Niveau eines Kinderwagens. Eigentlich nur dafür vorgesehen, sich vor Publikum triumphierend auf die Brust zu trommeln, erregte die von Designchef Marcello Gandini verantwortete Studie auch das Interesse von Lamborghini.
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Dass am Ende 151 Stück des ersten Modells Lamborghini Countach LP 400 gebaut wurden, war schon ein riesiger Erfolg. Denn Lamborghini ging finanziell am Stock. Wirtschaftskrise, Streiks. Dann bestellte Bolivien 5000 Traktoren bei Lamborghini, nahm die fertigen Fahrzeuge aber nicht ab. 1973 kam noch die Ölkrise obendrauf. Statt des visionären Armaturenträgers der Studie mit einem aufwendigen Diagnosesystem und Tempowarnung kam das Serienauto mit acht konventionellen Rundinstrumenten in, nun ja, einem Kasten. Die Ziffern des Kilometerzählers stehen übereinander, origineller wird's nicht.

Ein Periskop ermöglicht im Lamborghini Countach die Sicht nach hinten

Doch das Äußere war sogar noch radikaler geworden. Der Motor in der Studie überhitzte schnell; um mehr Kühlluft in den Motorraum zu schaufeln, setzte Bertone schwarze NACA-Lufteinlässe in die Flanken und zwei Kästen hinter die Seitenscheiben, die das Auto noch brutaler aussehen lassen. Von der sanft geschwungenen Seitenlinie lenken sie erfolgreich ab, dem letzten Rest einer Eleganz aus der vorigen Ära. Chrom: eliminiert. Das Heck: wie mit der Axt abgehackt. Wie gern hätte der Designer maßgeschneiderte Leuchten eingepasst – aber sie färbten die Fläche rot und setzten die von der Alfetta ein. Lambo musste sparen.
Lamborghini Countach LP400
Brutal kantige Hutzen sollten ein Überhitzen des Motors verhindern.
Für das kompromisslose Design waren noch mehr technische Kompromisse notwendig: Statt eines konventionellen Innenspiegels hatte die Studie ein Periskop, ein System aus mehreren Spiegeln von der US-Firma Donnelly Mirrors; durch einen Schlitz im Dach sah der Fahrer damit etwa doppelt so viel. Für Bertone brachte der radikale Renner Ruhm ohne Ende: "Bertone hat gezeigt, wozu es Bertone gibt", sagt Paolo Tumminelli, Designprofessor vom Goodbrands Institute in Köln. "Gandini hat die Geometrie radikal vereinfacht: Wie würde jemand, der aus dem Weltall kommt, ein Auto gestalten?" Das war es, was Bertone spätestens von jetzt an ausmachte: "Immer radikal erneuern. Mut zur Innovation, zum Anderssein."
Lamborghini Countach LP400
Der V12 im Countach 400 LP leistet 375 PS und beschleunigt auf bis zu 309 km/h.
Gandini ist ein Glücksgriff des Turiner Büros: Nachdem der Designer Giugiaro die Firma verlassen hatte, stellte Firmenchef Giuseppe "Nuccio" Bertone unverzüglich ein noch unbeschriebenes Blatt ein. Damit bewies er den richtigen Riecher: Marcello Gandini präsentierte bereits vier Monate später drei Studien. Gefördert von Nuccio, lief er dann ab 1967 zur Höchstform auf: Er produzierte einen Keil nach dem anderen.
Lamborghini Countach LP400
Sind die Scheinwerfer eingeklappt, stört nichts die sanft ansteigende Linie der Keil-Karosserie.
Den Lamborghini Marzal, den Alfa Romeo Carabo, den Autobianchi A112 Runabout, aus dem der geniale Fiat X1/9 wurde, den Lancia Stratos HF und 1971 mit schließlich den Countach LP 500 – die Studie, aus der 1973/74 der Serien-Countach wurde. Damit hatte Bertone einen weltweit sichtbaren Pflock eingeschlagen: Wir sind die für die kantigen, für die radikalen Autos! "1967 bis 1979, vom Marzal bis zum Volvo Tundra, da war Bertone die Referenz", sagt Paolo Tumminelli.
Lamborghini Countach LP400
130 Liter Stau­raum hinterm Motor. Das originale Lamborghini­-Taschenset ist noch seltener als das Auto.

Später geriet auch Bertone in Schwierigkeiten

In den 80ern war es Bertone, der in Bedrängnis war. Die Autoindustrie in Europa hatte Überkapazitäten, keiner buchte noch externe Karossiers, um Serienautos zu montieren. Sogar den Design-Auftrag für den Fiat Uno hatte Giugiaro Nuccio Bertone gerade vor der Nase weggeschnappt. Auf dem Genfer Salon 1983 sprachen ihn Skoda-Leute an, die soeben bei Giugiaro und Pininfarina abgeblitzt waren: ob er ihr radikal neues Auto gestalten wolle? Das Modell, das nach mehr als 20 Heckmotor-Jahren der erste Fronttriebler werden sollte? Klar wollte er.
Lamborghini Countach LP400
Ferrero-Lenkrad und offene Schalt­kulisse sind zwar toll, können mit der Außenform aber nicht mithalten.
Das Ergebnis, 1987 in Brünn enthüllt, war zwar kein großer Wurf. Wenig Geld, schlechte Presswerke, schlecht gelaunte Mannschaft – dem Skoda Favorit sieht man an, dass Qualität relativ weit hinten stand bei der Fertigung. Reizvoll ist der Favorit dennoch. Historisch bedeutend, in Details teils billig, teils überraschend aufwendig, vom gedämpften Handschuhfachdeckel bis zur innen gepolsterten Heckklappe. Er markiert das Ende der Ära, in der Bertone das Design der gesamten Branche beeinflusste.

Fazit

Beim Lamborghini Countach war der Auftragge­ber verzweifelt und Bertone voller Tatendrang, beim Skoda Favorit war es umgekehrt. In beiden Fällen machte Not erfinderisch, und an den Autos kann man es ablesen. Wie schade, dass Bertone 2014 pleite ging. Ende der 60er­ bis Ende der 80er­ Jahre bewiesen sie, dass freies Denken und Mut sich oft lohnen. Danke dafür! Und für die Autos.