Frankreichs abgefahrenster Autohandel

Goldies Oldies

Marina und Roland Wolter hatten das Leben in Deutschland satt. Vor sechs Jahren kauften sie einen alten Hof in der Auvergne. Hier betreiben sie ihren Oldtimerhandel der etwas anderen Art.
Zum Verkauf steht ein Alvis TD 21, Baujahr 1960, mit Sechszylindermotor und versifften Sitzen. "Formsch√∂n und mit Drahtspeichenr√§dern", steht im Text der Ebay-Anzeige. Auf dem Foto posiert eine Dame, die, sagen wir mal: Hitze hat. Minir√∂ckchen, knappes Oberteil, riesiger Ausschnitt. Marina hei√üt die Blondine. Und sie steht nicht nur vor dem Alvis. Marina l√§chelt neben R 4, zeigt Bein vor DS und Kurven vor Taunus. Da m√ľssen wir hin. Loddes. Ein kleines Kaff in der Auvergne, dem franz√∂sischen Naturparadies. Die Gegend ist gottverlassen, jede Stra√üe menschenleer. Nur in La Verni√®re tobt das pralle Leben. Ein altes graues Haus, daneben ein nicht ganz so altes graues Haus, ganz links eine alte graue Halle, davor und dazwischen Dutzende Autos mit oder ohne Lampen, mit Rostflecken oder Rostl√∂chern.

Rund 150 Oldtimer auf 26.000 Quadratmetern

Das Konzept von Goldies Boutique: Marina posiert vor den Oldtimern, ihr Mann Roland besorgt die Autos.

Herzlich willkommen in Frankreichs abgefahrenstem Autohandel. Marina √∂ffnet die T√ľr, der Ausschnitt ihrer Bluse ist noch viel gr√∂√üer als auf den Fotos im Internet. Im Wohnzimmer stehen drei Sofas und eine Theke, darauf eine Skulptur in Form einer Nackten. Marina erkl√§rt: "Hier war fr√ľher mal eine Kneipe, der Wirt hat sich umgebracht, sein Sohn zu Tode gesoffen." Dann geht sie durch die K√ľche in ihr angrenzendes B√ľro: "Wir haben alles renoviert, sind aber noch lange nicht fertig." Wir, das sind Marina und Roland Wolter. Die beiden haben sich 2001 √ľber eine Zeitungsannonce kennengelernt. Dann gleich der erste gemeinsame Urlaub in Frankreich. Sie sahen das 26.000 Quadratmeter gro√üe Anwesen und das Schild "a vendre" ("zu verkaufen"), waren hin und weg. Und haben gekauft, mit ihrem Leben in Deutschland abgeschlossen.

Der Ausstieg: Verkauf von Plunder auf einem alten Bauernhof in Frankreich

Rund 150 Klassiker auf 26.000 Quadratmetern: Goldies Boutique ist ein Paradies f√ľr Oldtimerfans und Schn√§ppchenj√§ger.

"Ich war Sachbearbeiterin in einer Maschinenfabrik im Siegerland", erkl√§rt Marina, die 47 ist und fig√ľrlich zumindest f√ľr 35 durchgehen k√∂nnte. "Jeden Morgen ins B√ľro und f√ľr die Rente schuften, die man sowieso nicht bekommt. Nee, darauf hatte ich keine Lust mehr." Roland grinst. Der 55-J√§hrige tr√§gt Jeanshose, Jeanshemd und Arbeitsschuhe. Er hat in seinem Leben schon fast alles gemacht, war G√§rtner und in der Weinlese aktiv, hatte vor ein paar Jahren einen Herzinfarkt. Jetzt gie√üt er sich die dritte oder vierte Tasse Kaffee ein, zieht gen√ľsslich an seiner x-ten Gauloises und ist zufrieden: "Die Autos, der Hof, Marina, das ist mein Ding." Als die beiden 2004 in das Anwesen zogen, er√∂ffneten sie im Keller einen Flohmarkt. Verkauften Plunder, den sie aus ihrem alten Leben mitgebracht hatten, Geschirr, Kleidung. "Ich war schon immer J√§ger und Sammler", erz√§hlt Roland.

Erstes Auto: Peugeot 403

Auch einen Peugeot 403 brachten sie mit. Den wollte aber keiner. Jetzt steht er zwischen all den anderen Oldtimern, ist Symbol des neuen Lebens. "Der kostet 100.000 Euro, mindestens. Aber den verkauf' ich nie", sagt Roland. F√ľr alte Autos hatte er schon immer eine Schw√§che. "Wenn ich nach Frankreich gefahren bin ‚Äď nur mit Anh√§nger. Dann hab' ich f√ľr 2000 Euro einen Peugeot oder Citro√ęn gekauft und in Deutschland f√ľr 4000 wieder verscherbelt." So finanzierte er seine Urlaube. Dass mit deutschem Plunder in Frankreich kein Staat zu machen ist, merkten die beiden Aussteiger schon nach wenigen Wochen. Dann lernten sie einen betagten Franzosen namens Pierre kennen. "Pierrot", wie Marina und Roland den Kauz nennen, handelt mit Oldtimern, einige Kilometer weiter am anderen Ende der Auvergne, wo die Gegend ebenso gottverlassen ist wie in Loddes. Dieser Pierrot karrte Marina und Roland die ersten Rostlauben auf den Hof.

Verkaufsfördernde Maßnahmen: Strapse, Dessous, hohe Stiefel

In Goldies Boutique finden sich auch Raritäten wie ein Mercedes L319. Mit dem 319er stieg Mercedes 1956 in den Markt der Transporter ein.

Die beiden fingen an, zu verkaufen. Denn La Verni√®re liegt strategisch g√ľnstig direkt an einer Schnellstra√üe, auf der Urlauber fahren, die Autobahnmaut sparen wollen. Das Gesch√§ft brummte, Roland holte immer mehr Oldtimer. Wie gesagt: Er f√§hrt nie ohne H√§nger los, "und wenn ich wiederkomme, steht da immer ein Auto drauf". Irgendwann lief es so gut, dass die beiden ihre Oldtimer via Internet anboten. Die Homepage hei√üt "Goldies-Boutique.eu", das  Markenzeichen ist "Goldie", wie Roland sie wegen ihrer langen, blonden Haare nennt. Er kaufte ihr Dessous, Strapse, hohe Stiefel. Und fotografierte sie vor den Oldtimern. "Sie zeigt sich halt gern", erkl√§rt der 55-J√§hrige. Um auf die Homepage aufmerksam zu machen, stellen die beiden regelm√§√üig Autos bei Ebay ein. Die Resonanz? Marina l√§chelt: "Ich hab' einen eigenen Fanklub in Polen. Einer hat mir sogar schon mal Strapse mit Fell zugeschickt, weil ich auf den Fotos immer so wenig anhabe."

Das Konzept: Roland kauft die Oldtimer, Marina posiert f√ľr die Fotos

Der Zustand der Autos? Meistens restaurationsbed√ľrftig. Auch dieser Ford Anglia Estate aus den 60ern ist ein Pflegefall.

Und dann war da noch die Sache mit den beiden M√§nnern, die zu Besuch waren. "Einer von denen hat gefragt, was eine Nacht mit Marina kostet", sagt Roland. "Was meinst du, wie schnell die Typen weg waren?!" Er besorgt die Autos, sie posiert auf den Fotos. So lautet die Gesch√§ftsidee. Und es l√§uft. 200 Karossen kaufen und verkaufen die beiden pro Jahr, Zustand zwischen Note vier und sechs. Mittlerweile ist der Hof f√ľr all die Autos zu klein geworden, nur etwa 120 bis 150 stehen in La Verni√®re. Das j√ľngste ist ein gespachtelter Mexiko-K√§fer mit Frontspoiler, das √§lteste ein Vorkriegs-Mathis mit Holzkarosserie und Rosshaar-D√§mmung. Im Garten wuchert Unkraut um einen Peugeot-203-Pritschenwagen, Enten rosten vor sich hin, und HY-Wellblechb√ľchsen warten mit offenen Schiebet√ľren auf den Prinzen, der sie k√ľsst.

Roland kennt jeden Bauern und jede Scheune im Umland

Angekurbelt: Seitdem die Wolters Oldtimer verkaufen, brummt das Geschäft. Pro Jahr handeln sie rund 200 Fahrzeuge.

In benachbarten Hallen wollen 350 weitere Rostlauben aus ihrem Dornr√∂schenschlaf befreit werden, viele sind komplett, bei den meisten dreht der Motor, daf√ľr fehlen Fahrzeugpapiere. Roland r√ľhrt keinen der Oldies an. Er schie√üt Fotos, Marina stellt die Autos ins Internet. Wie der Oldtimermarkt in Frankreich aussieht? Roland winkt ab: "Schreib' einfach, dass es von privat nichts mehr gibt, die Leute m√ľssen zu uns kommen." H√∂ker wie Roland und Pierre haben den Markt leer gekauft, kennen jeden Bauern und jede Scheune und wissen, wo noch was zu holen ist. Das Problem: "Du brauchst einen Schl√ľssel, um die T√ľr zu √∂ffnen. Du musst mit den Bauern franz√∂sisch sprechen und mit ihnen auf einer Wellenl√§nge sein", wei√ü der 55-J√§hrige. Und Geduld haben. Ja, Geduld sei wichtig, sagt Roland. "Ich kenne einen Bauern, der hat Sch√§tze aus den 20er-Jahren in seiner Scheune. Wenn der mal verkauft, bin ich der Erste, den er anspricht."

Die Wolters suchen Mitstreiter-Paar zum gemeinsamen Leben und Arbeiten

Dann geht er raus, zeigt Garten, Pool, Ferienhaus. "Manchmal", sagt Roland, "wird das alles ein bisschen viel. Wir k√∂nnen nicht einen Tag wegfahren." Via Internet suchen die beiden "ein nettes, tolerantes Mitstreiterpaar zum gemeinsamen Leben und Arbeiten" ‚Äď bislang ohne Erfolg. Vielleicht bringt eine andere Offerte ja mehr Gl√ľck. Zum Verkauf steht diesmal kein Alvis, sondern eine Woche Urlaub mit Silvesterfeier, 400 Euro kostet der Spa√ü. Fr√ľhst√ľck inklusive. Auf den Bildern ist Marina zu sehen, im knappen Zweiteiler. Aber auch andere M√§dels, √ľberwiegend in Neglig√©s. Szenen einer Ehe mit Oldies. Goldies Boutique eben. Was dagegen?

Autos aus Frankreich: Vorsicht, Schnäppchen!

Welche Oldtimer sind in Frankreich noch reichlich zu haben? In den 90er-Jahren gab es eine Verschrottungspr√§mie, deshalb ist das Angebot an Youngtimern nicht mehr ganz so gut. Trotzdem kann man f√ľndig werden, wei√ü Joachim Kaiser (44), Vorsitzender des Franzosenklubs PeReCi in Berlin. Zum Beispiel gibt es Peugeot 404 und 504 als rostfreie Limousinen aus Altherren-Erstbesitz, 505 in der Standardausf√ľhrung oder Renault 4, 5, 16 und 20. Citro√ęn-CX-Modelle fahren in Frankreich oft in der Zweiliter-Variante, Autos von Talbot (Horizon, Solara) gibt es ebenfalls noch.
Bei welchen Modellen sind echte Schn√§ppchen drin? Hier ist Vorsicht geboten. Die Franzosen basteln gern an ihren Autos, improvisieren lieber, als in die Werkstatt zu fahren. Wer sucht, findet gute und gepflegte Peugeot 104 und 305 oder Vorkriegs-Modelle des Citro√ęn Traction Avant. Die kosten allerdings mindestens 10.000 Euro, wenn sie wirklich fit sind. Was Oldtimer-Fans in Frankreich meist vergebens suchen: Autos der Oberklasse oder der oberen Mittelklasse wie Peugeot 604, Citro√ęn SM oder Renault 30. Wegen der hohen Steuern wurde so was fast gar nicht verkauft. Und auch gute, bezahlbare Citro√ęn DS sind Mangelware. Die "G√∂ttin" genie√üt auch in Frankreich Kultstatus.
Wo und wie finde ich meinen Traum-Oldtimer? Nur wer ganz viel Zeit und Geld hat, f√§hrt auf gut Gl√ľck zum Autokauf nach Frankreich. Wer es trotzdem macht: Man sollte Franz√∂sisch sprechen k√∂nnen. Besser: vorher in Deutschland informieren. Es gibt zahlreiche Markenklubs. Einer davon ist PeReCi in Berlin. Die Auto-Fans haben sich auf Peugeot, Renault und Citro√ęn spezialisiert, kennen sich aus mit Talbot und Simca. Eine sehr gute √úbersicht von Markenklubs gibt es auch beim Deuvet, dem Bundesverband f√ľr Klubs klassischer Fahrzeuge. Und, ganz klar: Von Ebay-Blindk√§ufen ist grunds√§tzlich abzuraten.
Was ist bei der √úberf√ľhrung zu beachten? Frankreich geh√∂rt zur EU, deshalb fallen weder Zoll noch Mehrwertsteuer an. Wenn der Oldie auf eigener Achse f√§hrt, ist immer eine Panne drin ‚Äď besser per Anh√§nger √ľberf√ľhren.
Welche Dokumente sind bei der Zulassung n√∂tig? Original Fahrzeugpapiere sowie der Kaufvertrag sollten vorliegen ‚Äď und die Unbedenklichkeitsbescheinigung des KBA, Infos beim Kraftfahrtbundesamt.

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