Mercedes 380 SL R 107

— 30.05.2012

Liebling der besseren Gesellschaft

Eigenheim, sicheres Einkommen, geordnete Verhältnisse – und ein Mercedes-Cabrio. Wer es geschafft hatte in der späten Bonner Republik, gönnte sich einen SL der 107er-Serie. Dieser Mercedes schlägt die Brücke zwischen Anstand und Koketterie.



Er hat die Kraft und die Gelassenheit. Sie werden dein, und zwar schon bei den letzten Schritten auf ihn zu, wenn du den Schlüssel aus der Tasche ziehst: Du weißt, er wird dich ans Ziel bringen – nein, das ist nicht selbstverständlich bei alten Autos. Das Vergnügen wächst, sobald du Platz nimmst: SO muss eine Tür ins Schloss fallen. SO muss ein Interieur aussehen – schlicht und unaufdringlich. Es wird dir auch im siebten Jahr mit deinem SL mit dewm schlichten Kürzel R 107 nicht auf den Wecker gehen, wenn du im Stau stehst und den Blick wandern lässt. Am besten ist das Fahren: dieses unvergleichliche Mercedes-Gefühl, als sei das Auto ein fahrbares Eigenheim, also eine Anschaffung zum Vererben. Kein anderer Hersteller hat das hinbekommen. Seinerzeit verglichen ihn Autokenner mit dem Jaguar XJ-S, dem Fiat 130 Coupé und sogar, haha, mit dem Ferrari Dino 308 GT4. Natürlich gewann der SL haushoch.

Der 107er-SL sichert immer einen gediegenen Auftritt. Dabei wirkte er auf viele Mercedes-Fans der frühen 70er zu technokratisch.

© C. Bittmann

Der Jaguar? Zwölf Zylinder, ja – aber wehe, du schaust unter die Motorhaube, empfindsame Menschen sind bei dem Anblick schwermütig geworden. Der Fiat? Pininfarina-Grandezza, prima – aber anscheinend zusammengeschraubt von Aushilfen, und eine Diva von Motor. Der Ferrari? Ein hopsender Gaul, aber ohne Pininfarina-Optik. Und noch so eine Motor-Diva ... Der SL machte daneben einen eher stillen Eindruck, manche Tester rümpften die Nase über diese gewölbte Motorhaube, die sie als zu schwülstig empfanden. Aber das war vorbei, als die Testkandidaten zeigten, aus welchem Holz sie geschnitzt sind. Die Konkurrenten machten Theater, ließen die Motoren kreischen und die Reifen rauchen. Der SL dagegen räusperte sich kurz, ging an die Arbeit – und die anderen fraßen seinen Staub. Und dann sein unaufgeregtes Design – zum Verlieben. Das war anfangs nicht so, denn es gab genügend Mercedes-Fans, die dem Pagoden-SL hinterhertrauerten. Dabei hat der R 107 einfach alles: Er sieht bis heute weder verstaubt aus noch verrutscht, und zwar egal ob er offen dasteht, mit Hardtop oder Flatterverdeck. (Entschuldigung, ein Fauxpas. Dieses Verdeck flattert nicht.) Der R 107 wurde mit Sorgfalt konstruiert, darüber freut sich heute noch jeder Mechaniker: Egal wo er das Werkzeug ansetzt, er merkt, dass sie damals im Werk an ihn und seinen Schraubenschlüssel gedacht haben. Und: So ein SL wurde mit Sorgfalt gebaut, von gut bezahlten und hoch motivierten Facharbeitern, die mit Stolz "beim Daimler schaffen" gingen.

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Ein Cabrio, aber mit drei Alltagsoptionen: offen, geschlossen mit Verdeck oder mit wintertauglichem Hardtop.

© C. Bittmann

Der R 107 fühlt sich gut an, ob man nun den Türgriff in die Hand nimmt oder eine der fünf runden Lüftungsdüsen. Und das wird auch so bleiben – nichts an diesem Typ leiert aus. Nicht zuletzt hat er eine ganze Palette an Motoren, ein eigenes Angebot für jedes Öhrchen, für jeden Gasfuß. Vor dem Kürzel SL scharen sich allerlei Zahlenfolgen, von denen drei besonders hervorstechen. Da wäre der 280 SL mit seinem Doppelnockenwellen-Sechszylinder M110, ein absolut autobahntaugliches Aggregat, das erst bei höheren Drehzahlen richtig wach wird. Ein Sportmotor, der selbst nach über 200.000 Kilometern noch einen Tag lang Vollgas läuft und sich dabei wohlfühlt. Dann der 500 SL mit Leichtmetall-V8 und 240 PS, der bringt den 107er nach heutigen Begriffen noch in Wallung. Tja, und zum Schluss noch der 300 SL, gebaut von 1985 bis zum Schluss im Sommer 89, wieder ein Sechszylinder in der Tradition des M110 – aber bitte sehr, Daimler-Benz, diese Typbezeichnung ist ein Unglück: Es gibt doch nur einen wahren 300 SL ! Wie konnte das passieren? Dieser SL stammt aus der besten Zeit bei Daimler-Benz, als selbst ein Luxusauto zurückhaltend dastehen durfte, als sich Sinnlichkeit leise und langsam erschloss.

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Dieser Anblick kann einen jahrelang erfreuen: freundlich, gediegen, frei von Styling-Spielereien.

© C. Bittmann

Ja, der R 107 ist bürgerlich durch und durch, aber im Sinne eines längst vergangenen Bürgertums, wie wir es bei der Fernseh-Familie Hesselbach aus den schwarzweißen Sechzigern lieben. Zur Erinnerung: "Karl, mei Troppe!" Da liegt der Anstand in ständigem Ringen mit Ausbruchsfantasien, da kämpft blank gewienerte Ordnung gegen das Chaos der Straße und der Gefühle – aber am Schluss jeder Folge, wenn die Konflikte sich lösen, darf man das Leben genießen. Genau am Punkt dieser Erlösung parkt der R 107. Der ursprüngliche und eigentliche 300 SL, der mit den Flügeltüren, der war ein Sportler – nein: mehr ein Krieger, so kompromisslos, dass ihn die wenigsten heutigen Fahrer verkraften. Der R 107 ist nicht sportlich, alles Extreme liegt ihm fern. Er ist gesittet wie die Leute, die ihn neu kauften. Und die trafen eine gezielte Wahl, denn billig war der SL nie – wer prunken oder prollen wollte, hätte für dasselbe Geld passenderes Gestühl bekommen, siehe oben. Leider hat das besonders nach Produktionsende nicht mehr jeder verstanden. Viele 107er gerieten an Besitzer, die glaubten, ihren jungen Gebrauchten ein bisschen aufbrezeln zu müssen. Deshalb treffen wir heute oft auf Exemplare mit bizarren Lenkrädern, vulgären Felgen und glitzernden Verpimpungen. Immerhin, das meiste davon lässt sich wieder rückgängig machen. Das gilt auch für Exportautos, immerhin verließen vier Fünftel aller R 107 die Bundesrepublik.

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Den Amerikanern gefiel er besonders gut, sie nahmen meist die V8-Version, allerdings wollte der zuständige Gesetzgeber die einschlägigen Modifikationen, weshalb US-Exemplare Glupschaugen haben statt Scheinwerfern und Rammböcke anstelle von Stoßstangen, dazu große Löcher in der Flanke für die Positionsleuchten. Auch das lässt sich alles rückrüsten – aber billig ist es nicht. Ein Reimport aus den USA mag zwar gute Substanz zum günstigen Tarif bieten. Wer aber die Vergangenheit seines SL verschleiern möchte, hat die Ersparnis schnell pulverisiert. Für einen offenen Mercedes durfte man seinerzeit sparen. Das war ehrenwert: Selbst Gutverdiener pflegten jeden Monat ein paar Scheine beiseite zu legen und freuten sich auf den großen Tag. Und wenn sie ihn schon ein Jahr hatten, ihren SL, dann merkten sie, dass das erst der Auftakt war. Ein R 107 entfaltet sich langsam ins Leben seines Besitzers, aber sehr nachhaltig. Wer darauf vorbereitet ist, sitzt hinter seinem großen Lenkrad und den glänzenden Zebranoholzleisten richtig. Und er wird spüren, dass ein SL solche Menschen schätzt, die so sind wie er: Idealerweise haben sie Kraft und Gelassenheit. Und eigentlich sind sie im Ziel, bevor sie ein Mercedes dorthin bringen kann. "Karl, mei Troppe! Du hast an SL gekaaft? Was solle dann die Nachbarn denke?" Ach, Schatz: Lass sie denken.

Technische Daten

Alles durchdacht und logisch: Der Mechaniker freut sich über sinnvoll aufgebaute Technik im 380 SL.

© C. Bittmann

Mercedes 380 SL Motor: V8-Leichtmetall-Motor, wassergekühlt • eine oben liegende Nockenwelle pro Zylinderbank • zwei Ventile pro Zylinder • mechanische Benzineinspritzung Bosch K-Jetronic • Bohrung x Hub 88 x 78,9 mm • Hubraum 3839 ccm • Verdichtung 9,4:1 • 150 kW (204 PS) bei 5250/min • 315 Nm bei 3250/min. Antrieb/Fahrwerk: Vierstufenautomatik • Hinterradantrieb • Einzelradaufhängung, vorn Doppelquerlenker, hinten Schräglenker, rundum Schraubenfedern, Teleskopdämpfer und Drehstab-Stabilisatoren • Scheibenbremsen vorn/hinten • Reifen 205/70 VR 14. Maße: Radstand 2460 mm • L/B/H 4390/1790/1305 mm • Leergewicht 1640 kg • Fahrleistungen/Verbrauch: Spitze 207 km/h, 0–100 km 9,5 s • Verbrauch 17 l/100 km • Neupreis: 64.400 Mark (1982).

Historie

Das Prinzip SL gab es in ersten Ansätzen schon in den 30er-Jahren, doch erst in den 50ern bekam es diesen Namen. Zwei Elemente machen einen SL aus: die elegante Karosserie und der Reihensechszylinder. Kurioserweise fanden diese Elemente zunächst nicht zusammen, das Biest 300 SL lief neben dem gesitteten 190 SL – der eine hatte den Motor, der andere die Eleganz. Die "Pagode" (der W 113, ab 1963) war der erste echte SL: zurückhaltend elegant, wonnevoll anzusehen und zu fahren, aber kein Raser. Der Nachfolger R 107 musste ab 1971 enorme Erwartungen erfüllen und tat es mit großem Talent. 18 Jahre lang blieb er in Produktion, das überspannt zwei langlebige S-Klasse-Generationen. 1985 kam eine Modellpflege, die aber nur bei genauerem Hinsehen zu erkennen ist. Die Sacco-Planken blieben ihm erspart, er durfte seine eigenwilliges Riffeldesign bis zum Schluss zeigen, an den Flanken wie bei den Heckleuchten. Gewaltige 237.287 Stück konnte Daimler-Benz verkaufen. Coupé-Bruder SLC, obwohl technisch identisch, schaffte nicht ein Drittel davon. 1989 führte der hochmoderne R 129 die SL-Idee weiter.

Plus/Minus

Dieser SL stammt aus der besten Zeit bei Daimler-Benz, als selbst ein Luxusauto zurückhaltend sein durfte.

© C. Bittmann

Sie können rosten, besonders die frühen Jahrgänge. Und sie können saufen. Doch es gibt Auswege: eine sorgfältige Inspektion beim Kauf, anschließend eine umfassende Versiegelung und milde Fahrweise. Aber selbst wer einen alten SL nicht ungebührlich tritt, sollte keine Scheu vor Tankstellen haben. Ansonsten gibt es ein Wort, das den R 107 am besten beschreibt: gediegen. Wer Abenteuer und Spektakel sucht, wer von dem Wort "bürgerlich" Pickel bekommt, der ist mit diesem Benz falsch bedient. Vorsicht ist bei US- oder Japan-Reimporten geboten: Auf keinen Fall sollte man einen R 107 ohne fachkundige Unterstützung kaufen, und schon gar nicht blind per Telefon oder Mail. Eherne Regel: Ein guter Mercedes SL ist nie billig – auch nicht am anderen Ende der Welt.

Ersatzteile

Es ist ein Mercedes, bitte schön. Man rufe bei der nächsten Daimler-Niederlassung an, nenne seinen Wunsch und hole am nächsten Tag das gewünschte Teil ab. Das gilt für die Technik und fast alles andere. Schwierig ist es nur mit ein paar exotischen Sitzbezügen geworden. Der R/C 107 SL-Club mit 3000 Mitgliedern steht in regem Kontakt zum Mercedes-Benz-Classic-Center, das seiner Verantwortung für die Teileversorgung vorbildlich nachkommt. Manche Teile sind verblüffend günstig, für andere muss man richtig in die Tasche greifen – ein Satz neuer Europa-Stoßstangen ist so ein Fall, andere kaufen dafür ganze Youngtimer mit neuem TÜV. Generell gilt: Wer klamm ist, sollte keinen R 107 anschaffen.

Marktlage

Traumhaft. Das Angebot ist reichhaltig – ein 350 SL in Grünmetallic mit cremefarbenem Leder und fünfstelliger Laufleistung? Lässt sich finden. Wer genaue Vorstellungen über die Ausstattung seines Traumautos hat, muss länger suchen, wird aber wahrscheinlich fündig werden. Andererseits gibt es jede Menge Interessenten. Das treibt die Preise, außerdem besteht die Gefahr, an einen Blender zu geraten.

Empfehlung

Ein 280 SL. Unter die Motorhaube eines SL gehört ein Reihensechszylinder, das verlangt die Tradition. Der Leichtmetallmotor M 110 macht den SL zum echten Autobahnstürmer. Das Aggregat will ein bisschen Pflege, die es aber mit viel Vergnügen belohnt – auch das ist Teil der SL-Folklore.

Autor: Till Schauen

Fotos: C. Bittmann

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