Am Ende des Tages wird es Zeit sein, sich bei Michael Cosson zu bedanken, einem Ex-Präsidenten des Automobile Club de l'Ouest, kurz ACO. Aber noch ist es nicht soweit. Noch stehen wir an einem ein paar Grad zu kühlen Morgen vor einem Auto, das aussieht wie eine Mischung aus einem Porsche 911 und einem gestrandeten Wal.
Porsche 911 GT1 /97
Kraftwerk: Blick auf die Hinterachse mit dem Getriebe darauf, der Sechszylinder-Boxermotor mit 544 PS aus 3,1 Liter Hubraum befindet sich links davon.

Es hat Spaltmaße wie ein sowjetischer Ackerschlepper, und man kann nur mühsam einsteigen. "Wir", das schließt den langjährigen Formel-1-Fahrer Mark Webber ein, einen netten Australier mit trockenem Humor. "Durchschnitt kann jeder, deshalb gibt es so viel davon", sagt er, und mit Blick aufs Auto: "Porsche macht halt nichts Durchschnittliches."

Selbst für einen Porsche speziell

Kann man so sagen. Auch wenn wir noch keinen Meter gefahren sind, ist klar: Das Ding hier ist ziemlich speziell, sogar für Porsche-Verhältnisse. Nur gebaut, um das prestigeträchtigste Autorennen der Welt zu gewinnen, und zugleich gezwungen, sich im Verkehr zu bewähren, jedenfalls theoretisch: der 911 GT1, von 1996 bis 98 nur 25-mal hergestellt und am Ende in Le Mans Sieger.

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Ob er auch den Alltagstest besteht, wollen wir heute probieren auf einer Fahrt durch die Alpen nach Italien, mit allem von Serpentinen bis Stadtverkehr, und am Ende muss noch eingekauft werden. Eine Kleinigkeit nur, so viel steht gleich zu Anfang fest, denn selbst für eine Jacke fehlt der Platz.

Hier ist wirklich alles aus Carbon

Wir schieben uns über extrabreite, carbonverkleidete Schweller und den nach hinten ansteigenden Gitterrahmen in schwarze Lederschalen. Die Tür fällt ganz leise ins Schloss, weil sie so leicht ist. Wie der Rest der Karosserie besteht sie aus Carbon, die Plexiglasscheiben sind eingeklebt. Das klingt aber nur spartanisch.

Bildergalerie

Porsche 911 GT1 /97
Porsche 911 GT1 /97
Porsche 911 GT1 /97
Kamera
Ausfahrt im Porsche 911 GT1/97

Alles ist mit Teppich, Kunststoff und Leder verkleidet, auch das Armaturenbrett. Das stammt aus der letzten luftgekühlten Elfer-Generation 993, die steile Mittelkonsole ist hier anders: zwei Schalterreihen, ein Sportlenkrad ohne Airbag und ein hoch aufragender Schalthebel. Der Abstand zwischen Lenkrad und Hebel beträgt nur eine Handbreit. "Schau dir das an! Für einen Rennwagenfahrer ist das perfekt", schwärmt Webber.
Porsche 911 GT1 /97
Chefsessel: Das Cockpit vom Renn-Elfer unterscheidet sich gar nicht so sehr von dem eines Serienautos: fünf Instrumente, Zündschlüssel links, Mittelkonsole.

Der Motor wird selbst bei diesem Superspezial-Elfer per Zündschlüssel links vom Lenkrad gestartet und macht dann erstaunlich wenig Aufhebens. Nach zwei, drei Sekunden Anlasser-Orgeln verfällt er in bassigen, ruhigen Lauf. Die Motoraufhängung ist steif – von den generell wenigen Vibrationen eines Boxermotors finden hier einige den Weg in die tragende Struktur. Die besteht aus 911-Vorderwagen und dem auf Höhe der Sitze angesetzten Rahmenheck.

Ab Tempo 70 werden Gespräche schwierig

So ließen sich damals Crashtests für die Straßenzulassung vermeiden (vorn) und Renntechnik einbauen (Mitte und hinten). In der Mitte sitzt der 3,2-Liter-Sechszylinder, der in Rumpf und Details vom legendären Gruppe-C-962 abstammt: Zylinderkühlung und Gemischaufbereitung etwa sind identisch.
In Fahrt zeigt sich, warum Ohrstöpsel im Auto lagen: Im Schiebebetrieb mahlt das hinter dem Motor montierte Getriebe markerweichend, und bei etwas Tempo macht sich die fehlende Dämmung bemerkbar. Ab 70 werden Gespräche schwierig, dabei fährt der GT1 bis über 3000 Umdrehungen ganz brav. "Hier wird er lebendig!", schreit Webber und wischt mit dem Zeigefinger bei 4000 bis 7000 Umdrehungen über den Drehzahlmesser, während der Porsche plötzlich brüllend nach vorn schießt.
Porsche 911 GT1 /97
Flachmann: Kopfsteinpflaster und hohe Bordsteine sind für die Millionen Euro teure Rarität ein No-Go, weil die Karosserie so nach am Boden ist.

Als er vom Gas geht, droht ein Schleudertrauma: Die gegen 544 PS gestemmten Nackenmuskeln haben nichts mehr zu tun, der Kopf schnellt nach vorn, bevor das Hirn die Trägheitsveränderung erkannt hat. Dabei sind die Achtkolben-Festsättel an der Vorderachse (hinten: vier) nicht zum Einsatz gekommen. Porsche hat mal berechnet, dass die Verzögerung dann 2000 PS entsprechen soll.

Eine Jacke braucht man hier nicht

Dass nicht mal Platz für eine Jacke war, entpuppt sich mit der Zeit übrigens als undramatisch. Hitze, vom Motor hinter den Sitzen erzeugt, steht im Auto, bei jedem Stopp öffnen wir die Türen, damit sie entweicht. "Typisch Rennwagen", sagt Webber. Die Klimaanlage aus dem 911 liefert aus unklaren Gründen nur Frost. An solchen Details zeigt sich die Kleinstserie. Nur zwei Straßen-GT1 wurden 1996 von der ersten Version mit 993-Design gebaut, gar nur einer von der ultraflachen 98er-Version.
Porsche 911 GT1 /97
Zwei in einem Boot: Formel-1-Rennfahrer Mark Webber (rechts) und Henning Hinze von AUTO BILD KLASSIK vor der Alltagstour im Nicht-Alltags-Auto.

Mit 21 Autos war es vor allem die 97er Variante in 996-Optik, aus der die für die GT1-Zulassung nötigen 25 Straßenautos stammen. Die macht Preissprünge von 1,1 Millionen Euro 2012 über 5,1 im Jahr 2017 bis 12,3 im Jahr 2020. Unser Werksprototyp könnte inzwischen so viele Millionen wert sein, wie AUTO BILD KLASSIK in Jahren alt ist, also 15.

Wie passend, dass sich die Fahrt durch Italien hingezogen und Mark Webber einen Termin hat, bevor wir unseren kleinen Einkaufsbummel durchziehen können. "Bye, Kumpel", winkt er knapp, und die Sache hängt an mir. Sie hat nur einen Haken: den Verkehr einer italienischen Provinzhauptstadt zur Feierabendzeit.

Einweiser zum rückwärts Einparken

Okay, die Gänge lassen sich einlegen wie in jedem modernen Auto, und die Zweischeiben-Kupplung rückt geschmeidig ein, während der Renn-Porsche unspektakulär losrollt. In den weit vorn angesetzten Spiegeln sieht man sogar, was hinter dem Auto passiert. Nur wo dieses "hinter dem Auto" genau anfängt, das sieht man nicht. Ohne Heckfenster, den Schulterblick von der B-Säule verstellt, muss die Millionenfrage per Schätzaufgabe gelöst werden, wo immer der Porsche zwischen verbeulten Golf und Alfa einfädelt.
Porsche 911 GT1 /97
Leichtes Gepäck: Dieser Porsche hat auch vorne keinen Kofferraum! Vor der Frontscheibe sind Elektronik, Kühler und Hydraulik untergebracht.


Rückwärts einparken kann man vergessen, da ließ sich sogar Mark Webber einweisen. Vorwärts rollt der Porsche schließlich an einem Blumenstand aus. Französische Adlige trugen auf dem Weg zum Schafott eine Nelke im Knopfloch als Zeichen der Unerschrockenheit. Die hätten wir uns heute fast verdient.
Michel Cosson schulden wir nun Dank: dem Franzosen, der ab 1992 den Automobile Club de l’Ouest führte, Veranstalter der 24 Stunden von Le Mans. Gleich 1992 schrieb er die GT1-Klasse ins Reglement, weil Sportprototypen mit Ende der Gruppe C knapp wurden. Ohne ihn hätte es diesen Porsche nie gegeben.