Le Mans: Irre Solofahrt

Die 23 Stunden von Pierre Levegh

Drei Fahrer wechseln sich heute beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans ab. Früher waren es nur zwei. Und ganz früher versuchten sich wagemutige Helden allein durchzuschlagen...
Können Sie sich vorstellen 24 Stunden ununterbrochen Auto zu fahren? Ohne Pinkelpause, ohne Mittagsmenü an der Raststätte, ohne auch nur für fünf Minuten mal die Augen zu schließen. Kein Problem für Pierre Levegh, der das sogar noch bei Renntempo im Rad-an-Rad-Duell mit Konkurrenten fabriziert.
Es ist das 24-Stunden-Rennen von Le Mans 1952. Jaguar, Ferrari, Mercedes – Favoriten gibt es in diesem Rennen viele. Doch wie so oft beim Abenteuer Le Mans sorgt ein anderer für die Schlagzeilen. Das Feld lichtet sich zeitig. Nach vier Stunden ist Jaguars Traum vom Le-Mans-Sieg schon geplatzt. Die Ferrari schlittern in Kupplungsprobleme und bei Mercedes läuft es ebenfalls nicht rund. Also führt Jean Behra für die kleine französische Marke Gordini.
Mit dem Einsetzen der Dämmerung haben die meisten Fahrer bereits das Auto mit ihren Teamkollegen getauscht. Die 24 Stunden von Le Mans sind zu dieser Zeit eine Tortur für Mensch und Maschine. Die Technik steckt noch den Kinderschuhen, Fahrhilfen gibt es nicht. Und es wechseln sich nur zwei Fahrer in den Autos ab. Heute haben es die Stars schon angenehmer: Pro Auto kommen drei Piloten zum Einsatz und sie dürfen nur maximal vier Stunden am Stück fahren. Aber auch das sind mehr als zwei Formel-1-Renndistanzen.

23 Studen fuhr Pierre Levegh

Zurück zum Rennen 1952: Nach zwölf Stunden macht auch Behras Gordini Zicken. Jetzt führt erstmals Pierre Levegh, ein Franzose, der unter Eigenregie einen Talbot-Lago einsetzt. Seit dem Start sitzt er im Cockpit. Bei jedem Boxenstopp steht sein Stallgefährte René Marchand zum Wechseln bereit. Aber Levegh bleibt unentwegt im Auto. Marchand ist gewiss kein Starfahrer, aber ein großer Name war Levegh bis dato auch keinesfalls.
Levegh folgte seinem Onkel in den Rennsport, Alfred Velghe. Der erfand das Pseudonym Levegh, das auch sein Neffe übernahm. Velghe war erst Radrennfahrer, stieg dann aber auf motorisierte Autos der Marke Mors um. 1900 gewann er das Rennen Paris-Toulouses-Paris – eines der bedeutendsten seiner Zeit.
Diese zwei Formel-1-Champions gewannen in Le Mans: Hier anschauen
Pierre Levegh war Amateurfahrer und Bastler. Seinen Talbot-Lago setzte er genauso zu Formel-1-Grands Prix wie zu Sportwagenrennen ein. In sechs Grand Prix konnte er zwar nicht einen Punkt holen, beim Belgien-GP 1951 wurde er aber immerhin Siebter.
Drei Sieger mit mehr als 23 Stunden Fahrtzeit
Doch jetzt stand er vorm Durchbruch. Der Sieg beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans war schon damals eine große Sache. Doch er spürte auch: Sein Talbot-Lago war schon angeschlagen. Ungern wollte er da Marchand ans Steuer lassen. Zu groß die Angst, er könne das, nein, sein Auto, überdrehen. Längst geht die Sonne wieder auf. Levegh führt das Rennen noch immer an. Um elf Uhr morgens kommt er wieder zum Boxenstopp herein. Marchand steht bereit, war genauso aufgelöst wie Frau Levegh. Sie fürchteten Konzentrations- und Müdigkeitsfehler. Sie diskutierten, gestikulierten – und resignierten.
Eisern bleibt Levegh sitzen, nimmt einen tiefen Schluck Wasser, isst ein Stück Brot und rauscht wieder davon. Er kommt zum letzten Stopp. Marchand versucht ihn sogar aus dem Auto zu ziehen, wird aber von einem gewaltigen Stoß zurückgeworfen. Es geht weiter, nur noch etwas mehr als eine moderne GP-Distanz. Levegh steht kurz vor dem großen Sieg.
Eine Stunde und zehn Minuten stehen noch aus, da rollt Levegh aus: Motorschaden. Mercedes gewinnt das Rennen mit Hermann Lang und Fritz Riess, aber die Fans auf den Rängen sind entsetzt. Sie drückten Levegh die Daumen, vergebens. Hätte er ein 20-Stunden-Rennen per Solofahrt gewonnen, so wäre er der große Held gewesen, aber ein 24-Stunden-Rennen nach 23 Stunden zu verlieren machte ihn zum großen Verlierer.
Es war nicht die erste Beinahe-Solofahrt in Le Mans. 1932 gewann Raymond Sommer und saß dabei 23 Stunden am Steuer. Nur kurz fuhr auch der erkrankte Luigi Chinetti. Der dafür 1949 im Ferrari über 23 Stunden im Auto saß und nur kurz den adeligen Peter Mitchell-Thomson in den Wagen ließ. Auch dieses Duo siegte, genauso wie Louis Rosier gemeinsam mit seinem Sohn Jean-Louis Rosier 1950 im Talbot Lago. Auch da fuhr Papa Rosier rund 23 Stunden solo.
Doch Levegh war die letzte Beinahe-Solofahrt. Danach wurden solche tollkühnen Aktionen verboten. Drei Jahre später machte Levegh nochmal Schlagzeilen in Le Mans – allerdings sehr tragische. Er war es, der mit seinem Mercedes nach einer Kollision in die Zuschauer flog, 83 von ihnen mit in den Tod riss und über hundert weitere verletzte. Bis heute die größte Tragödie im Rennsport....

Autor: Michael Zeitler

Fotos: Picture Alliance

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