2009 knallte es in der 911er-Szene ordentlich. Und zwar positiv! Ein gewisser Rob Dickinson präsentierte damals seine Interpretation eines Porsche-Klassikers, den Singer-911. Ein Konzentrat all dessen, was einen Elfer in seinen Augen ausmachte: Retro-Look und moderne Technik, Tradition und Moderne, kurz: das Beste aus zwei Welten. Weil seine Hardrock-Karriere stagnierte, wechselte Rob zum Tuning, der Traum vom Musiker lebt aber im Namen Singer weiter. 2011 dann die erste Straßenversion: ein knallgrünes Baby, Neuinterpretation und Wiedergeburt zugleich.
Die deutschen Tuner müssen sich vor Singer nicht verstecken
Schönheit: Der Retro-911 von Kaege kann optisch und technisch locker mit dem Singer-Porsche mithalten.
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
Den Fans trieb es Tränen in die Augen, einigen deutschen Tunern auch. Darunter Roger Kaege, der sich bis dato mit BMW M3 und Co. beschäftigt hatte. Kaege war von dem Ami-911 derart angetan, dass er kurzerhand ein ähnliches Projekt in Gang setzte. Unter dem Namen Kaege-Retro sollte ein optisch zurückgerüsteter 993 entstehen. Mit Erfolg, wie wir sehen werden. Als Singer den Retro-Hype initiierte, surften zwei andere Tuner schon längst auf dieser Welle. Die Emmerling-Schmiede hatte bereits Jahre zuvor einen ähnlich modernisierten 964er auf die Räder gestellt, mit den gleichen von Singer bekannten Rund-Rückleuchten. Zum großen Retro-Elfer-Treffen am Bilster Berg kamen die Emmerlings mit ihrem Trackday-Racer. Ein ähnliches Konzept betreibt auch dp-Motorsport. Senior und Junior Zimmermann modernisieren die 964er auf eine äußert rennsportnahe Art. Bestes Beispiel ist der mitgebrachte, mausgraue RSR. Nicht ganz so fahrdynamisch wild treibt es Manus. Der Porsche-Restaurierer arbeitet dennoch mit derselben Grundidee wie Tuner Singer: die Optik der 60er, garniert mit der Technik von heute.
Alle Details zu den vier Retro-Elfern finden Sie in der Bildergalerie.
Vor der Geschichte war ich skeptisch. Alte Autos und Rennstrecke? Modernes Handling? Doch die vier Tuner haben mich eines Besseren belehrt. Die Runde im dp-RSR flasht noch heute, Details und Qualität des Kaege-Retro haben mich nachhaltig beeindruckt.
Vier Retro-Elfer im Vergleich
1/51
Was für ein Hype um den amerikanischen Porsche-Tuner Singer! Dessen Elfer begeistern die Kunden mit moderner Technik, verpackt in charmanten Retro-Look. Ein Rezept, das auch vier deutsche Veredler verfolgen. dp-Motorsport, Manus, Emmerling und Kaege zeigen ihre Ideen auf einer Ausfahrt am Bilster Berg.
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
2/51
Die Erfolgsstory von dp motorsport, 1973 von Ekkehard Zimmermann gegründet, beginnt mit dem Karosseriebau von Formel-Rennwagen. Die nebenher für den 911er eines Freundes entwickelten Spoiler erwiesen sich als so gut, dass Motorsportteams wie Kremer und Alzen aufmerksam wurden. Man erinnere sich nur an das "Turbinchen" – dessen Aerodynamik stammt von dp!
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
3/51
Heute führt Junior Patrick (rechts im Bild; liinks: Fahrzeugbesitzer Andreas Jäger) die Geschäfte, lebt die Idee und den Willen des perfekten Porsche weiter. Sein Ziel: den 911 optimieren, die typischen Linien klarer hervorheben und harmonisch miteinander verbinden.
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
4/51
Dazu müssen die Übergänge zwischen den unterschiedlichen Karosseriebereichen so gestaltet sein, dass das Ganze wie aus einem Guss wirkt. Mit Erfolg, der am Bilster Berg vom Hänger rollende dp Classic RSR scheint in der Tat wie aus dem Vollen gefräst. Auf den ersten, zweiten und dritten Blick ein Augenschmaus.
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
5/51
Türen, Dachhaut, Bürzel bestehen aus feinstem Carbon. Dazu Kotflügelverbreiterungen, Frontschürze, Plexiverglasung und diese Mausgrau-Lackierung – alles auf top Neuwagenniveau.
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
6/51
Das Interieur begeistert mit Käfig, Lollipop-Sitzen, ...
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
7/51
... Schaltwegeverkürzung und Momo-Lenkrad. Kein Radio, keine Annehmlichkeiten, 911 pur.
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
8/51
Natürlich wurde auch die Technik modernisiert. Im Heck wohnt ein Drei-Achter mit 320 PS, Einmassenschwungrad, Sperrdifferenzial (60/40), Schrick-Nocke, ...
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
9/51
... Rennauspuffanlage und und und.
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
10/51
Das Serienfahrwerk wich einem KW-Clubsport-Pendant. Unibal-Gelenke vorn und hinten stehen in Verbindung mit klassischen Fuchs-Rädern in 9 und 11 x 15 Zoll, bespannt mit Michelin-Semislicks – die richtige Besohlung für eine Proberunde auf dem Bilster Berg.
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
11/51
Die Sitzposition schließt nahtlos an den äußeren Eindruck an: alles im Blick, der Schalthebel liegt optimal in Griffnähe. Der Boxer rasselt und vibriert, wie man es sich von einem solchen Gerät wünscht.
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
12/51
Ab dem ersten Meter weiß dieses Auto zu begeistern. Es schaltet, fährt und lenkt so einfach, von den 1075 Kilo nimmt man nur die Hälfte wahr, Kart-Feeling pur.
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
13/51
Dank fehlender Dämmung dringt der Motorsound ungefiltert ins Innere. Jeder Gang sitzt, ja der Boxer schiebt sogar ordentlich an.
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
14/51
Nur ab Tempo 220 wird es wegen mangelnden Abtriebs etwas unruhig. Geschenkt, dieser RSR performt verdammt nahe an der Moderne.
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
15/51
Wenn schon ein gewisser Walter Röhrl auf die Künste von Porsche-Tuner Emmerling – ein echtes Familienunternehmen mit Vater Heinz, Sohn Frank und Junior Marius – vertraut, kann eigentlich nichts mehr schiefgehen. Am Bilster Berg treten die Emmerlings mit dem 911 Trackday-Racer an.
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
16/51
Das Konzept ähnelt auf den ersten Blick zwar dem des RSR von dp-Motorsport, dennoch handelt es sich hier um ein gänzlich anderes Auto. Der 1977 geborene Elfer ist ebenfalls ein Neuaufbau, innerhalb von drei Jahren komplett entkernt, restauriert und modernisiert.
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
17/51
Das G-Modell sieht auf den ersten Blick aus wie ein 3.0 RSR, der Gruppe 3/4-Rennwagen dieser Baureihe, vor allem erkennbar an der dicken 3.0-Heckflosse mit Gummikante.
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
18/51
Die breiten Backen stammen dagegen von einem 2.7 RS. Der Rest ist Handarbeit vom Feinsten.
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
19/51
Den Emmerlings war es vor allem wichtig, dass der Elfer agil und einfach zu fahren ist. Dazu ein ehrlicher Motor, das sollte für den Fahrspaß genügen.
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
20/51
Beim Fahrwerk ging man in die Vollen. Der Trackday-Racer dämpft per Bilstein in Nürburgring-Abstimmung, dazu Unibal-Federbeinstützlager, leichte BBS-Räder in 9- und 11 x 15 Zoll, Turbo-Spurstangen und größere Bremsen vom 3,3-Liter-Turbo-Modell.
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
21/51
Ähnlich kompromisslos präsentiert sich das Motortuning. Der 3,6-Liter-Boxer arbeitet mit spezieller Nockenwelle, programmierbarer Zündung, Fächerkrümmer, erleichtertem Schwungrad, ölgekühltem Fünfganggetriebe und Powerclutch-Sportkupplung.
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
22/51
Interieur? Recaro-Vollschalen, Clubsport-Bügel und XXL-Schaltwarnlampe rechts neben dem Tacho, fertig. So gerüstet, soll es in fünf Sekunden auf Tempo 100 gehen, 270 Sachen sind möglich.
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
23/51
Das Cockpit vermittelt viel Highspeed-Vertrauen. Das geschüsselte Volant liegt perfekt zur Hand, die Schaltung sieht hakelig aus, trifft aber jeden Gang exakt
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
24/51
Die Kurven-Gaudi steigt proportional zur Temperatur der Michelin-Semislicks. Schub und Sound machen richtig Laune, die Vorderachse lenkt ambitioniert ein, ...
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
25/51
... das Fahrwerk ist etwas weicher abgestimmt als beim dp-911, der Speed dennoch enorm.
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
26/51
Kaum zu glauben, dass man mit einem 40 Jahre alten Elfer derart am Limit durch die Mausefalle bügeln kann.
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
27/51
Als er vor einigen Jahren in den USA erstmals einen Singer-911 live erleben konnte, war es um Roger Kaege geschehen. Der Tuner war derart angefixt, dass er entschied, seinen eigenen Retro-911 zu bauen. Ein betagter 993 stand ohnehin bereit, die Basis für den Umbau zum Kaege-Retro war somit gesetzt.
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
28/51
Und hier unterscheiden sich Singer und Kaege, denn die Amerikaner bauen nur 964er um. Roger Kaeges Ziel: äußerlich ein F-Modell der 60er mit der modernen Technik der 90er, verfeinert mit Neuzeit-Features. Am Ende verschlang das Projekt über 2500 (Hand-)Arbeitsstunden.
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
29/51
Doch der Aufwand hat sich gelohnt. Am Bilster Berg steht ein Elfer in atemberaubender Perfektion vor uns. Optisch sehr nahe an den Singer-Modellen, laut Kaege aber weitestgehend eigenständig.
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
30/51
Die Details sorgen für leuchtende Augen. Carbon-Karosserieteile, LED-Retroscheinwerfer, Blinkleuchten mit Belüftungsöffnung vom F-Modell, ...
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
31/51
... ausfahrbarer Heckspoiler im klassischen Look und selbstkreierte 17-Zöller im Fuchs-Design. Dach, Front- und Heckscheibe stammen 1:1 vom 993, ...
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
32/51
... genauso wie der 3,6-Liter-Sechszylinder-Boxer, der es dank Werks-Leistungssteigerung auf 300 PS bringt.
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
33/51
Eine fein polierte und gut sichbare Sport-Abgasanlage mit zwei mittigen Endrohren sorgt für den Sound der luftgekühlten Elfer.
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
34/51
Von der Karosserie noch tief beeindruckt, fehlen einem nach dem Öffnen der Tür endgültig die Worte. Grünes Leder, Karostoff in Grün-Weiß-Rot, Airbag-Lenkrad, ...
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
35/51
... klassische Rundinstrumente mit eigener Handschrift, ...
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
36/51
... Becker-Radio samt Navi, Klimaanlage – dieses Interieur ist schlicht unglaublich.
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
37/51
Die Begeisterung geht so weit, dass die Frage nach der Probefahrt einem ehrfürchtigen Gesuch gleicht. In den Recaros Platz genommen, ist der Oldschool-Eindruck wie weggeblasen. Alles wirkt neuzeitlich-modern, lenkt so leicht, schaltet so präzise. Der Sound macht einen schon im Stand an.
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
38/51
Und auf der Runde über den Bilster Berg? Einfach nur Fahrspaß pur! Das speziell angefertigte KW-Gewindefahrwerk fühlt sich bei Mausefalle und Co pudelwohl, die mit Sportbelägen aufgerüstete 993er-Bremsanlage ankert mit viel Ausdauer und Biss.
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
39/51
Doch der Kaege-Retro ist kein Racer. Dieser über 200.000 Euro teure Super-Elfer ist eher ein Schmuckstück, das auch Rennstrecke kann – wenn man es will.
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
40/51
Auf den ersten Blick sieht man nicht den großen 911-Umbau wie bei den anderen Kollegen dieser Geschichte. Eher ein sauber restauriertes F-Modell vom Typ 911 Targa. Doch auch in diesem Fall wurden die Hülle restauriert und das Auto fahrbarer gemacht.
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
41/51
Das ist das Konzept der Firma Manus, hinter der Emanuel Rameder und Sebastian Dormann stehen. Beide haben ihre Leidenschaft für alte Porsche-Modelle zum Beruf gemacht. Heute suchen sie weltweit nach 911er-Schätzen, die sie dann entweder restaurieren oder zu einem Manus 911 umbauen.
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
42/51
Erstes und bestes Beispiel für die Handwerkskunst von Manus ist dieses 1974er-Exemplar. Augenscheinlich im Serienzustand, auf den zweiten Blick jedoch voller Finessen. Statt der ursprünglichen Stoßfänger kommen neue, komplett in Blech gearbeitete Teile zum Einsatz. Sie verleihen dem G-Modell den eleganteren, schlankeren Look des Vorgängers.
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
43/51
Fahrwerk, Räder? Statt klassischer Fuchs-Felgen sind eigene Räder im Fuchs-Look montiert. Bilstein-Dämpfer, Powerflex-Buchsen, neue Spurstangen und modifizierte Querlenker sollen für ein frischeres Handling sorgen. In puncto Verzögerung rüstet Manus mit größeren Scheiben auf.
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
44/51
Der 2,7 Liter-Boxer erhielt diverse höherwertige Innereien, statt 150 leistet das Aggregat nun 181 PS. Klingt nicht berauschend, reicht aber laut Manus für 245 km/h Topspeed.
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
45/51
Die Sonne lacht, Dach auf und los zur Probefahrt rund um den Bilster Berg. Beim Einstieg staunen wir nicht schlecht. Das komplette Interieur wirkt wie neu. Und das ist es auch, Manus hat es mit neuen Stoffen und Leder bezogen. Man bettet sich in gelb-schwarzes Seriengestühl ...
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
46/51
... und schaut auf Tacho und Drehzahlmesser in hauseigenem Grün. Momo-Sportlenkrad, Schaltstock mit Shortshift-Funktion, ...
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
47/51
... Radio und weitere Annehmlichkeiten beeindrucken. Da kann der Boxersound nicht ganz mithalten. Im Vergleich zu den anderen Elfern hier kommt der Sound recht verhalten rüber; daran könnte Manus also noch arbeiten.
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
48/51
Doch die 181 PS gehen gut, schieben elastisch an und orgeln zügig über Land. Der Elfer bremst modern, die Gänge lassen sich tadellos reindrücken. Ja, so langsam keimt er auf, der Fahrspaß.
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
49/51
Mit den rundum identisch dimensionierten Rädern und dem Bilstein-Fahrwerk kann der 911 auch Kurven, spaßiges Übersteuern lässt sich jedoch nicht provozieren.
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
50/51
Das braucht es aber auch nicht, dafür gibt es andere Autos. Sie suchen einen neuen Alt-911er mit viel Liebe im Detail? Hier ist er!
Bild: Ronald Sassen / AUTO BILD
51/51
Das Fazit von Guido Naumann: "Vor der Geschichte war ich skeptisch. Alte Autos und Rennstrecke? Modernes Handling? Doch die vier Tuner haben mich eines Besseren belehrt. Die Runde im dp-RSR flasht noch heute, Details und Qualität des Kaege-Retro haben mich nachhaltig beeindruckt."