Barkas B 1000

— 27.11.2012

Der hat viel gesehen

Weil es außer ihm keinen DDR-Transporter gab, musste der Barkas B 1000 unzählige Aufgaben erfüllen. Er hat sie alle gemeistert – und hält bis heute tapfer durch. Schon dafür muss man ihn lieben.



Platz für acht Personen mit Gepäck oder für zwei starke Männer und einen Umzug: Der Barkas KB (für Kleinbus) ist wahrscheinlich die praktischste Variante.

© H. Almonat

Dies ist eine Geistergeschichte. Es treten auf: verschiedene Überväter, die nicht sterben wollten, verschiedene Ideen, die nicht leben durften (und einige, die es nicht konnten), und als Hauptfigur einer, dem der Abgang verwehrt wurde, bis es zu spät war. Hier kommt er schon, unser bescheidener Held, mit seinem sanften, turbinenhaften Motorklang, dem freundlichen Gesicht, den gemütlichen Rundungen und der Silhouette, mit der er ein bisschen aussieht wie ein fleißiger Hamster, der eilig zum nächsten Weizenspeicher strebt. Fleißig, o ja, das war der Barkas B 1000 – es ging auch nicht anders, denn er war der einzige Eintonner der späten DDR. Mit ihm kommen die Geister. Den ersten erkennen wir sofort: dieses dezent bedrohliche Halblächeln mit leicht verkniffenen Augen hinter schwerer Brille – Erich Honecker auf seinem offiziellen Staatsporträt von 1974. So starrte er in die Amtsstuben seiner kleinen Republik.

Der Kleinbus KB zählt zu den Grundformen. Daneben gab es: Kombi KO, Krankenwagen KK, Pritschenwagen HP und Fahrgestell mit Kabine (FR).

© H. Almonat

Honecker war damals noch der junge Wilde, der den verstaubten Mauerbauer Ulbricht gestürzt hatte – er war der Erneuerer. Dumm nur, dass er kaum was erneuerte, im Gegenteil: Er erstickte alle Erneuerung in der DDR. Auch der Barkas hätte eine Ablösung gebraucht. 1961, als er sich vorstellte, war er auf der Höhe der Zeit gewesen: Niederrahmen-Fahrgestell, mittragende Karosserie, Einzelradaufhängung rundum, Frontlenkerkabine und Frontantrieb – besonders der löste elegant das Problem aller Transporter: den wechselnden Ladezustand. Mal lasten null Kilo auf der Hinterachse, mal eine Tonne – wäre er heckgetrieben, er hätte unbeladen kaum Traktion auf den Antriebsrädern. So verhilft ihm das Gewicht von Motor und Getriebe zu ausreichend Grip. Der frühe Barkas hatte mehr PS als der T1-Bulli (und kam ohne dessen lästigen Motorkasten im Heck aus), sein Wartburg-Dreizylinder ist mit einem Schwerlast-Getriebe gekoppelt, und die Räder hängen einzeln an Drehstabfedern, da ragt kein Federbeindom ins Gehäuse.

"Ost-Bulli": Der Barkas B 1000 von Andreas Gärtner

Weitere Ableitungen des Barkas: der Hochkombi SMH,
die Feuerwehr-Drehleiter FR/DL, ein Wohnmobil und der gruselige Gefangenentransporter FR/GTW.

© H. Almonat

Es gab sogar einen Nachfolger. Er ist der blasseste der Barkas-Geister, kaum jemand erinnert sich an ihn. Sie haben ihn umgebracht, bevor er eine Bewährungschance hatte. Es ist der Barkas B 1100, genauso durchdacht, ein bisschen nüchterner anzusehen, dafür noch vielseitiger. Und er viertaktete, weshalb er auch im nichtsozialistischen Ausland Chancen gehabt hätte. Drei Prototypen waren in der Erprobung, dann verfügte 1972 das allmächtige Zentralkomitee (ZK) seinen Tod – kommentarlos wie immer. Der Nachfolger verschwand, Honecker lächelte immer starrer, Jahre später wagten Wartburg- Ingenieure den Versuch, aus ihrem Zwei- einen Viertakter zu machen. Das gelang sogar, 1984 war der Motor produktionsreif, er hätte perfekt in den Barkas- Motorraum gepasst und auch dem Wartburg geholfen – aber Honecker ließ ihn töten, und so schwebt auch ein Motor als Gespenst um den Barkas.

Autos der 80er: Neue deutsche Welle

So viel Luxus bot nicht jeder Barkas-Bus. Dieser war das VIP-Shuttle des Thüringer SED-Organs "Volkswacht".

Aber warum? Das erklärt ein weiterer Geist, diesmal ein Wessi namens Carl Hahn (der freilich nur in dieser Geschichte als Gespenst auftritt, denn er erfreut sich bester Gesundheit), seit 1982 VW-Chef und auf der Suche nach neuen Märkten. Ah, die DDR! Hahn ließ nachfragen, und siehe, das ZK zeigte sich zugänglich und verfügte 1984 den Einbau von VW-Motoren in DDR-Autos. VW duldete aber keine Konkurrenz, deshalb musste der Eisenacher Dreizylinder verschwinden. Doch war das nicht so einfach mit der VW-Maschine, ein schreckliches Murksen hob an, denn Ost und West mochten sich nicht zusammenfügen. Die Operation dauerte volle vier Jahre – und half trotzdem nichts. Denn 1990 stand unser fleißiger Hamster ziemlich bedröppelt da: Zwar konnte er jetzt viertaktend rennen – aber neben ihm strahlte der neue VW T4, der war vierzig Jahre jünger und ohne Lieferzeit erhältlich. Honecker, inzwischen endgültig versteinert, brütete entmachtet im Militärhospital Beelitz, in Frankenberg montierten die Barkas-Werker ihre Transporter und studierten in der Mittagspause fieberhaft Kleinanzeigen für gebrauchte Westautos. Der darin enthaltene Widersinn ging ihnen zu spät auf. Am 10. April 1991 war Schluss mit Barkas – nicht mehr zu verkaufen. Ein paar Jahre später kehrte die Besinnung zurück, IFA-Freunde fanden zusammen und entdeckten ihre Wertschätzung auch für den fleißigen Hamster. Dass ihn seltsame Geister umschweben, gehört dazu.

Technische Daten

Barkas B 1000: Motor: Dreizylinder-Zweitaktmotor AWE 353/1, Wasserkühlung • ein BVF-Flachstromvergaser • Bohrung x Hub 73,5 x 78 mm • Hubraum 992 cm³ • Verdichtung 7,5:1 • Gemisch 1:50 • 34 kW (46 PS) bei 3500/min • max. Drehmoment 103 Nm bei 2500/min Antrieb/Fahrwerk: Einscheiben-Trockenkupplung • Vierganggetriebe mit sperrbarem Freilauf • Frontantrieb • Mittelkastenrahmen, mittragende Karosserie • Einzelradaufhängung an Schräglenkern und Drehstäben • Trommelbremsen • Reifen 6.70-13 Maße: Radstand 2400 mm • L/B/H 4595/2124/1910 mm • Leergewicht 1240 kg, Nutzlast 1000 kg Fahrleistungen/Verbrauch: Spitze 100 km/h, 0–100 km/h 32 s • Verbrauch 12 l/100 km • Neupreis: 18 310 DDR-Mark (1970).

Historie

Die Luxus-Bestuhlung kam vom Fahrzeugbauer Fleischer in Gera, Innenverkleidung nebst Gardinen fertigten die Werktätigen der "Volkswacht" selbst an.

© H. Almonat

Am Anfang auch dieser Geschichte steht DKW-Genius Jørgen Skafte Rasmussen, der 1923 in Frankenberg/Sachsen ein Werk für Motorrad-Zubehör gründete. Daraus entstand 1924 ein Transport-Dreirad, aus dem sich 1926 die Marke Framo mit eigenständigen Transporter-Konstruktionen entwickelte. Den Weg zum Barkas schlug 1940 der Vierrad-Kleinlaster Framo V 500 ein, ab 1951 mit Dreizylinder als V 901 erhältlich. 1958 nannte man Hersteller und Produkt in Barkas um, und im Sommer 1961 stand der B 1000 bereit. Damit endet eigentlich die Historie, denn fortan gab es Myriaden von Entwicklungen, aber immer nur in Details. Der Nachfolger B 1100 wurde 1972 gestoppt, und der Barkas wechselte in dasselbe Schattenreich des ewig verlängerten Lebens wie Trabant, Wartburg und andere. Daran änderte auch der Gewaltakt nichts, mit dem er einen VW-Motor transplantiert bekam. Der erste Viertakt-B 1000-1 stand 1989 auf der Leipziger Messe, aber spätestens mit der Währungsunion 1990 hatte er keine Chance mehr gegen West-Transporter. Das Ende des Barkas kam im April 1991 nach 178.839 Stück.

Plus/Minus

Am 10. April 1991 war Schluss mit Barkas – nicht mehr zu verkaufen.

Am 10. April 1991 war Schluss mit Barkas – nicht mehr zu verkaufen.

© H. Almonat

Eine Tonne Zuladung, 6,4 Kubikmeter Laderaum, niedrige Ladekante, Frontantrieb, Drehstabfederung – diese Vorzüge kannten DDR-Praktiker schon vor 50 Jahren. Heute sind schöne Oldtimer-Eigenschaften hinzugekommen: intakte Ersatzteilversorgung, große Auswahl in allen Zuständen, moderate Preise und nicht zuletzt eine freundliche IFA-Szene, die sich natürlich auch um den Barkas kümmert. Restauriert wird er nur selten, es gibt noch genügend gute Exemplare. Wie stets empfiehlt sich die Suche über einen Club: Die IFA-Szene ist regional organisiert, man suche also den nächstgelegenen oder sympathischsten Club (der unten empfohlene steht für alle). Einziges Minus: der Zweitaktmotor. Doch ob Zweitakt wirklich das schwächere System ist, darüber ist das letzte Wort nicht gesprochen. Sagen Zweitakt-Anhänger.

Ersatzteile

Heute ist der Barkas wieder begehrt: Für Exemplare im Zustand 2 zahlt man 2012 durchschnittlich 3900 Euro.

Heute ist der Barkas wieder begehrt: Für Exemplare im Zustand 2 zahlt man 2012 durchschnittlich 3900 Euro.

© H. Almonat

Hier haben wir einen der größten Vorzüge des Barkas: Er ist prima versorgt. Eine Handvoll Spezialisten hält fast alle Teile bereit, viele davon aus Originalproduktion. Es gibt sogar neuwertige Karosseriebleche, ein Umstand, den man beileibe nicht bei vielen Marken antrifft. Die Technik ist auch gut erhältlich, der Motor samt Peripherie entspricht im Wesentlichen dem des Wartburg 353. Das Getriebe nicht, aber das lässt sich problemlos regenerieren. Bezahlbar ist die Sache auch (wie immer bei IFA), einen neuwertigen Motor gibt es ab 500 Euro, ein Bremszylinder kostet 15. Und natürlich haben IFA-Freunde noch allerlei rumliegen.

Marktlage

Sehr ordentlich – doch es kommt drauf an, was man sucht. Im Prinzip ist jeder Traum-Barkas verfügbar, ob es nun ein Polizeiauto ist oder ein Bestattungswagen. Man muss dann halt länger suchen und eventuell restaurieren. Überraschend viele Barkas haben in gutem Zustand überlebt, die Preise sind nach wie vor bodennah.

Empfehlung

Für maximalen Nutzwert: ein Kleinbus KB oder den halb verglasten Mehrzweckwagen KM. Die sind allerdings auch die begehrtesten Varianten und stehen deshalb nicht so oft zum Verkauf. Denselben Nutzwert mit echtem Kleinlaster-Flair bietet der Pritschenwagen HP, am besten natürlich mit Plane und Spriegel. Der Viertakter B 1000-1 hat 58 PS, was unter Umständen hilfreich sein kann – er ist aber selten.
Fotos: H. Almonat


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