DDR: Transitstrecke F5, Opel Senator, Hubertus Meyer-Burckhardt
Hubertus macht rüber – im Opel Senator auf der alten Transitstrecke

Abenteuer DDR-Transit: Filmemacher Hubertus Meyer-Burckhardt ist noch einmal die F5 von Lauenburg bis Berlin im Opel Senator abgefahren.
Bild: Holger Karkheck / AUTO BILD
An seine eigenen Fahrten auf der Transitstrecke erinnert sich Hubertus Meyer-Burckhardt (65) noch recht genau. Besonders an die eine, die unrühmlich endete – mit dem, nun ja, Motortod eines Handlungsreisenden. "Ich war junger Regieassistent am Theater und pendelte mehrmals im Monat zwischen Hamburg und West-Berlin", sagt Meyer-Burckhardt. "Irgendwo in der DDR verreckte mein betagter Peugeot 204."

Kfz-Hilfsdienst der DDR mit Barkas 1000. Hubertus Meyer-Burckhardt zahlte für den Service damals 800 West-Mark.
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Eine Panne in der DDR war sehr kostspielig
Es wurde ein Zweiakter mit Zweitakter: Der ostdeutsche Pannendienst mit seinem Barkas ("Räng-täng-täng") war schnell zur Stelle, schleppte ihn bis zur Grenze, kassierte dafür 800 Mark West – "und gab mir einen Schubs, damit es mein kaputtes Auto nach West-Berlin schaffte. Mit rüber durften die ja nicht." Dort rief Meyer-Burckhardt dann den ADAC, zahlte noch mal – und brauchte einige Zeit, um sich finanziell von dem Motor-Malheur zu erholen.

Die nördlichste Transitstrecke führte über die Fernstraße 5. Sie begann am Grenzübergang bei Lauenburg und endete in Berlin-Staaken.
Bild: NDR
Die F5 zog sich über lange 238 Kilometer
Vor 50 Jahren, im Dezember 1971, einigten sich die beiden deutschen Staaten darauf, Transitreisenden zukünftig den Weg durch die DDR etwas leichter und, sofern man keine Panne hatte, günstiger zu gestalten. Zuvor hatten West-Bürger für die DDR-Durchreise ein Visum kaufen müssen. Das war nun gratis und wurde unbürokratisch an der deutsch-deutschen Grenze in den Reisepass gestempelt. Ebenso sollten Fahrzeugkontrollen der DDR-Grenzer nur noch bei "hinreichendem Verdachtsmoment" erfolgen. Im Gegenzug überwies Bonn fortan 235 Millionen D-Mark pro Jahr in die DDR – sozusagen als Flatrate für den Transitverkehr.
Vier Transitstrecken gab es zwischen der Bundesrepublik und West-Berlin. Die nördlichste führte über die F 5, die Fernstraße 5. Sie begann am Grenzübergang bei Lauenburg und endete in Berlin-Staaken. 238 Kilometer, auf denen man einen "ungefilterten Eindruck" von der DDR bekommen konnte, wie es im Roadmovie von Meyer-Burckhardt heißt.

Grenzkontrolle (Filmszene): "Mit den Jahren habe ich gelernt, die Menschen anhand ihrer Mimik und Gestik zu erkennen", sagt Stasi-Mann Hans-Joachim Knablowski.
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Grenzkontrollen waren oft eine Nervenprobe
Anhalten und Kontaktaufnahme zur Bevölkerung war streng verboten. Wer auf der F5 Pause machen wollte, durfte das nur in der "Rastgaststätte Quitzow". Braten, Soljanka, dazu ein Bier. "Viele Gäste waren aber gar keine Gäste", sagt Meyer-Burckhardt. Sondern: Stasi-Mitarbeiter. Als Meyer-Burckhardt jetzt die alte Strecke noch einmal im geliehenen Opel Senator abgefahren ist, traf er auch einen ehemaligen Stasi-Mann: Hans-Joachim Knablowski war von 1972 bis 1989 am Grenzübergang Berlin-Staaken eingesetzt. Er sagt: "Mit den Jahren habe ich gelernt, die Menschen anhand ihrer Mimik und Gestik zu erkennen. Der Mensch ist so gebaut, dass er sich mit Äußerlichkeiten verrät." Und Meyer-Burckhardt traf einen Fluchthelfer, Hartmut Richter. Der West-Bürger brachte 33 DDR-Bürger über die Grenze in die Freiheit. Beim 34. Mal verließ ihn das Glück.

Bahnübergang in Karstädt (Brandenburg): Wenn die Schranken zu waren, mussten Autofahrer oft 45 Minuten und mehr warten.
Bild: Harald Schmitt
Überall lauerte die Staatsmacht
Die Stasi hatte Richter längst unter Beobachtung. Winkte ihn an der Grenze heraus, ließ Spürhunde an seinem Audi Super 90 schnüffeln. "Als der Hund auf den Kofferraum sprang, war es aus", sagt Richter. Er wurde zu 15 Jahren Haft wegen "staatsfeindlichen Menschenhandels" verurteilt. Nicht alle waren so selbstlos wie er. "Das Transitabkommen mit deutlich reduzierten Kontrollen machte ein neues Geschäftsmodell möglich", sagt Meyer-Burckhardt. "Professionelle Fluchtorganisationen boten sich an. Es wurden bis zu 30.000 Mark pro Einsatz verlangt." Selbst wer als West-Bürger niemanden schmuggelte, hatte stets ein mulmiges Gefühl auf der Transitstrecke. Weil überall die Staatsmacht lauerte. Wer etwa an einem Bahnübergang nicht mit dem Losfahren wartete, bis die sich öffnenden Schranken komplett senkrecht standen, wurde sofort von Volkspolizisten ("Vopos") herausgewinkt. Und wer anschließend noch Valuta übrig hatte, konnte die dann noch an zahlreichen Blitzern entlang der F5 loswerden (ungefähr so viele, wie heute in Brandenburg stehen …).

Die DDR und mit ihr die Transitstrecke ist verschwunden. Geblieben ist in Teilen die Straße und ganz viel Landschaft.
Bild: NDR
1982 war die F5 als Transitstrecke Geschichte
Die Zeit der F5 als Transitstrecke endete bereits 1982. Am 20. November des Jahres eröffnete Bundesverkehrsminister Dollinger (CSU) die neue Autobahn 24, über die nun der Verkehr von Hamburg nach West-Berlin lief. Die Kosten für den Bau übernahm zu großen Teilen die Bundesrepublik. Und kurz vor der Wende erhielt dann auch noch der Ost-Pannendienst Unterstützung – vom West-ADAC in Form von 15 mit Werkzeug ausgestatteten VW Passat für die Transitstrecken. Damit Wessis nicht länger Dutzende Kilometer an die deutsch-deutsche Grenze geschleppt werden mussten, wenn ihr Kapitalismus-Kfz den Geist aufgab. Und Hubertus Meyer-Burckhardt? Der ist seit vielen Jahren begeistertes Mitglied eines Automobilclubs mit Pannenhilfe.
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