24-Stunden-Rennen

24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring (2002) 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring (2002)

24-Stunden-Rennen

— 06.06.2002

Wir fuhren durch die Hölle

Mit einem Rennwagen-Eigenbau bei den 24 Stunden auf dem Nürburgring. AUTO BILD-Testchef Peter Oberndorfer saß am Steuer des 420 PS starken Wiesmann GT.

Das Ganze war eine Schnapsidee. Bei der Firma Wiesmann Auto Sport aus Dülmen, Sportwagenkennern als Hersteller edler Roadster mit BMW-Technik bekannt, hockten ein paar rennbegeisterte Mitarbeiter mit Ex-DTM-Star Jörg von Ommen (39) zusammen. Das lockere "Weißt du noch?"- und "Man müsste mal"-Geplaudere verdichtete sich zu einem ehrgeizigen Plan: "Wir fahren das 24-Stunden-Rennen." Bei Lippenbekenntnissen dieser Art bleibt es dann meist. Nicht so bei den Wiesmännern.

Mit 420 PS 24 Stunden unterwegs

Platz da: Von Startplatz 14 preschte Oberndorfer mit dem AUTO BILD-Wiesmann vor auf Rang sieben.

Die ehrgeizige Truppe machte sich an die Arbeit. Das war irgendwann im Winter 2001. Rund 20 Monate später steht tatsächlich ein Wiesmann-Rennwagen am Start zu den 24 Stunden auf dem Nürburgring (1. und 2. Juni 2002). Die Fahrer: Initiator Jörg van Ommen, Profipilot Franz Engstler (40) und AUTO BILD-Testchef Peter Oberndorfer (45). Eine schlagkräftige Truppe. Aber auch ein siegfähiges Auto? Oberndorfer: "Der Wagen war anfangs die Hölle. Auf Bodenwellen fast unbeherrschbar." "Selbst auf der Geraden hatte ich einen spektakulären Abflug", ergänzt van Ommen. Doch bis zum Training waren die schlimmsten Tücken aussortiert. Nur in puncto Zuverlässigkeit mag keiner der drei eine Prognose abgeben. "Wenn alles optimal läuft, können wir Siebter werden", sagt van Ommen kurz vor Start.

Den fährt AUTO BILD-Mann Oberndorfer und schiebt sich schon in den ersten Runden mit Topzeiten an mehreren BMW M3 und Porsche 996 GT 3 vorbei. Folge: Der Wiesmann GT ist in aller Munde. Nicht nur rund um die grüne Hölle, sondern auch im Fernsehen. Kein Zweifel: Der monströse Rennwagen ist einer der Publikumslieblinge. Vielleicht wegen seiner bulligen Form. Ganz sicher aber wegen seines einzigartigen Sounds. Angetrieben wird er von einem optimierten Motor aus dem BMW M5, der seine Abgase über vier gewaltige Seiten-Auspuffrohre entsorgt. Wenn die inflationäre Vokabel irgendwo passt, dann auf dieses 420-PS-Auto. Ein Urviech.

Autos und Party, Tag und Nacht

Über dem Gitterrohrrahmen ist eine Kunststoff-Karosserie montiert, bei der Front- und Heckpartie demontierbar sind. Irgendwie eine Kreuzung aus Morgan, Viper und Cobra. Und genauso giftig. Echte 24-Stunden-Fans wissen: "Dieses Rennen lebt von der Vielfalt der Autos. Deshalb ist es gut, dass Exoten mitfahren", sagt Jörg Kaufmann (36), der zusammen mit Ehefrau Petra (43) Camping-Flitterwochen am Ring macht.

14.30 Uhr: Eine halbe Stunde nach dem Start hat sich Oberndorfer von Startplatz 14 auf Rang sieben vorgekämpft. Reicht es am Ende für Platz sieben? Doch ein 24-Stunden-Rennen ist lang, sehr lang. Nämlich 24 Stunden lang. Genau das macht dieses Rennen aus: Autos und Party. Und das nicht nur zweimal rund um die Uhr. Der harte Kern der Fans reist schon eine Woche vorher an und richtet sich am Hatzenbach, im Brünnchen oder in Breidscheid häuslich ein. Zu ihrer Grundausstattung gehören mindestens ein Kühlschrank (fürs Bier), ein Zelt (zum Rauschausschlafen), Fernseher mit Sat-Anlage (für Fußball-WM und DSF-Livesendung) sowie eine 300-Watt-Hi-Fi-Anlage (um bei der Musik zu sein) und natürlich ein Stromaggregat (damit die ganz Chose Saft hat).

Auf der Strecke heißt der Wettbewerb: Wer fährt die schnellsten Runden? Neben der Piste dominiert eine andere Disziplin: Wer macht die beste Show? Und dazu ist jedes Mittel recht. Technogedröhn, Feuerwerk, Sirenen, Trompeten, Laseranlagen – der Einfallsreichtum der Fans kennt keine Grenzen. Was zur Folge hat, dass einige Lagerfeuer einem Waldbrand gleichen. "Hier ist immer die Hölle los", sagen Kristian und Björn (beide 15) aus Köln, die ihr Zelt am steilen Hang bei Wehrseifen haben. Dort hocken sie mit ihren Freunden bis spät in die Nacht und trinken Kölsch, während unter ihnen die Rennautos ihre Runden drehen.

Das Ziel ist das Ziel – geschafft!

"Da ist der Wiesmann wieder", brüllt einer gegen das V8-Gewitter an. Wieder? Ja, wieder. Denn leider parkte der AUTO BILD-Rennwagen lang in der Box. Am späten Abend ist er viele Plätze nach hinten gefallen. Immer wieder schlägt der Defektteufel zu und macht den Fahrern den Einsatz zur Hölle. Oberndorfer ist trotzdem im siebten Himmel: "Das Gerät hat ein gewaltiges Potenzial. Leider gehen jetzt Dinge kaputt, mit denen wir nie gerechnet haben."

Als Folge eines kapitalen Drehers löst sich ein Ausleger am Gitterrohrrahmen. Auch die Stabis sind dem Nordschleifen-Dauerstress nicht gewachsen und brechen in der Nacht zweimal. Kurz vor Schluss schert eine Antriebswelle ab. Doch das 17-köpfige Wiesmann-Team bleibt bis zum Schluss motiviert und behebt auch diesen Schaden.

Nach 24 Stunden und fünf Minuten bollert der Wiesmann als 133ster über die Ziellinie. Geschafft. Damit hatten selbst Experten nicht gerechnet. Der einzige Eigenbau im Feld hat die Hölle überlebt. Manchmal haben Schnapsideen ungeahnte Konsequenzen.

Die Ergebnisse vom 24-Stunden-Rennen 2002 1. Platz: Zakowski (D), Lamy (P), Lechner (D), Chrysler Viper GTS-R, 141 Runden, 24:00:31.521 Min. 2. Platz: Alzen (D), Klasen (D), Oestreich (D), Bernhard (D), Porsche 996 GT 3, 2 Runden zurück 3. Platz: Destrée (D), Jodexnis (D), Hulverscheid (D), Dr. Althoff (D), Porsche 996 GT 3, 4 Runden zurück 4. Platz: Silbermayr (D), Leutwiler (CH), Schornstein (D), Porsche GT 3, 4 Runden zurück 5. Platz: Asch (D), Schoysman (B), Kinoshita (J), Tanaka (J), Nissan Skyline GT-R, 6 Runden zurück.

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