Auto-Becker-Auktion

Auto-Becker-Auktion

— 10.03.2003

Das hammerharte Ende

Auto Becker, letzter Akt: Ausverkauf per Auktion, nachdem Deutschlands bekanntestes Autohaus schon vor einem Jahr in die Pleite gesteuert war. Eine traurige (Auto-)Geschichte.

Schlussakkord für die Auto-Ikone

"Zum Ersten, zum Zweiten und zum Dritten." Mit lautem Knall saust der Holzhammer von Auktionator Frans van de Vliet (54) aufs Pult. 100 Euro bringt die elektrische Bohrmaschine von Fein. Nächstes Los, nächste Chance: ein Werkstattwagen von Gedore mit Inhalt. "Wer gibt 40 Euro?" Blitzschnell schießen die Bieterkarten in die Höhe. "60, 80, 160 Euro, bietet jemand mehr?" Ruck, zuck ist der Preis oben.

Nach zehn Sekunden bleiben noch zwei Karten. "220 Euro – zum Zweiten, zum Dritten." Peng! "Der blaue Werkstattwagen geht an die Nummer 186." So geht es munter weiter. Los für Los. Schlag auf Schlag. Ein Posten alle 20 Sekunden. 180 in der Stunde. Auto Becker kommt unter den Hammer. Schlussakkord für die Auto-Ikone aus Düsseldorf. 1950 Positionen hat die Firma Surplex im Katalog aufgelistet – von der Ölkanne bis zum Reifenmontagegerät. Sogar die komplette Einrichtung von Beckers Restaurant "Mezzanotte" kommt zum Aufruf.

Der Auktionsraum in der Suitbertusstraße ist rappelvoll. Unter der Decke hängt noch ein Land-Rover-Werbeplakat. Wo noch vor einem Jahr Defender verkauft wurden, stehen jetzt billige Plastikstühle für die Bieter. Auto Becker war das "faszinierendste Autohaus der Welt". Heute ist es das traurigste Autohaus der Welt. Restrampe statt Rolls-Royce, feilschen statt Ferrari, Losnummern statt Lotus.

Pleitier Becker am Auktionserlös beteiligt

Auf der Leinwand erscheint per Dia ein verbeulter Blechtisch. "Zehn Euro", fordert der Auktionator. Gelächter im Saal. Van de Vliet scherzt zurück: "Damit wir ihn loswerden, geben wir zwei neue Batterien zu." Das wirkt. "20 Euro. Zum Ersten, Zweiten und Dritten." Peng!

Der Holländer drückt aufs Tempo. Alles muss weg. Die Gläubiger wollen es halt so. "Vermieter-Pfandrechtversteigerung" nennt sich das in Amtsdeutsch. Heißt: Der Auktionserlös wird zur Tilgung der Mietschulden an die Grundstückseigentümer gezahlt. Zu denen zählt kurioserweise auch Pleitier Helmut Becker. Neben seinen Brüdern hält auch der einstige Firmenchef Anteile und ist so am Auktionserlös beteiligt.

Kein Wunder also, dass hier keiner gut auf den mediensüchtigen Selbstdarsteller zu sprechen ist. Während drinnen seine Schraubendreher verkloppt werden, schlendert Ex-Becker-Mechaniker Horst Hofreiter (62) ein letztes Mal über das Firmengelände. Auf den Treppen zum einstigen Bentley-Verkaufsraum wuchert Moos. Dass die Wände über der Ferrari-Werkstatt mal schneeweiß waren, ist nur noch zu ahnen. Jetzt wachsen schwarze Schlieren vom Dach, und in die Ecken des verwinkelten Betriebsgeländes hat der Wind hässliche Laubberge gepustet.

Wirtschaftswundermärchen ohne Happy End

Hofreiter ist seit der Pleite arbeitslos und schüttelt den Kopf: "9000 Euro kriege ich noch von Herrn Becker", sagt er und fummelt einen juristischen Titel aus der Jacke. "Die hab ich abgeschrieben." Nach 42 Jahren im Betrieb ein schlimmes Ende. So lange war auch Alfred Steffgen (68) bei Becker. Nun stehen sie zusammen mit dem ehemaligen Betriebsrat Willi Simons (47) vor den Resten eines Wirtschaftswundermärchens. Leider ohne Happy End.

Bei Becker kaufte Beuys seinen Bentley und Netzer seine Ferrari. Ob Gustav Gründgens oder Heinz Rühmann, ob Peter Alexander, Curd Jürgens oder Jil Sander – sie alle waren Beckers Kunden. 200 Mitarbeiter waren beschäftigt, 17 Automarken im Angebot. Was ist geblieben? Nur Trümmer und Trauer. Abgewirtschaftet vom großspurigen Sohn des genialen Gründers.

"Zum Zweiten und zum Dritten." Peng! Wieder wechselt ein Posten Werkstattbücher den Besitzer. Wie ein Toter wird die Firma seziert. Aufgeschnitten, ausgebeint und zerlegt in seine Einzelteile. Aber nicht friedlich. Was hier passiert, ist eine obszöne Obduktion. Leichenfledderei. Lotus-Montageschürzen für 140 Euro, Werkbank für 90 und drei Drehmomentschlüssel für 160. Besonders beliebt sind Hebebühnen. Etwa 40 sind im Angebot. Die billigste kostet 250, die teuerste 600 Euro. Auf alle Zuschlagpreise kommen noch 31 Prozent Gebühren plus Steuern.

14.000 Euro für Beckers Schreibtisch

Im Saal drängeln sich etwa 700 Bieter. Auf den Gartenstühlen sitzen fast nur Männer. Die meisten in grauen Werkstattkitteln oder blauen Latzhosen; Schrauberprofis, die ein Schnäppchen machen wollen. Aber Kfz-Mechaniker Horst Dodzauer (59) winkt enttäuscht ab: "100 Euro für einen ausgelutschten Steckschlüsselsatz sind zu viel."

460 Euro für einen abgetakelten Werkstattwagen aus dem Ferrari Challenge Team ebenfalls. Ein Sammlerpreis. Der Käufer trägt einen Lederblouson mit rotem Lamborghini-Schriftzug auf dem Rücken. Souvenirjäger greifen für Becker-Trophäen tief in die Tasche. "Wenn Helmut Becker Anstand hätte, würde er vor Scham im Boden versinken", schimpft Willi Simons. Doch der ruinierte Geschäftsmann denkt nicht daran. Stattdessen turtelt er mit seinem restauriertem Zweithand-Modell Tatjana Gsell (soll 30 sein) im spanischen Marbella und schmiedet große Comeback-Pläne.

Zu Hause im kalten Düsseldorf parkt ein älterer Herr seinen Mercedes-Benz auf dem Becker-Parkplatz. Es ist Harald Frentzen (72), der Vater von Formel-1-Fahrer Heinz-Harald. "Ich will den Schreibtisch", verkündet er und blickt in die Pförtnerloge. Dort steht er: eine Glasplatte, die auf einen Zwölfzylindermotor aus dem Ferrari Testarossa montiert ist. Doch das Prunkstück geht an einen anonymen Bieter. Ein Strohmann von Helmut Becker, so vermuten viele Beobachter. "14.000 Euro; zum Zweiten, zum Dritten." Der Hammer knallt ein letztes Mal. Das war's. Ende. Eine deutsche Auto-Institution hat geschlossen. Für immer.

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