D&W in der Finanzkrise — 23.01.2009
Es war 'ne geile Zeit
Überraschend hat der Tuningtempel D&W Insolvenz beantragt. Eine Sanierung scheint möglich, aber der Fall zeigt: Eine ganz spezielle Auto-Kultur aus Blech und Busen geht zu Ende. AUTO BILD blickt wehmütig zurück.
D&W konnte die Steuern nicht zahlen, meldete Insolvenz an
Scharfe Autoteile und scharfe Frauen, das gab es vor D&W nicht
Dass ausgerechnet D&W in der Klemme steckt, diese volksnahe Firma, das muss man wohl als Zeichen begreifen. Als Ende einer Auto-Kultur. Sie scheinen auszusterben, die Mannis in ihren Mantas und die Günnis in ihren GTI. "Die Leute sind älter geworden, haben Familie. Da ist für Tuning oft kein Platz mehr", sagt Christian Rabe, Vorstand der "Opel Sport Freunde Bochum". Auch der 1984 gegründete "1. Golf GTI Club Bochum Ruhrgebiet" berichtet, man habe keinen großen Bezug mehr zum Tuning. Irgendwann blicken wir vielleicht zurück und sagen: Es war zwar immer ein bisschen peinlich, ein bisschen zu bunt und zu laut. Aber im Grunde war es 'ne geile Zeit. Das fängt ja schon mit den Katalogen an. Scharfe Autoteile und scharfe Frauen, das gab es vor D&W nicht. Nein, das gab es selbst dort am Anfang noch nicht. Die ersten Prospekte der 1971 in Dortmund gegründeten Firma kommen ohne langbeinige oder vollbusige Frauen aus."Damit Ihr Auto besser wird", steht auf dem Exemplar von 1976. Wer damals die Idee hatte, Models im Bikini auf den Titel zu nehmen und sie im Innenteil oben ohne zu zeigen, ob es vielleicht einer der beiden Gründer Detlef Sokowicz und Werner Bauer (daher der Name "D&W") war, das weiß selbst in der Zentrale heute keiner mehr. Auf jeden Fall war es stilprägend für das Tuning-Gewerbe. Wenn man die D&W-Kataloge der vergangenen Jahrzehnte durchschaut, dann ist das wie eine Zeitreise durch die Bikini- und Frisurenmode. 1985 trägt das Covergirl Leopardenmuster am Leib und einen Palmzopf auf dem Kopf. 1991 sehen wir schwarze Spitzen-Unterwäsche und blonde Löwenmähne. Der Katalog von 2008 zeigt ein Mädchen mit Glitzeroberteil und braunen Locken. 700.000 Exemplare verkaufte die Firma in besten Zeiten von jedem Katalog, heute sind es knapp unter 300.000.
Die Leute gehen jetzt ins Internet, und da gibt es nackte Frauen mit jedem Klick. Dennoch sollen die Mädchen bleiben, das haben sie bei D&W schon beschlossen. Um tiefe Einschnitte werden die Bochumer aber nicht herumkommen. "Wir analysieren jeden einzelnen Bereich und schauen, welcher fortgeführt werden kann", sagt Imberger. Außerdem will sich D&W breiter aufstellen: "Vor fünf Jahren war die Kernzielgruppe zwischen 18 und 28 Jahre alt und zu 94 Prozent männlich", sagt Progekurist John Kleine-Möllhoff (43), "inzwischen kommen auch ältere Autofahrer und Frauen, viele mit ganz normalen Autos. Die suchen beispielsweise Aluräder für ihren Kia Picanto." Sein Kollege Thomas Höwekenmeier (46) meint: "Wir müssen den Kunden von den Vorteilen überzeugen, bei uns zu kaufen statt beim Discounter. Wir haben allein 2,9 Millionen Rad-Reifen-Kombinationen."
Das größte Schwierigkeit lautet: Kosten sparen und Flair behalten
D&W hat von seinem Gesellschafter, einer Unternehmensgruppe aus Luxenburg, ein Massedarlehen bekommen. Mit diesem Kredit können die Löhne und die Lieferanten weiterbezahlt werden. Imberger sagt: "Durch das Insolvenzverfahren ist eine Art Rettungsschirm über D&W gespannt worden. Ich denke, dass die Sanierung bis Ende Februar 2009 abgeschlossen sein wird. Wenn im Frühjahr die Sonne rauskommt, soll alles stehen." Es geht also weiter. Die größte Schwierigkeit wird darin bestehen, an Kosten zu sparen, ohne an Flair zu verlieren. Denn das Unternehmen ist mehr als die Summe seiner 230.000 Produkte – eben nicht nur die Tönfolie für 61 Euro, der Bremssattellack für 25 Euro, der Sportgrill für 29,95 Euro. "D&W ist Kult", sagt Verkäufer Güngör Kilic (35).Im Frühjahr wird man das alles genauer beobachten können. Wenn sich dann freitags abends, so ab 17 Uhr, der Firmenparkplatz wieder füllt mit tiefergelegten Autos, wenn deren Fahrer wie bisher den Holzkohlegrill anschmeißen und sich auf der kleinen Privatstraße zwischen D&W und Fast Food Restaurant Rennen liefern, dann muss man sich wohl nicht allzu große Sorgen machen. Eng wird es erst, falls sie bei D&W auf die Idee kommen, ein ganz normales Unternehmen sein zu wollen. Mit weißem Treppenhaus zum Beispiel. Oder einem Fernseher ohne Plüsch-Bezug.

































