D&W in der Finanzkrise

Die goldenen Jahre von D&W Die goldenen Jahre von D&W

D&W in der Finanzkrise

— 23.01.2009

Es war 'ne geile Zeit

Überraschend hat der Tuningtempel D&W Insolvenz beantragt. Eine Sanierung scheint möglich, aber der Fall zeigt: Eine ganz spezielle Auto-Kultur aus Blech und Busen geht zu Ende. AUTO BILD blickt wehmütig zurück.

Irgendwann verschwimmt alles. Die Lichter, die Farben, die Eindrücke. Im Kopf entsteht eine wilde Mischung aus Bildern: Das hellbraun gestrichene Treppenhaus mit den ägyptischen Schriftzeichen im Verwaltungstrakt verschmilzt mit den blau gewischten Wänden im Besprechungsraum; der in Plüsch eingeschlagene Fernseher darin mit der verspiegelten Tür zum Verkaufsraum; die blitzenden Räder im Shop mit den pinkfarbenen Bikinis der Mädchen, die sich für unsere Fotos auf Reifen und Sportsitzen räkeln. Wahrlich, wer irre Farben sehen will, der muss keine Drogen nehmen – ein Trip zu D&W in Bochum ist abgefahren genug. In dem Tuningtempel am Dückerweg ist alles so liebevoll skurril, so wunderbar absurd, so wahnwitzig bunt, dass ich mir denke: Wer diesen Laden mal betreten hat und ihn danach nicht liebt, der hat ein Herz aus Stein.

D&W konnte die Steuern nicht zahlen, meldete Insolvenz an

Herren über 230.000 Teile: Die Prokuristen Höwekenmeier und Kleine-Möllhoff mit Insolvenzverwalter Imberger (von links).

In was für einem krassen Missverhältnis zu den vielen Farben und Formen steht das Schriftstück mit dem Aktenzeichen 80 IN 10/09. Ein weißes Blatt Papier, schwarze Schrift, obendrüber das Wappen von Nordrhein-Westfalen. "Amtsgericht Bochum–Beschluss". Es geht um die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens. D&W hat das selbst beantragt, denn drei Tage später wären Steuern fällig gewesen, und die konnte das Unternehmen nicht zahlen. Jetzt ist der Insolvenzverwalter im Haus. Frank Imberger, ein drahtiger Kerl mit Igelfrisur. "Der Umsatzrückgang", antwortet der 43-Jährige, wenn man ihn nach dem Grund für die Krise fragt. "Die Kern-Zielgruppe kämpft mit den gestiegenen Kosten und hat Angst, den Job zu verlieren. Hinzu kommt die Konkurrenz durch Onlinehändler und Discounter."

Scharfe Autoteile und scharfe Frauen, das gab es vor D&W nicht

Im "Darkroom" werden Scheinwerfer präsentiert – normalerweise allerdings ohne Alina und Janine.

Dass ausgerechnet D&W in der Klemme steckt, diese volksnahe Firma, das muss man wohl als Zeichen begreifen. Als Ende einer Auto-Kultur. Sie scheinen auszusterben, die Mannis in ihren Mantas und die Günnis in ihren GTI. "Die Leute sind älter geworden, haben Familie. Da ist für Tuning oft kein Platz mehr", sagt Christian Rabe, Vorstand der "Opel Sport Freunde Bochum". Auch der 1984 gegründete "1. Golf GTI Club Bochum Ruhrgebiet" berichtet, man habe keinen großen Bezug mehr zum Tuning. Irgendwann blicken wir vielleicht zurück und sagen: Es war zwar immer ein bisschen peinlich, ein bisschen zu bunt und zu laut. Aber im Grunde war es 'ne geile Zeit. Das fängt ja schon mit den Katalogen an. Scharfe Autoteile und scharfe Frauen, das gab es vor D&W nicht. Nein, das gab es selbst dort am Anfang noch nicht. Die ersten Prospekte der 1971 in Dortmund gegründeten Firma kommen ohne langbeinige oder vollbusige Frauen aus.

"Damit Ihr Auto besser wird", steht auf dem Exemplar von 1976. Wer damals die Idee hatte, Models im Bikini auf den Titel zu nehmen und sie im Innenteil oben ohne zu zeigen, ob es vielleicht einer der beiden Gründer Detlef Sokowicz und Werner Bauer (daher der Name "D&W") war, das weiß selbst in der Zentrale heute keiner mehr. Auf jeden Fall war es stilprägend für das Tuning-Gewerbe. Wenn man die D&W-Kataloge der vergangenen Jahrzehnte durchschaut, dann ist das wie eine Zeitreise durch die Bikini- und Frisurenmode. 1985 trägt das Covergirl Leopardenmuster am Leib und einen Palmzopf auf dem Kopf. 1991 sehen wir schwarze Spitzen-Unterwäsche und blonde Löwenmähne. Der Katalog von 2008 zeigt ein Mädchen mit Glitzeroberteil und braunen Locken. 700.000 Exemplare verkaufte die Firma in besten Zeiten von jedem Katalog, heute sind es knapp unter 300.000.

Vom Katalog verkaufte D&W zeitweise über 700.000 Exemplare.

Die Leute gehen jetzt ins Internet, und da gibt es nackte Frauen mit jedem Klick. Dennoch sollen die Mädchen bleiben, das haben sie bei D&W schon beschlossen. Um tiefe Einschnitte werden die Bochumer aber nicht herumkommen. "Wir analysieren jeden einzelnen Bereich und schauen, welcher fortgeführt werden kann", sagt Imberger. Außerdem will sich D&W breiter aufstellen: "Vor fünf Jahren war die Kernzielgruppe zwischen 18 und 28 Jahre alt und zu 94 Prozent männlich", sagt Progekurist John Kleine-Möllhoff (43), "inzwischen kommen auch ältere Autofahrer und Frauen, viele mit ganz normalen Autos. Die suchen beispielsweise Aluräder für ihren Kia Picanto." Sein Kollege Thomas Höwekenmeier (46) meint: "Wir müssen den Kunden von den Vorteilen überzeugen, bei uns zu kaufen statt beim Discounter. Wir haben allein 2,9 Millionen Rad-Reifen-Kombinationen."

Das größte Schwierigkeit lautet: Kosten sparen und Flair behalten

Das Herz schlägt im Pott: die D&W-Zentrale in Bochum-Wattenscheid.

D&W hat von seinem Gesellschafter, einer Unternehmensgruppe aus Luxenburg, ein Massedarlehen bekommen. Mit diesem Kredit können die Löhne und die Lieferanten weiterbezahlt werden. Imberger sagt: "Durch das Insolvenzverfahren ist eine Art Rettungsschirm über D&W gespannt worden. Ich denke, dass die Sanierung bis Ende Februar 2009 abgeschlossen sein wird. Wenn im Frühjahr die Sonne rauskommt, soll alles stehen." Es geht also weiter. Die größte Schwierigkeit wird darin bestehen, an Kosten zu sparen, ohne an Flair zu verlieren. Denn das Unternehmen ist mehr als die Summe seiner 230.000 Produkte – eben nicht nur die Tönfolie für 61 Euro, der Bremssattellack für 25 Euro, der Sportgrill für 29,95 Euro. "D&W ist Kult", sagt Verkäufer Güngör Kilic (35).

Im Frühjahr wird man das alles genauer beobachten können. Wenn sich dann freitags abends, so ab 17 Uhr, der Firmenparkplatz wieder füllt mit tiefergelegten Autos, wenn deren Fahrer wie bisher den Holzkohlegrill anschmeißen und sich auf der kleinen Privatstraße zwischen D&W und Fast Food Restaurant Rennen liefern, dann muss man sich wohl nicht allzu große Sorgen machen. Eng wird es erst, falls sie bei D&W auf die Idee kommen, ein ganz normales Unternehmen sein zu wollen. Mit weißem Treppenhaus zum Beispiel. Oder einem Fernseher ohne Plüsch-Bezug.

Autor: Alex Cohrs

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