Dauer 962 Le Mans

Dauer 962 Le Mans Dauer 962 Le Mans

Dauer 962 Le Mans

— 26.06.2003

Le Mans ist überall

Da war der TÜV-Prüfer aber großzügig: Diese Flunder darf im öffentlichen Straßenverkehr mitmischen. Also auf zum nächsten Biergarten – mit 730 PS.

Das erste Tarnkappen-Auto der Welt

Das wichtigste Detail des Dauer 962 bieten andere Fahrzeuge nicht mal gegen Aufpreis – die Tarnkappe. Die rundlich-flache Form in Verbindung mit der stumpfen Kohlefaseroberfläche bietet Radarstrahlen keinerlei Angriffsfläche. Der 962 ist unblitzbar. "Wir haben es noch nie ausprobiert", gesteht Dauer-Pressechef Joachim Gärtner, "rein theoretisch müsste es allerdings funktionieren." Wunschtraum oder Wirklichkeit? Egal.

Was die Fahrleistungen betrifft, erwarten uns auf jeden Fall knallharte Fakten. 404,6 km/h rennt das Auto von Jochen Dauer – ein hieb- und stichfester Wert. Gemessen auf dem VW-Testgelände Ehra-Lessien in Niedersachsen. 404,6 km/h – der Dauer 962 trägt den Titel "schnellstes straßenzugelassenes Serienfahrzeug der Welt".

Auch der Beschleunigungswert haut vom Hocker: 7,3 Sekunden dauert der Sprint – auf 200 km/h. Die 100er-Marke fällt nach 2,8 Sekunden. Zum Vergleich: Der neueste ultimative Hammer aus Zuffenhausen, der Porsche Carrera GT, rennt "nur" 330 km/h und benötigt 3,9 Sekunden auf 100 km/h.

Wer schnell sein will, muss bekanntlich leiden. Im Dauer 962 herrscht drangvolle Enge. Die Füße haben zu wenig Platz, die Knie scheuern am Armaturenbrett, und die Stirn küsst beim Antippen der Bremse schnell den Dachhimmel. Erfolgreiches Aussteigen erfordert Gelenkigkeit, Geduld und Geschick. Aber wer will das eigentlich wissen?

Luxus statt spartanisches Ambiente

Einmal in den gepolsterten Mulden Platz genommen – Sitze im eigentlichen Sinne gibt es nicht –, verschwenden die Passagiere ans Verlassen ihrer Zelle ohnehin keine Gedanken mehr. Zumal Jochen Dauer einen Riesenaufwand treibt, um die verwöhnte Sportwagen-Kundschaft nicht durch spartanisches Rennwagenambiente zu vergraulen. Der Innenraum ist vollständig mit Leder ausgekleidet – einwandfreie Ergonomie trifft lustvollen Luxus. Sogar ein DVD-Spieler ist an Bord. Eine Rückfahrkamera ermöglicht trotz fehlender Heckscheibe relativ reibungslose Parkmanöver.

Wer zum Shoppen in die Innenstadt gondelt, muss sich weniger vor zu engen Parklücken fürchten. Gefahr droht von anderer Seite: Die Menschentrauben, die sich bei jedem Halt bilden, nehmen schnell bedrohliche Ausmaße an. Selbst öffentlicher Freibierausschank dürfte kaum größere Massenaufläufe nach sich ziehen als der Dauer 962. Die extravagante Optik kommt nicht von ungefähr. Schließlich war der 962 ein waschechter Rennwagen, der von 1982 bis 1987 die 24 Stunden von Le Mans gewann (anfangs noch als Vorgänger-Typ 956).

Ausgehend von dieser Legende, entschloss sich Jochen Dauer, einen Straßensportwagen zu erschaffen. Ähnlich, aber doch komplett anders, mit Platz für zwei Personen statt nur für eine. Porsche-Designer Achim Storz ersann für Dauer eine modifizierte, aber dem Original stark ähnelnde Hülle. Er erschuf ein Fahrzeug mit einer kraftstrotzenden Schnörkellosigkeit, die in ihrer Zeitlosigkeit alle Moden überdauert. Noch in 100 Jahren wird dieses Auto aussehen, als wäre es gerade vom Band gerollt.

Neun Zentimeter Bodenfreiheit

Porsche war so angetan von Dauers Tun, dass man sich entschloss, mit zwei Dauer-Porsche bei den 24 Stunden von Le Mans anzutreten; in der seriennahen GT1-Klasse. Und hier schließt sich der Kreis: 1994 holte der Dauer 962 nicht nur den Klassen-, sondern auch einen triumphalen Gesamtsieg.

13 Dauer 962 sind bisher in Handarbeit entstanden, 37 Stück sollen noch folgen. Der Stückpreis für das vierrädrige Kunstwerk liegt bei 980.000 Euro. Diese Summe rührt von der schweren Geburt, die jedes Auto durchleidet: Dauer schnappt sich einen von rund 150 originalen 962, rupft diesen auseinander und baut auf Basis des Oldies sein Auto auf. Es bedarf eines riesigen Aufwands, um aus einem Renn- ein Straßenauto zu machen.

Zuerst muss das Fahrwerk entschärft werden. Wer sich mit kompromissloser Rennabstimmung auf deutsche Straßen wagt, hätte spätestens dann verloren, wenn die erste Bodenwelle das Auto abheben lässt. Der Nürnberger leistet ganze Arbeit: Sein 962 fährt sich nicht knüppelhart, sondern erstaunlich kommod. Eine hydraulische Höhenverstellung macht aus den neun Zentimetern Bodenfreiheit bei Bedarf mehr. Die Servolenkung gewährt auch untrainierten Armen die Chance, am Rad zu drehen. Der Motor wird aus der Wettbewerbsversion übernommen, allerdings erst nach einer gründlichen Generalüberholung. Zwei ungeregelte Katalysatoren halten den Schadstoffausstoß halbwegs in Grenzen.

Technische Daten im Überblick

Im Motorraum schlummert ein blank poliertes Urviech, beatmet von zwei mächtigen Turboladern. Der Boxer mit sechs Zylindern holt aus drei Liter Hubraum 730 PS. So hat das Aggregat mit den 1130 Kilogramm Leergewicht leichtes Spiel.

Erst mal zum Leben erweckt, veranstaltet die Maschine ein Heidenspektakel. Wie eine trächtige Elefantenkuh trompetet der 962 drauflos. Diese unverblümte Art passt zum Charakter des Fahrzeugs. Auch die Kraftentfaltung ist direkt und ungefiltert. Ein durchgedrücktes Gaspedal hat nicht nur schwarze Streifen auf dem Asphalt, sondern auch Schweißausbrüche der Insassen zur Folge. Das Auto lässt keinen Zweifel an seinem Leistungsvermögen. Nur ganz Ausgeschlafene sollten per dreistufigen Drehregler den maximalen Ladedruck von 1,35 Bar und damit die volle Leistung abrufen. Denn das Auto verzeiht keine Fehler. Wer sich ans Steuer traut, der stellt sich dem Kampf mit einem übermächtigen Gegner, den keinerlei Elektronik im Zaum hält. Übermütige seien gewarnt: Es empfiehlt sich nicht, dieses Auto im öffentlichen Straßenverkehr auszufahren – trotz Tarnkappe.

Technische Daten Sechszylinder-Boxermittelmotor • zwei Turbolader • vier Ventile je Zylinder • Hubraum 2994 cm3 • Leistung 537 kW (730 PS) bei 7500/min • maximales Drehmoment 700 Nm bei 5000/min • Hinterradantrieb • sequenzielles Schaltgetriebe(Fünfgang) • rundum Einzelradaufhängung an doppelten Dreiecklenkern • rundum innenbelüftete Scheibenbremsen • Reifen 285/35 ZR 18 vorn, 345/35 ZR 18 hinten • Räder 10,5 J x 18 vorn, 13 J x 18 hinten • L/B/H 4600/1985/ 1050 mm • Leergewicht 1130 kg • Tankinhalt 100 l • 0–100 km/h in 2,8 s • Vmax 404,6 km/h • Preis 980.000 Euro

Der Dauer-Brenner

Auch Jochen Dauer fing mal klein an: Seine ersten Rennen fährt er 1972 auf einem NSU. Nach Erfolgen in verschiedenen Serien landet er im Porsche 962. 1988 wird er darauf Sportwagen-Europameister. Zwischenzeitlich besitzt er seinen eigenen Rennstall. 1990 veranstaltet er das "großartigste Rennen seit Ben Hur": Die Andretti-Sippe fährt gegen den Unser-Clan. "Die Menschen zu begeistern war mir immer Ziel und Erfüllung", erklärt Jochen Dauer.

1991 startet die Entwicklung für seine Straßenversion des 962. Auf der IAA 1993 stellt er den Supersportwagen der Weltöffentlichkeit vor. 1994 gewinnt das Auto das 24-Stunden-Rennen in Le Mans. Im November 1998 stellt Dauer damit den Geschwindigkeitsrekord für straßenzugelassene Serienfahrzeuge auf – 404,6 km/h.

Einen anderen aufsehenerregenden Coup landet der Nürnberger 1997. Er kauft die Konkursmasse von Bugatti auf und baut den EB 110 weiter – natürlich gründlich überarbeitet. Das 612-PS-Monster mit zwölf Zylindern, vier Turboladern und Allradantrieb ist im Vergleich zum 962 ein echtes Schnäppchen: 480.000 Euro kostet der Ferrari-Killer. Interessenten sollten zuschlagen: Dauer hat nur noch zwei Exemplare auf Lager. Kontakt: Tel. 0911/ 399 96 20, www.962LM.com

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