Der Engel der Anhalter

Der Engel der Anhalter

— 23.03.2002

Tramper verzweifelt gesucht!

Dieter Wesch sammelt Mitfahrer. 9528 hat er schon, doch der Mann ist todtraurig. Denn Anhalter sterben aus.

Seit 20 Jahren auf Tramperpirsch

ber dem Vielfahrerbuchlein spannt sich ein knigsblaues Hemd, darber ein schwarzer Pullunder. "Die Vereinsfarben von Mannheim. Trag ich nur nach einem Sieg", sagt Dieter Wesch und zementiert seinen Spruch mit einem schnarrenden Lachen. In stillen Momenten ist dem 49-Jhrigen eher zum Heulen zumute. Denn die Erfolge der geliebten Waldhof-Buben knnen nicht ber die Niederlage seines Lebens hinwegtrsten: Dieter Wesch fhlt sich von Gott und der Welt verlassen - er findet keine Tramper mehr.

Der Engel der Anhalter, der gute Geist am Straenrand, der Weltrekordler im Menschenmitnehmen: Alleinfahrer. Und das schon seit dem 10. Juni 2000. Damals stieg ein gewisser Dirk S. als Fahrgast Nummer 9528 in Weschs roten Proton und lie sich ein paar Kilometer chauffieren. Danach kam niemand mehr. "Die groe Zeit ist eben vorbei", sinniert Wesch, und in seiner Stimme schwingt Woodstock'sche Wehmut. Frher, in den Siebzigern, war Trampen eine Lebenseinstellung. In den Achtzigern reisten junge Leute mit schmalem Geldbeutel per Autostopp. In den Neunzigern hielten vor allem arme Osteuroper den Daumen raus. Und heute nicht einmal die.

"Noch vor 15, 20 Jahren war es blich, dass ein Orchestermusiker nach dem Konzert per Anhalter heimfuhr", schwelgt Sigkeitenfan Dieter in Erinnerungen. "Heute hat er einen Kombi oder wenigstens die Bahncard." Die letzten Spthippies kommen mit TUI nach Gomera, die Antiatomkraftler im geleasten Golf nach Gorleben.

9528 hat er, 11.751 will er

Im Traumsommer 1980 pickte Dieter monatlich 150 bis 200 Leute von der Strae. 2001 werden es mit Glck zwei, drei Dutzend sein - im ganzen Jahr. Und dafr muss der Mannheimer einiges tun. An Wochenenden oder nach Dienstschluss steuert er Autobahnauffahrten und Rasthfe an, geht gezielt auf Tramper-Pirsch. Zuletzt ohne zhlbaren Erfolg.

300 bis 400 Mark Spritkosten kommen so im Monat zusammen. Ein echtes Opfer fr jemanden mit 2600 Mark netto. Wesch ist zwar gelernter Industriemeister Chemie, doch eine gut bezahlte Meisterstelle kann ihm sein Arbeitgeber, die Uni Stuttgart, bislang nicht bieten. Um sein Hobby finanzieren zu knnen, jobbte er neben der Arbeit im Chemikaliendepot des Instituts nach Feierabend in einer Putzkolonne.

Dieter Wesch sitzt auf einer Couch im Wohnzimmer. Jetzt im Mrz 2001 mssen die Antrge fr das neue Guinnessbuch raus. Drei Zeugen sollen unterschreiben, aber trotz 9528 potenzieller Kandidaten fllt es dem Junggesellen schwer, spontan jemanden zu benennen. Echte Freundschaften sind aus seinem Tramper-Tick nicht hervorgegangen. Zu kurz, zu flchtig waren die Begegnungen auf der Strae. Auch wenn Wesch fr besonders nette Mitfahrer gerne private Stadtfhrungen veranstaltet oder groe Umwege in Kauf nimmt.

Noch ist Winterpause. Am 4. 4. beginnt die Saison, am 11. 11. endet sie. Jahr fr Jahr. Dazwischen liegen sieben Monate und sieben Tage. Zahlen haben fr Wesch eine magische Bedeutung. So will er mit dem Menschensammeln bei Fahrgast 11.751 - sein Geburtstag ist der 11. 7. 51 - aufhren. Ein unerreichbares Ziel angesichts des akuten Mitfahrermangels. Doch im Mannheimer Ortsteil Gartenstadt, wo die Straen "Gute Hoffnung" oder "Sonnenschein" heien, stirbt die Zuversicht zuletzt.

Kekse, Kaugummi und khle Cola

"Im Sommer greif ich noch mal richtig an", wettert Wesch. Mit neuem Schwung und neuem Auto, einem Proton 416 in Blaumetallic. Der hat ABS, Beifahrerairbag und sogar Klima, "also noch mehr Komfort und Sicherheit fr meine Gste". Kekse, Kaugummi oder eine khle Cola bei Hitze sind im Shuttleservice sowieso inbegriffen. Und jeder 500. Tramper wird mit einem kleinen silbernen Anstecker belohnt. Als Gegenleistung verlangt Wesch nichts als einen Eintrag ins Gstebuch.

28 Bnde sind auf diese Weise seit 1976 zusammengekommen. 4000 Seiten Trampergeschichte(n), 200 Gedichte, unzhlige Zeichnungen. Mit Danksagungen in Russisch, Lobpreisungen in Arabisch, Einladungen in Japanisch. Und immer wieder der Frage: Dieter, warum machst du das?

"Das ist meine Art von Lebenshilfe. Ich will die Menschen ein Stck ihres Weges begleiten", sagt der selbst ernannte Samariter. "Die Deutschen fahren ihren Wagen ja wie einen Panzer durch die Gegend. Schauen Sie mal in diese verkrampften Gesichter." Dieter Wesch aber lchelt. Er ldt die Welt zu sich ins Auto. Sie muss nur einsteigen.

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