Die Zukunft des Nahverkehrs

Die Autos der Zukunft Die Autos der Zukunft

Die Zukunft des Nahverkehrs

— 28.10.2002

High-Tech aus dem Altenheim

Die Schweizer Firma Classic präsentiert ihr neues Elektromobil und verspricht die Revolution des Nahverkehrs – sogar Blinde sollen (damit) Auto fahren können.

Vorhang auf für das Pflegemobil

Wie es sich für große Erfindungen gehört, wird auch auf Stand A60 in Halle 4 der Düsseldorfer RehaCare 2002 feierlich enthüllt. Unter samtenem Premierentuch und inszenierter Spannung kommt ein kleines rotes Mobil zum Vorschein. Dem ersten Eindruck nach ein auf hip getrimmtes Elektromobil für Senioren oder Behinderte – wie man es halt erwartet, auf einer Fachmesse für Pflegebedarf.

Doch der Eindruck ist falsch, ganz falsch sogar. Denn der knapp zwei Meter lange und 76 Zentimeter breite Einsitzer ist nicht weniger als – Herrschaften, aufgepasst: "die Revolution des Nahverkehrs". So jedenfalls präsentiert Firmenchef Martin Kyburz den "Classic Plus" dem anwesenden Publikum. Und auch sonst jedem, der gesunden Schrittes auf ihn zukommt. Okay, für alle anderen mag es nur ein Krankenfahrstuhl sein – aber nun.

Seit nunmehr sieben Jahren produziert die schweizerische Firma Classic Elektromobile. Bisher ein dreirädriges Modell, batteriebetrieben, vornehmlich für Alte und Kranke. Nun hat das Ingenieurteam ein neues Modell, den "Classic Plus" entwickelt: Mit vier statt der "Classic"-üblichen drei Räder, Dach und Windschutzscheibe – in der Zielgruppe ist man halt zugempfindlich.

Autofahren ohne hinzuschauen

Auch Motor und Batterie sind leistungsstärker geworden: Über 100 km/h soll der Classic Plus erreichen – theoretisch. In der Serie begnügt er sich mit maximal 30 km/h, "der Gesetzeslage wegen, alles über 30 km/h verlangt einen eigenen Führerschein", erläutert Kyburz. Zur "Weltneuheit" aber macht den Classic Plus das "revolutionäre System aus modular anbringbaren Sensoren und Aktoren".

Der technische Leckerbissen ist das neuartige Magnet-Leitsystem. Mit Hilfe eines Sensors an der Vorderachse soll das Fahrzeug Magnetfelder am Boden erkennen und über eine ausgeklügelte Software Lenkung und Antrieb ansteuern. Legt man dem Fahrzeug also einen beliebigen Magnetstreifen vor, folgt es wie ein dressiertes Hündchen. Ganz ohne Zutun des Fahrers, automobil im wahrsten Sinne des Wortes.

Um Kollisionen zu verhindern, verfügt der Classic Plus außerdem über ein Anti-Kollisionssystem. Zu erkennen an zwei runden weißen Radarsensoren an der Fahrzeugfront. Bis zu einer Entfernung von drei Metern tasten sie permanent das Umfeld vor dem Wagen ab. Sobald ein Hindernis auftaucht, leitet die Software mittels einer elektromechanischen Bremse sofort den Notstopp ein. "Mit diesem System können nun sogar Blinde sicher Auto fahren", versprechen die Daniel Düsentriebs aus dem Land von Edelweiß und Kräuterzucker – an Ehrgeiz jedenfalls mangelt es denen offenbar nicht.

Schnellster Elektro-Rollstuhl der Welt

Das zeigt auch der Blick ins aktuelle Guinnesbuch der Rekorde. Dort ist eine getunte Version des dreirädrigen Classic als "schnellster Elektro-Rollstuhl der Welt" notiert. In einem Beschleunigungsrennen bis 80 km/h hat er jüngst sogar einen handelsüblichen Mercedes SLK 230 hinter sich gelassen. Topspeed: 147 km/h. Damit treibt Opa auf dem Weg zum Orthopäden sogar den örtlichen GTI-Größen die Tränen in die Augen.

Mit dem neuen Classic Plus haben Kyburz und Kollegen aber weit Größeres vor. Die bereits erwähnte Revolution des Nahverkehrs nämlich. Wie die vor sich gehen soll, weiß Kyburz ganz genau: "Zunächst verlegen wir in den Zentren der Städte Magnetstreifen. Bei der Breite eines Classic Plus passen drei nebeneinander in eine herkömmliche Fahrspur", schwärmt er sich warm, "der laufende Meter zu zwei Euro."

Angedacht sei sogar die Verwendung einer magnetischen Fahrbahnfarbe, die einfach aufgesprüht werde. Da arbeite man derzeit schon mit einem Farbenhersteller zusammen, "Genaues wollen wir aber noch nicht sagen." Von diesen Leitstreifen geführt, sieht Kyburz tausende von Classic Plus durch die Städte surren. "Im Regelfall kümmert sich der Fahrer während der Fahrt nicht um die Steuerung." Bei Fahrtantritt gibt man einfach den Zielort in den Fahrzeugrechner ein und lenkt das Auto auf den Magnetstreifen.

Gänsemarsch mit 50 Sachen

Ihr Ziel finden die Fahrzeuge dann anhand von Codes, die an bestimmten Wegpunkten in die Magnetstreifen programmiert werden. Mit deren Hilfe werden auch alle verkehrsorganisatorischen Hindernisse wie Ampeln, Kreuzungen oder Abzweigungen bewältigt. Wegen der Codierung sei man schon mit russischen Experten im Gespräch, "Genaues wollen wir auch hier noch nicht sagen."

Während der Fahrt wird ein zentrales Leitsystem die Fahrzeuge per Datenkommunikation zu kleinen Zügen zusammenkoppeln, so dass sie bei einer Geschwindigkeit von rund 50 km/h in einem Abstand von unter einem Meter durch die Straßen zischen. Auf diese Weise werde die Verkehrskapazität verdreifacht. Ohne bauliche Veränderungen und quasi kostenneutral gehörten Staus, Unfälle, Verkehrslärm und Parkplatzsorgen der Vergangenheit an.

Statt Stop an Go wird auf dem Weg zur Arbeit Zeitung gelesen. Auch Telefonieren und Alkohol am Steuer – alles erlaubt, alles ganz easy. Schöne neue Nahverkehrswelt, so weit die Theorie.

Die Revolution frisst ihre Kinder

Doch die Praxis vor der Messehalle in Düsseldorf erinnert eher an eine Mischung aus Märklin und Lego-Technik. Um zu beweisen, dass mit dem System tatsächlich auch Blinde Auto fahren können, haben die Tüftler aus dem Tessin einen Kreis aus Magnetstreifen mit Klebeband auf den Asphalt gepappt. Das blaue Vorführmodell hat allerdings noch keinen Steuerungs-Chip. Statt dessen ist der Magnetsensor mit kleinen Vibratoren in den Griffen des Lenkers verbunden. Je nachdem, zu welcher Seite das Gefährt von der Magnetstrecke abweicht, vibriert der linke oder rechte Griff. Auf diese Weise lässt sich der Classic Plus allein dem Gefühl nach steuern, "um dem Fachpublikum die revolutionäre Arbeitsweise der Technik näherzubringen."

Doch noch frisst die Revolution ihre Kinder. Und die Nerven der Umstehenden: Zickzackartig und stockend hangelt sich der blinde Testfahrer um das kleine Oval, knapp eine Minute benötigt er für die rund 30 Meter lange Strecke. Fast hat man den Eindruck, ein Schwerstbetrunkener sei am Werk, das Vibrieren der Griffe kreischt über den gesamten Messeplatz. "Dies ist noch ein Prototyp", versucht Kyburz zweifelnde Blicke zu entkrampfen, "mit Chip fährt er schnurgerade, im Werk funktioniert das schon problemlos." Ganz nebenbei erwähnt er noch, dass man auf der Messe leider kein chip-gesteuertes Modell vorführen könne, denn bis zur endgültigen Serienreife wäre noch ein wenig Feinschliff von Nöten.

Und solange ist der Classic Plus ja auch ein sehr schönes Elektromobil für Senioren und Gehbehinderte. 12.600 Euro kostet es in den zehn und 20 km/h schnellen Basisversionen. Und wer gar mit satten 30 km/h zum Einkaufen kacheln will, muss 13.500 Euro nach Freienstein in die Schweiz überweisen. Immerhin so viel wie ein 75-PS-Polo mit VWs Comfortline-Ausstattung. Und etwas mehr als vergleichbare Elektro-Krankenfahrstühle der Konkurrenz. Aber Revolutionen haben eben ihren Preis.

Autor: Henrik Fels

Stichworte:

Nahverkehr

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