Dicke Luft: Hier drohen Fahrverbote

Diesel-Abgas: Blaue Plakette, Fahrverbot, Euro-5-Umrüstung

— 08.09.2017

Das sollten Sie zur blauen Plakette wissen

Bei einer Umfrage haben sich 42 Prozent aller Teilnehmer zustimmend zu Fahrverboten geäußert. Infos zum Dieselgipfel und Fahrverboten, zur Umrüstung, Umweltprämien und blauer Plakette.

Online-Voting

'Dieselgipfel: Sind Sie für Fahrverbote?'

(dpa/Reuters/mas/cj/brü) Bei Fahrverboten für ältere Dieselautos sind die Menschen in Deutschland geteilter Meinung. Im aktuellen ARD-Deutschlandtrend gaben 53 Prozent der Befragten an, Fahrverbote abzulehnen. Immerhin 42 Prozent aber halten sie für richtig, wie aus der Umfrage von Infratest dimap im Auftrag der "Tagesthemen" hervorgeht. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) ist gegen Fahrverbote, hält aber die blaue Plakette für sinnvoll. Sie "wäre ein Technologietreiber und eine planbare Ansage an Industrie und Verbraucher, auf die sie sich einstellen können", sagte Kretschmann der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Sie sei ein effektives, weil rechtssicheres Mittel. Mit der Plakette gäbe es Fahrverbote erst ab 2020 und dann auch nur noch für "kleine Restgrößen" an Autos.

Eine Milliarde Euro für Umweltfonds

Bei einem weiteren Dieselgipfel im Kanzleramt hat die Bundesregierung den Fonds für die Kommunen im Kampf gegen die Dieselabgase aufgestockt. Insgesamt würden nun eine Milliarde Euro statt der bisher vorgesehenen 500 Millionen Euro zur Verfügung stehen, kündigte Bundeskanzlerin Angela Merkel am 4. September 2017 nach einem Treffen mit Bürgermeistern und einigen Ministerpräsidenten an. Der Fonds war beim Diesel-Gipfel mit der Autobranche Anfang August beschlossen worden und wurde vom Bund und den Autoherstellern – aufgeteilt nach Marktanteil – mit je 250 Millionen Euro versehen. Die zusätzlichen 500 Millionen Euro sollen jetzt allein vom Bund kommen. Ziel der Treffen ist es, drohende Fahrverbote wegen der Stickoxid-Belastung in den Städten zu verhindern. Dafür sollen die Kommunen den öffentlichen Nahverkehr sowie den Fahrrad- und Fußgängerverkehr fördern. Zudem soll mit dem Fonds in die Digitalisierung der Verkehrssteuerung investiert werden, um Staus und damit zusätzliche Emissionen zu verhindern. Auf dem Gipfel hatte sich Baden-Württembergs Regierungschef Winfried Kretschmann (Grüne) erneut für die Einführung einer blauen Plakette für Autos mit geringem Schadstoffausstoß ausgesprochen. Beim vorherigen Dieselgipfel im August hatte die Autobranche für Millionen Dieselautos Updates der Motorsoftware angekündigt, um die Abgasreinigung zu verbessern. Zugleich hatte die Branche die von Umweltschützern geforderte Nachrüstung von Motorbauteilen zurückgewiesen, die als wirksamer gelten.

DUH macht Druck in weiteren 45 Städten

Stuttgart kämpft seit Jahren mit hoher Luftverschmutzung. Fahrverbote lassen sich vermutlich nicht umgehen.

Zuletzt hatte die Deutsche Umwelthilfe Mitte August im Kampf um saubere Luft den Druck auf Bundesländer und Städte erhöht. Sie leitete für 45 weitere Städte formale Verfahren zur Sicherstellung der Einhaltung der Grenzwerte für Stickstoffdioxid (NO2) ein. Die Behörden sollten binnen vier Wochen wirksame Maßnahmen wie Diesel-Fahrverbote verbindlich erklären. "Wir fordern saubere Luft bereits im Jahr 2018 für alle 61 Städte, die aktuell die NO2-Grenzwerte um zehn Prozent oder mehr überschreiten", sagte Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch. Hinzu kommt Leipzig, gegen das bereits im März 2017 ein formales Verfahren eingeleitet wurde. Die Umwelthilfe klagt bereits in 16 Fällen vor Gericht, in Hamburg macht der BUND Druck. Nach Berechnungen des Bundesumweltamtes (UBA) dürfte die Belastung der Stadtluft mit gesundheitsschädlichem Stickoxid durch die geplanten Software-Nachrüstungen lediglich um bis zu sechs Prozent sinken. Neben einem Software-Update wird auch die Hardware-Nachrüstung von Dieselautos diskutiert. Um Fahrverbote zu umgehen, bieten die Autohersteller Umstiegsprämien beim Kauf neuerer und saubererer Autos an.

Hier kommen Antworten rund ums Thema Fahrverbote,
blaue Plakette und Diesel-Nachrüstung

Wie groß ist die Luftverschmutzung durch alte Diesel?

In vielen deutschen Städten ist die Luftverschmutzung vor allem durch Stickoxide (NOx) zu hoch, weshalb die Europäische Union mit Strafzahlungen droht. Stuttgart ist seit Jahren trauriger Spitzenreiter in der Liste der deutschen Städte mit der höchsten Luftverschmutzung. Doch auch andere Städte wie München, Düsseldorf oder Hamburg reißen die von der EU vorgeschriebenen Grenzwerte regelmäßig. Die Bundesregierung steht deshalb unter enormem Druck, etwas für die Sauberkeit der Luft in Deutschland zu tun – vor allem nach dem VW-Abgasskandal. Hauptverursacher für die anhaltend hohe NOx-Konzentration in der Luft sollen ältere Diesel sein. Manche Experten bezweifeln dies und sehen beispielsweise Industrie und Lkw als Haupt-Luftverpester.

Welche Maßnahmen für sauberere Luft werden diskutiert?

Als erste Maßnahme sollen 5,3 Millionen Euro-5- und Euro-6-Diesel bis Ende 2018 ein Software-Update erhalten, das den Stickoxid-Ausstoß reduziert. Das beschlossen Politiker und Autobauer beim "Nationalen Forum Diesel" am 2. August 2017. Zudem wollen einige Autohersteller den Besitzern älterer Diesel den Umstieg auf ein neueres, saubereres Auto mit Sonderprämien versüßen. Umweltschützer und auch Bundesumweltministerin Barbara Hendricks bezweifelten aber, dass diese Maßnahmen ausreichen, um die Luftqualität in deutschen Großstädten maßgeblich zu verbessern. Fahrverbote oder die teurere Hardware-Nachrüstung seien noch nicht vom Tisch, so die SPD-Politikerin. Mittel- und längerfristig sollen zudem die Förderung von alternativen Antrieben (Strom, Gas, Wasserstoff) oder regional auch der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs- und Radwegenetzes helfen.

Welche Hersteller planen Umstiegsprämien?

Als weitere Maßnahme neben dem Software-Update erklärten die drei großen deutschen Automobilhersteller BMW, VW und Daimler nach dem Diesel-Gipfel, Millionen Besitzer älterer Dieselautos mit Sonderprämien zum Umstieg auf modernere Fahrzeuge locken zu wollen. Folgende Ankündigungen gibt es bislang:
  • BMW-Chef Harald Krüger sagte, sein Konzern werde Besitzern von Autos der Schadstoffklasse Euro 4 oder schlechter europaweit eine Umweltprämie von 2000 Euro anbieten
  • VW: Bei Anschaffung eines neuen VW und gleichzeitiger Verschrottung eines alten Diesel-Fahrzeugs jeder Marke mit Abgasnorm Euro 4 oder älter gewährt Volkswagen eine modellabhängige Umweltprämie von bis zu 10.000 Euro. Im Detail: VW up!: 2000 Euro; VW Polo: 3000 Euro; VW Golf, Golf Sportsvan, Golf Variant, Tiguan, Tiguan Allspace, Beetle Cabrio: 5000 Euro; VW Touran: 6000 Euro; VW Passat Limousine/Variant, Arteon, Sharan: 8000 Euro; VW Touareg: 10.000 Euro. Bei Kauf eines Autos mit alternativem Antrieb gibt es einen zusätzlichen Bonus obendrauf: Erdgas: 1000 Euro, Hybridantrieb: 1785 Euro; Elektroantrieb: 2380 Euro.
  • VW Nutzfahrzeuge will Besitzern von Dieseln der Euronorm 1 bis 4 (markenunabhängig) bei Verschrottung des Altfahrzeugs folgende Prämien zahlen: Caddy Benzin, Diesel: 4000 Euro; Caddy Erdgas CNG: 5000 Euro; Transporter Kombi: 6000 Euro; Caravelle: 7000 Euro; Multivan: 10.000 Euro
  • Audi will bei Kauf eines Neuwagens (bis 31. Dezember 2017) und gleichzeitiger Verschrottung des Altfahrzeugs (Euro 1 bis 4) 3000 bis 10.000 Euro Prämie bezahlen. Entscheidet sich der Kunde für einen Audi mit Plug-In-Hybrid-Technologie oder ein mit Erdgas betriebenes g-tron-Modell, erhöht sich die Prämie zusätzlich um 1000 Euro.
  • Skoda will ebenfalls bei Verschrottung von Euro-1- bis Euro-4-Dieseln und Neukauf eines aktuellen Modells eine Umweltprämie bezahlen: Skoda Citigo: 1750 Euro; Skoda Fabia: 3000 Euro; Skoda Rapid: 3500 Euro; Skoda Yeti: 4000 Euro; Skoda Octavia und Superb: 5000 Euro
  • Seat will ebenfalls eine Umweltprämie beim Kauf eines Neufahrzeugs und Verschrottung des alten Diesels (Euro 1 bis 4) zahlen. Seat Mii: 1750 Euro; Seat Ibiza: 3000 Euro; Seat Leon und Toledo: 5000 Euro; Seat Alhambra: 8000 Euro. Beim Kauf eines CNG-Modells (Erdgas) gibt es eine zusätzliche „Zukunftsprämie“ in Höhe von 2000 Euro.
  • Porsche bietet Kunden, die von ihrem Fahrzeug mit Dieselmotor der Emissionsklasse Euro 1 bis Euro 4 auf ein viertüriges Porsche-Neufahrzeug wechseln, eine Prämie in Höhe von 5000 Euro. Voraussetzung ist eine Haltedauer des Neuwagens von sechs Monaten sowie die endgültige Stilllegung des bisherigen Diesel-Fahrzeuges. Die Sonderaktion gilt europaweit und läuft bis zum 31. Dezember 2017.
  • Daimler kündigte nach dem Dieselgipfel einen "vierstelligen“ Umweltbonus beim Kauf eines Neufahrzeugs.
  • Ford und Opel wollen laut VDA ebenfalls ein Umstiegsprogramm vorstellen. Details sind hier noch nicht bekannt.

Kann ich ohne Bedenken einen Euro-6-Diesel kaufen?

Euro-6-Diesel sind Stand der Technik. Sie würden nach aktueller Lage die bereits diskutierte blaue Plakette bekommen. Da viele von ihnen aber im realen Fahrbetrieb ebenfalls mehr Stickoxid ausstoßen als auf dem Prüfstand, könnte auch für Euro-6-Diesel mittelfristig ein Fahrverbot drohen. Es gibt aber auch Gründe, die für einen Diesel sprechen.
Eine ausführliche Entscheidungshilfe "Diesel pro und kontra" gibt es hier.

Lassen sich alte Diesel nachrüsten?

Grundsätzlich ja. Euro-5- und Euro-6-Diesel können per Software-Update sauberer werden. Außerdem ist - auch bei älteren Fahrzeugen - eine Hardware-Nachrüstung möglich. Diese ist aber relativ teuer.

Welche Autos sollen ein Software-Update bekommen?

Auf dem "Nationalen Forum Diesel" wurde beschlossen, dass zunächst 5,3 Millionen Euro-5- und Euro-6-Diesel per Software-Update sauberer werden sollen. Darunter sind allerdings auch 2,5 Millionen VW, die ohnehin im Zuge des Abgasskandal-Rückrufs nachgerüstet werden. Wie Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) bei einer Pressekonferenz nach dem Gipfel mitteilte, sollen die Maßnahmen von Herbst 2017 an umgesetzt werden. Für die Halter würden keine Kosten entstehen. Die Aktion soll keinen Einfluss auf Motorleistung, Verbrauch oder Lebensdauer haben. Ziel sei eine durchschnittliche Stickoxid-Reduzierung von 25 bis 30 Prozent der nachgerüsteten Fahrzeuge, erklärte der VDA. Studien zeigten, dass damit die Schadstoffbelastung mindestens genauso stark reduziert werden könne wie durch Fahrverbote.

Wie könnte die Motoren-Hardware nachgerüstet werden?

Euro-5-Diesel müssten mit einem SCR-Katalysator ausgestattet werden, der mit Hilfe von Harnstofflösung (AdBlue) den Stickoxid-Ausstoß verringern würde. Das Ganze müsste sowohl mit der Motorsteuerung verbunden werden, als auch Platz finden unter der Motorhaube. Diese Maßnahme ist teuer: Offizielle Zahlen gibt es nicht, es ist aber von 1,5 bis 2,5 Milliarden Euro für die Umrüstung die Rede – plus die Aufwendungen für die Entwicklung einer entsprechenden Software. Gerade bei älteren Fahrzeugen wäre dies nicht wirtschaftlich, so die Einschätzung des VDA.
Erklärung: So funktioniert die Umrüstung von Euro 5 auf Euro 6

Wer zahlt für eine Umrüstung?

Der Staat, die Diesel-Besitzer oder die Autohersteller? Die Frage ist noch offen. In Baden-Württemberg befürworten der Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) und die SPD einen Fonds, in den die Automobilhersteller gemäß der von ihnen verkauften Diesel einzahlen, um die Nachrüstung zu finanzieren.

Wie viele Diesel erfüllen Euro 6? Und wie viele nicht?

Zum Jahreswechsel 2017 erfüllte nur knapp ein Fünftel der in Deutschland zugelassenen Dieselfahrzeuge die seit September 2015 geltende jüngste Euro-6-Abgasnorm. Knapp 40 Prozent der Diesel in Deutschland erreichten nur Euro 5; der Verband der Automobilindustrie beziffert ihre Zahl bundesweit auf rund 5,92 Millionen Stück. Die übrigen 40 Prozent erfüllen Euro 1 bis 4.

Wären Fahrverbote mit einer Umrüstung vom Tisch?

Das hängt davon ab, was die Pläne der Industrie tatsächlich bringen. Ziel ist es, die von der EU und von Gerichten vorgegebenen Grenzwerte in der Luft einhalten zu können. Es gilt aber als wahrscheinlich, dass diese Grenzwerte zumindest kurz- und mittelfristig ohne Fahrverbote erreichbar sind. Sowohl Grüne als auch CDU würden auch angesichts absehbar großer Proteste aber nur allzu gerne auf Fahrverbote verzichten.

Wo werden Fahrverbote diskutiert oder vorbereitet?

Stuttgart: Das dortige Verwaltungsgericht gab am 28. Juli 2017 einer Klage der Deutschen Umwelthilfe Recht und billigte in einem Urteil Fahrverbote als mögliches Mittel zur Luftreinhaltung. Ob diese schon zum 1. Januar 2018 kommen, ist allerdings offen. Wahrscheinlich geht die Sache vor das Bundesverwaltungsgericht. Großflächige Sperrungen für Dieselautos unterhalb der Euronorm 6 an Tagen mit Feinstaubalarm könnten zudem noch an anderen rechtlichen Hindernissen scheitern.

Hamburg: Die Hansestadt will einige Straßen für besonders schmutzige Diesel sperren. Der am 2. Mai 2017 vorgestellte Luftreinhalteplan sieht laut "Hamburger Abendblatt" vor, dass Lastwagen, die nicht der aktuellen Euro-6-Norm entsprechen, Abschnitte auf zwei Hauptverkehrsadern der Stadt ganzjährig nicht mehr befahren dürfen. Dies betrifft zum einen Bereiche der Stresemannstraße, Teile der ebenfalls stark befahrenen Max-Brauer-Allee sollen auch für ältere Pkw tabu sein – abgesehen vom Anlieger-Verkehr. Hier steht laut Umweltbehörde aber noch ein höchstrichterliches Urteil aus.

München: Die bayerische Landeshauptstadt muss nach der Entscheidung des Obersten Bayerischen Verwaltungsgerichts bis Ende 2017 Fahrverbote für Dieselfahrzeuge vorbereiten. Ob diese tatsächlich verhängt werden können, hängt vom Bundesgesetzgeber ab. Während die Wirtschaft vor den Verboten warnt, sehen Umweltverbände ihre Position bestätigt – und fordern die sogenannte blaue Plakette. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hatte Bayern verklagt, weil in der Landeshauptstadt alljährlich die EU-Grenzwerte für Stickstoffdioxid (NO2) an zwei Stellen überschritten werden. Da das rechtskräftige Urteil noch nicht umgesetzt wurde, hat die DUH – genau wie auch in Limburg und Reutlingen – einen Antrag auf Zwangsvollstreckung gestellt.

Ähnlich ist die Situation in Düsseldorf: Auch hier hat das Verwaltungsgericht der Klage der Deutschen Umwelthilfe (DUH) gegen das Land Nordrhein-Westfalen wegen Überschreitung der Luftqualitätswerte in der Landeshauptstadt Düsseldorf (Aktenzeichen 3K 7695/15) stattgegeben und sofortige Fahrverbote gefordert.

Die DUH hat gegen mehrere Bundesländer geklagt, die für die Einhaltung der Luftreinhaltepläne zuständig sind. Betroffene Städte sind neben den schon genannten Köln, Bonn, Aachen, Essen, Gelsenkirchen, Frankfurt am Main, Mainz, Stuttgart, Reutlingen, Darmstadt, Limburg, Wiesbaden und Berlin. Außerdem macht die DUH in mehr als 40 weiteren Städten im ganzen Bundesgebiet Druck mit formalen Verfahren zur Sicherstellung der Einhaltung der Grenzwerte für Stickstoffdioxid.

Was würden Fahrverbote bringen?

Ob Fahrverbote ab Euro 5 abwärts ausreichend sind, ist umstritten. Vor allem da auch Euro-6-Diesel in jüngster Zeit verstärkt in der Kritik stehen, die die gesperrten Zonen aber befahren dürften. Das Umweltbundesamt, die Deutsche Umwelthilfe und der ADAC haben bei realeren Messungen (im Straßenbetrieb und bei Temperaturen unter 20 Grad Celsius) festgestellt, dass viele Euro-6-Diesel ein Vielfaches des erlaubten Grenzwerts an Stickoxiden (NOx) ausstoßen und häufig mitnichten sauberer sind als Diesel der Euronorm 5. Für Händler und Dienstleistungsunternehmen, die ihren Sitz in den Verbotszonen haben, könnte es unter Umständen existenzbedrohend sein, wenn die Kunden und Lieferanten sie nicht mehr anfahren dürfen.

Was ist die blaue Plakette?

Nach den Plänen von Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) sollten Euro-6-Fahrzeuge mit einer blauen Plakette ausgezeichnet werden. Die Plakette würde das System aus den bereits vorhandenen roten, gelben und grünen Aufklebern für die Windschutzscheibe ergänzen. Nur Fahrzeuge mit dem blauen Sticker dürften in die von Städten und Kommunen ausgewiesenen blaue Zonen einfahren. Das sind die meisten Benziner, gasgetriebene Autos und vor allem Elektroautos. Rund 13 Millionen Diesel wären aber ausgesperrt – darunter auch fast neue Autos, die erst 2015 mit der Euro-5-Norm gekauft wurden.

Womit müssen Dieselfahrer rechnen?

Vorerst bleibt es bei den bestehenden Plaketten und Einfahrregeln für die Umweltzonen, also, rot, gelb und grün. Nun hängt es von den möglichen Alternativvorschlägen zum Senken der Stickoxid-Emissionen ab, ob es neuen Aufwind für die blaue Plakette gibt. Allerdings dürften für Diesel in Deutschland die besten Zeiten vorüber sein.

Wer ist gegen die blaue Plakette und warum?

Besonderen Widerstand gegen die blaue Plakette leistet das CSU-geführte Bundesverkehrsministerium. Ressortchef Dobrindt argumentiert, es sei wirkungsvoller, bei Fahrzeugen anzusetzen, die ständig im Stadtverkehr fahren, etwa Taxen, Busse oder Behördenfahrzeuge. Dies diene der Reduzierung von Stickoxiden mehr als ein Einfahrverbot. Skepsis bis Ablehnung kommt zudem vom Automobilverband VDA sowie Wirtschafts- und Verkehrspolitikern aus verschiedenen Fraktionen. Doch auch Umweltverbände und der ADAC halten die blaue Plakette für falsch. Sie fordern, dass der Schadstoffausstoß der Fahrzeuge dauerhaft gesenkt wird – und zwar in der Realität und nicht nur auf dem Papier. Wären die Autos auf der Straße so sauber wie auf dem Prüfstand, wäre die Luftverschmutzung deutlich geringer, so ihr Argument.

Würden komplette Innenstädte gesperrt?

Wohl kaum, heißt es auch aus dem Bundesumweltministerium. Dessen Chefin Hendricks sagt: Es werde nicht so sein, "dass plötzlich 13 Millionen alte Diesel aus den Innenstädten ausgesperrt werden." Eine Möglichkeit wäre, die neuen Fahrverbots-Zonen kleiner zu gestalten als die schon existierenden Umweltzonen, die nur mit grüner Plakette befahren werden dürfen. Jede Stadt oder Gemeinde bestimme selbst, wann und ob sie derartige Gebiete ausweise. Wahrscheinlich ist, dass nur einige Straßenzüge, in den die Stickoxidbelastung besonders hoch ist, zu "blauen Zonen" erklärt werden. Laut einem Hinweis des Bundesverkehrsministeriums an Stuttgart im Juli 2017 ist es rechtlich nicht erlaubt, wenn streckenbezogene Fahrverbote eine "durchgehende Kette" bilden. Die ursprünglich im baden-württembergischen Luftreinhalteplan 2017 vorgesehenen Fahrverbote, die im Januar 2018 in Stuttgart in Kraft treten sollten, wären nach dieser Lesart nicht zulässig.

Hätten alte Diesel mit Partikelfilter eine Chance auf die blaue Plakette?

Nein, nur Diesel der Klasse Euro 6 bekämen eine blaue Umweltplakette. Für die höchste Umweltklasse ist aber eine aufwendige Abgasreinigung nötig, ein Partikelfilter allein genügt nicht. Dennoch ist dessen Nachrüstung sehr sinnvoll, da die Abgase mit Filter deutlich sauberer sind als ohne. Wer vorher eine gelbe Plakette für sein Dieselfahrzeug hatte, bekommt mit Filter eine grüne - und kann somit auch in die bisherigen Umweltzonen einfahren. Doch mittlerweile ist die Förderung für ein Nachrüsten mit Partikelfilter ausgelaufen, der Bundeshaushalt sieht für 2017 keine weiteren Fördermittel mehr vor. Zuletzt hatte der Bund den Umbau mit 260 Euro gefördert, doch die Nachfrage danach war äußerst zögerlich geblieben.
Alle News und Infos zum Rußpartikelfilter

Wäre eine blaue Plakette überhaupt erlaubt?

Dem Münchner Anwalt Markus Klamert zufolge hätten bei einem Einfahrverbot in Innenstädte Besitzer von Euro-5-Dieseln möglicherweise Anspruch auf Schadenersatz gegenüber Autoherstellern oder Autoverkäufern. Ein Anspruch bestehe aber nur, "wenn Hersteller oder Händler zum Zeitpunkt des Verkaufs hätten wissen können oder müssen, dass eine blaue Plakette kommt und welche Folgen sie haben würde." Anwalt Klamert zufolge könnte damit ein sogenannter enteignender Eingriff vorliegen. Das sei der Fall, "wenn der Wert oder die Nutzbarkeit des Pkw durch die neue Norm deutlich geschmälert wird". Somit käme eine staatliche Entschädigung infrage. Der enteignende Eingriff sei gegenüber dem Wohl der Allgemeinheit aber abzuwägen.

Wie sieht es in den anderen EU-Ländern aus?

Kaum ein Trost ist, dass Deutschland nicht allein ist mit seiner zögerlichen Haltung bei der Stickoxidreduzierung. Laut Mitteilung der EU-Kommission haben 17 Mitgliedsstaaten seit 2010 Grenzwertüberschreitungen gemeldet, unter anderem seien gegen Großbritannien, Portugal, Italien, Spanien und Frankreich Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet.

Diesen Beitrag empfehlen

Anzeige

Automarkt

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.


Kfz-Versicherung