Elektrosmog

Elektrosmog

— 01.07.2002

Der unsichtbare Feind

Es liegt was in der Luft: Truckerfunk, Radiosender und Babyfone legen unsere Autos lahm. Fr die sensible Elektronik sind Frequenzsuppe und Wellensalat nur schwer verdaulich.

Schreckgespenst Gubrist-Tunnel

Stell dir vor, es geht pltzlich nichts mehr. Bei Tempo 80 stirbt der Motor schlagartig ab. Die Instrumente erlschen, Bremskraftverstrker und Servolenkung versagen. Franz Elmiger aus der Schweiz hat es erlebt. Mehrfach. Ausgerechnet im viel befahrenen Gubrist-Tunnel bei Zrich stoppte die Spritzufuhr, und die Anzeigen spielten verrckt. Der Spuk dauerte immer nur ein paar Sekunden, doch Elmiger bekam Angst. Die Tunnelunglcke der letzten Monate waren ihm noch im Gedchtnis.

Die Renault-Werkstatt fand keinen Fehler an Elmigers Scnic, tauschte aber Zndspulen und Steuergert aus. Ohne Erfolg. Schlielich fuhr ein Renault-Techniker mit angeschlossenem Diagnose-Computer durch den Tunnel. Ergebnis: Motor stehen geblieben, Notebook abgestrzt. Doch die Ursache fr den Spuk war nicht gefunden.

"Wir vermuten hier eine Strung des Motormanagements durch elektromagnetische Wellen", sagt Beat Wyrsch vom Touring Club Schweiz (TCS). "Mehrere solcher Vorflle am Gubrist deuten darauf hin."

Roger Hellmller hatte diverse heikle Situationen im Gubrist-Tunnel, weil der Motor seines Peugeot 406 Coup ohne ersichtlichen Grund abstarb. Auch hier fand die Werkstatt nichts. Inzwischen hat Hellmller den Wagen verkauft, doch das mulmige Gefhl bei der tglichen Fahrt durch den Gubrist blieb.

Michael Casutt bekam "einen ordentlichen Adrenalinschub", als sein Scnic im Gubrist pltzlich ausging. Mit durchgetretener Kupplung und dem letzten Schwung rettete sich der Renault-Fahrer aus der Rhre.

Drei Dutzend solcher Flle liegen TCS-Mann Wyrsch vor. Wie oft Elektrosmog wirklich zu Ausfllen fhrt, ist aber ungewiss. Erstens, weil ein Nachweis nicht immer mglich ist. Zweitens, weil Autofahrer die Vorflle selten melden. Gerade wenn der Wagen nach dem Spuk wieder anstandslos luft. In der Pannenstatistik des ADAC taucht Elektrosmog erst gar nicht auf. Und trotzdem: Es liegt was in der Luft. Handy-Wellen, Polizeifunk, Radarsignale, Militrfunk, Kurzwellensender, GPS-Signale und CB-Funk bilden im ther eine unberechenbare Frequenzsuppe. Unter Umstnden knnen sich die Wellen aufschaukeln und die empfindliche Autoelektronik matt setzen.

Folterkammer fr die Bordelektronik

Dabei sind erstaunlicherweise nicht die starken Frequenzen der Mobilfunkbetreiber gefhrlich, sondern vor allem die schwachen Funksignale von Polizei oder Luftberwachung. Autohersteller kennen das Problem. Mercedes forscht seit Jahren auf dem Gebiet der elektromagnetischen Vertrglichkeit (EMV), Audi erffnete 2000 fr zehn Millionen Mark ein supermodernes EMV-Versuchszentrum. Noch whrend der Entwicklung werden hier Kabelbume, Mikroprozessoren und Elektromotoren mit Strfeldern aller Art bombardiert. Die Tests sind aufwendig und knnen Monate dauern. Denn jede Komponente wird erst einzeln und dann im Zusammenspiel mit anderen Bauteilen geprft. Eine Garantie, dass in der Praxis alles funktioniert, gibt es aber nicht. Die komplexe Wirklichkeit mit Tunnelwnden, Leitplanken, Lrmschutzwnden oder Lastwagen als Reflektoren lsst sich nicht simulieren. Ob Babyfone oder Garagentrffner manchmal ist die Strquelle so banal, dass zunchst keiner darauf kommt.

Wie bei der mysterisen Pannenserie auf dem Firmenparkplatz der Druckerei Brunner im schweizerischen Kriens. "Monatelang lieen sich die Autos unserer Kunden nicht mehr starten", berichtet Bereichsleiter Marcel Gauch. "Vor allem Smart-Fahrer waren betroffen." Erst als das Bundesamt fr Kommunikation mit schwerem Messgert anrckte, konnte der Strenfried dingfest gemacht werden: Eine Funkantenne im ersten Stock, die eine Stereoanlage drahtlos mit den Lautsprecherboxen verband, nutzte wie die Fernbedienungen einiger Automarken die ffentliche Gratis-Frequenz von 433 MHz.

Ein Problem, das ein paar hundert Apotheker in Deutschland kennen. Vor drei Jahren legten ihre drahtlosen Inventurscanner reihenweise den Verkehr lahm. Schlielich nderte der Scanner-Hersteller sein Gert. Im schleswig-holsteinischen Ahrensburg hinderte erst krzlich die Hightech-Kasse einer Eisdiele Autos am Weiterfahren vor allem Land Rover. "Das Problem wird immer noch unterschtzt", meint TCS-Experte Wyrsch. "Und das kann fatale Folgen haben." Sptestens, wenn in ein paar Jahren die vollelektronische Lenkung (Steer-by-wire) serienreif ist. Wer will schon rechts einschlagen und dabei links abbiegen?

Was tun, wenn das Auto spukt?

Lsst sich das Auto wegen elektromagnetischer Unvertrglichkeit nicht ffnen oder starten, helfen mglicherweise folgende Tricks:

Auto von der vermuteten Strquelle wegschieben. Manchmal gengen ein paar Meter.

Mit der Funkfernbedienung der Zentralverriegelung mglichst nah an den Empfnger gehen.

Gegebenenfalls dicht ums Auto herumlaufen und stndig die Fernentriegelung drcken. Einige Modelle besitzen bis zu 15 Antennen.

Sind Fernbedienung und Wegfahrsperre miteinander gekoppelt, Tr manuell aufschlieen und Fernbedienung vom Innenraum aus bettigen.

Abschleppdienst und Service-Hotline des Herstellers kontaktieren. Manchmal muss ein Fachmann kommen, um die Wegfahrsperre neu zu codieren.

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