EU-Forschungsprojekt myCopter: Sitzprobe

EU-Forschungsprojekt myCopter: Sitzprobe

— 21.11.2014

Hubschrauber mit Lenkrad

Gas, Bremse, Lenkrad: So einfach kann Hubschrauberfliegen sein! AUTO BILD-Redakteur Stephan Bähnisch nahm im Cockpit des "myCopter" Platz!

So könnte der Massenhubschrauber der Zukuft aussehen – wenn er denn kommt.

Haben Sie schon mal versucht, einen Hubschrauber zu fliegen? Es ist verdammt schwer, für einen ungeschulten Menschen schlichtweg unmöglich. Dagegen ist Autofahren ein Kinderspiel. Doch der myCopter soll das ändern: Mit Personal Aerial Vehicles (PAV) genannten Fluggeräten soll es in ferner Zukunft möglich sein, die  täglichen Wege in der Luft zurückzulegen. Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Braunschweig präsentierten im November 2014 interessante Forschungsergebnisse: In einem Simulator durften wir ausprobieren, wie das einmal funktionieren könnte. Und es geht erstaunlich einfach – mit Gas- und Bremspedal sowie einem Lenkrad, das derzeit noch ziemlich unprofessionell auf dem Schoß geparkt wird. Zum Starten einfach Gas geben – und schon hebt der myCopter ab.

Starten und Steuern ist Kinderleicht

Schräglage: Die seitlichen Neigungsbewegungen werden durch den Simulator nachgeahmt.

Lenken ist im myCopter ebenfalls simpel, es funktioniert wie im Auto. Dreht man nach links, geht es auch dahin, rechts ist es genauso. Ein Druck aufs Gaspedal und der virtuelle Heli wird schneller; presst der "Fahrer" das Bremspedal, wird er (mit einer gewissen Verzögerung) langsamer. Die seitlichen Neigungsbewegungen werden durch den Simulator nachgeahmt. Einem Kollegen auf dem Rücksitz wird übel, er steigt aus. Im Display werden ständig Flächen angezeigt, die als möglicher Landeplatz dienen könnten. Dazu gibt es jede Menge Instrumente, die über Höhe, Geschwindigkeit, Neigungswinkel oder was auch immer informieren. Maximal 200 km/h darf der Testpilot (virtuell) fliegen, die halbrunde Computer-Landschaft saust vorbei.

Der erste Versuch wird eine Bruchlandung

Gas, Bremse, Lenkrad: Alles wie im Auto.

Jetzt will ich landen. Dazu muss das Tempo auf fast Null reduziert werden, ein Hebel neben dem Sitz muss nach unten gedrückt werden. Ich drücke zu lange, die Landschaft wird statt kunterbunt kurz grau. Mist, ich habe versagt! Würde ich nicht in einem Simulator sitzen, wäre ich jetzt platt wie eine Flunder. Auch der zweite Versuch misslingt, bei Landung Nummer drei bleiben Pilot und Fluggerät heil. Man kann im Simulator übrigens auch rückwärts fliegen.

"Dem Stau auf der Straße entfliehen"

"Wir betreiben hier Grundlagenforschung", sagt myCopter-Projektleiter Heinrich Bülthoff.

Hinter der Idee mit dem Lenkrad im Hubschrauber steht die Frage: Wird die Luft einmal zum Raum für den Individualverkehr? Können wir dem Stau irgendwann im Helikopter für Jedermann entfliehen? Diesen Fragen geht das mit 3,4 Millionen Euro geförderte EU-Forschungsprojekt myCopter nach, beschreibt Professor Heinrich Bülthoff das Projekt. "Ziel ist es, dem Stau auf der Straße zu entfliehen. Den Autofahrer zum Piloten machen und was braucht man dafür, das sei die Kernfrage. Ökologische Aspekte sind ebenfalls ein Thema, erklärt sein Kollege Professor Stefan Levedag. Zwar verkürzt sich die Distanz zwischen zwei Zielen durch den Luftverkehr im Schnitt um satte 60 Prozent, aber ein Fluggerät verbraucht auch mehr Sprit als ein Auto. "Elektrische Hubschrauber wären wünschenswert", so Levedag, "aber deren Reichwerte ist wegen der fehlenden Batterietechnik derzeit noch lächerlich".

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Schwarmflug wird schon simuliert

Den Schwarmflug üben die Wissenschaftler mit handelsüblichen Drohnen.

Trotzdem bleibt es dabei: Einen Hubschrauber zu steuern ist eine heikle Sache. Wäre der Luftraum voller privater Fluggeräte, müssten sie in großen Schwärmen fliegen. Dazu ist die Kommunikation zwischen den Helis unabdingbar. "Außerdem müssen Kameras die Augen des Piloten ersetzen und eine Fächenerkennung für Notlandungen muss an Bord sein", sagt Levedag. Dass es funktioniert, beweisen die Forscher mit einem Schwarmflug mit vier kleinen Drohnen, die pro Stück gerade einmal 200 Euro kosten. Die Sensortechnik zur Kollisionsvermeidung ist ebenfalls nicht teuer, weil sie unter anderem aus dem Automobilbereich bereits verfügbar ist. So schweben die Mini-Hubschrauber auf dem Flughafen Braunschweig wild umeinander herum, der von den Kamerateams erhoffte Crash bleibt aus.

EU-Forschungsprojekt myCopter: Sitzprobe

Auf die Frage, wie realistisch das myCopter-Projekt im Jahr 2014 ist, gibt es nur eine vorsichtige Antwort. "Wir betreiben hier Grundlagenforschung", sagt Projektleiter Bülthoff. "50 Jahre wird es aber nicht mehr dauern", behauptet ein Mitarbeiter. Wobei bei der derzeitigen Rechtslage ein solches Projekt nicht zulässig wäre. "Wenn es soweit ist, wird sich der Gesetzgeber schon bewegen", heißt es hinter vorgehaltener Hand. Was ein solcher Hubschrauber einmal kosten könnte, ist fraglich. Um ihn erschwinglich zu machen, müsste er in Masse produziert werden. Sonst werden die Reichen der Welt damit in die Luft gehen, während Otto Normalverbraucher weiterhin auf Rädern über den Boden rollt.

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