Fahrbericht Mercedes-Benz S-Klasse

Mercedes-Benz S-Klasse Mercedes-Benz S-Klasse

Fahrbericht Mercedes-Benz S-Klasse

— 21.09.2005

Ich sehe was, was Du nicht siehst!

Die neue S-Klasse sieht im Dunkeln und zeigt gesunden Respekt gegenüber dem Vordermann. Eine Fahrt mit dem Technologiebündel.

Schöne neue Welt der Assistenten

"Laß dich fallen, es kann Dir nichts passieren." Wer sich während eines Teamtraining-Seminars schon mal rückwärts in die Arme seiner Kollegen fallen ließ, der weiß: Es kostet tierisch Überwindung, doch es funktioniert tatsächlich. Grenzenloses Vertrauen in die Mitmenschen – ein schönes Gefühl.

Momentan kann mir allerdings kein Mensch helfen. Ich befinde mich in den Armen der Technik, oder besser gesagt: in ihren Fängen? Der Tempomat der S-Klasse beschleunigt spielerisch auf programmierte 140 km/h. Rechte Spur, in Sichtweite ein Lkw, der eine fiese Steigung im Schweizer Tessin hinaufkriecht. Normalerweise würde ich links an ihm vorbeiziehen, doch ich halte drauf. Bin ich lebensmüde? Mein Beifahrer denkt das, er schweigt angestrengt. Die Hände schwitzen, der Lkw wird immer schneller immer größer, und dann passiert's: Der Mercedes bremst von alleine ab, hält brav Abstand zum Vordermann.

Puh, er funktioniert also. Gemeint ist die neueste Generation des Bremsassistenten BAS Plus in Kombination mit Distronic Plus im frisch auf der IAA 2005 vorgestellten Spitzenmodell von Mercedes-Benz. BAS, Distronic, Nachtsicht-Assistent, Comand-Controller, Multikontursitz? Selten, daß erfahrene Motorjournalisten eine Einführung in die Bedienung eines neuen Modells bekommen. Ich zumindest war froh darüber.

Die Nacht wird zum Videospiel

Die neue S-Klasse ist ein rollender Technologieträger. "Voraus schauen, voraus fahren", heißt das Motto, ein wahrer Leitsatz für Bremsassistent und Abstandsradar. Mikrowellenunterstützt erkennt BAS Plus drohende Auffahrunfälle und berechnet die optimale Bremskraftunterstützung, um den Crash zu verhindern. Grund: "Viele Autofahrer gehen in solchen Situationen zu zaghaft mit dem Bremspedal um", weiß Mercedes.

Damit ist der Sicherheitsaspekt abgedeckt. Komfortabel wird es, wenn BAS Plus mit dem Abstandsregeltempomat Distronic Plus kombiniert wird (gegen Aufpreis). Dann hält die S-Klasse beharrlich den individuell vorgegebenen Abstand zum Vordermann ein und schwimmt sogar automatisch im Stop-and-go-Verkehr mit. Der Fahrer muß nur noch lenken, während sein Fuß entspannt neben Gas- und Bremspedal schlummert.

In Verbindung mit dem Bi-Xenon-Licht steht nun auch ein sogenannter Nachtsicht-Assistent in der Liste der Sonderausstattungen. Der leuchtet die Fahrbahn mit unsichtbarem Infrarotlicht aus, fängt das Bild mit einer Kamera ein und projiziert es mitten aufs Armaturenbrett. Der elektronisch dargestellte Tempomesser schrumpft dabei zum Bandtachometer, und auf den ersten Blick kommt man sich vor wie in einem Videospiel. Tatsache ist: Nachts ist die Sichtweite damit deutlich höher. Ob der Fahrer allerdings in der Lage ist, die reale Fahrbahn und das Bild hinterm Lenkrad gleichzeitig im Blick zu behalten, muß sich zeigen.

Ein "Command"-Rad für alle Fälle

Von den elektronischen Helferlein zum Design: Das war längst kein Geheimnis mehr, und bislang ist es auch bei niemandem störend angeeckt. In Natura wird der erste Eindruck bestätigt – elegante Form, doch nicht mehr so zurückhaltend wie der Vorgänger. Der Kühler steht steiler im Wind, die Hecklampen leuchten bis in den siebten Maybach-Himmel. Das Profil wiederum trägt Coupézüge vom eleganten CLS. Nur eines macht stutzig: die weit ausladenden Radkästen. Dicke Backen machen hat dieser Benz eigentlich nicht nötig, doch Designpapst Peter Pfeiffer ist von den neuen Linien überzeugt. Wer weiß, die Kundschaft ist es nach einer kurzer Eingewöhnungsphase möglicherweise auch.

Der Innenraum ist erfreulich übersichtlich. Das liegt vor allem am Comand-System, mit dem sich sämtliche Fahrzeugfunktionen über ein intelligentes Drehrad steuern lassen. Alternativ gibt es für die wichtigsten Einstellungen wie Klima und Radiolautstärke zwar Extraknöpfe, doch deren Anzahl hält sich im Rahmen. Wer beim Comand-System zurückschreckt und an die anfänglichen Schwierigkeiten des BMW iDrive denkt, den beruhigen die Stuttgarter mit dem "Handy-Vergleich": Jedes Mobiltelefon habe ein Display und ein paar Tasten, doch in der Bedienungsfreundlichkeit gebe es starke Unterschiede. Ich möchte mal behaupten: Wer eine SMS schreiben kann, der hat auch diese S-Klasse in wenigen Stunden komplett verstanden.

Doch keine Angst: Auch ohne Technik-Lehrgang findet man den Startknopf, der Schlüssel kann dank Keyless-Go (gegen Aufpreis) getrost in der Tasche bleiben. In Mailand geht es los, geplant sind 160 Kilometer über schnurgerade Autobahnen und gewundene Alpenpässe bis nach Sankt Moritz in der Schweiz. "Damit man sich gleich zum Auftakt einen Eindruck vom Reise- und Langstreckenkomfort verschaffen kann", erklärt Mercedes.

Flüster-Klasse mit Genen vom Maybach

"Üble Straße" heißt die Via Mala übersetzt. Das war einmal und trifft natürlich längst nicht mehr zu. Trotzdem finden sich ab und an willkommene Unebenheiten, um die serienmäßige Luftfederung AIRmatic auf die Probe zu stellen. War da was? Doch das Stuttgarter Flaggschiff schwebt über sämtliche Huckel, sogar der Schlagloch-Krater am Schweizer Grenzübergang fühlt sich wie frisch gegossener Asphalt an. Wer mehr spüren möchte, kann die Schalt- und Fahrwerkcharakteristik von "Comfort" auf "Sport" verstellen, was selbst dem Basisbenziner S 350 die Sporen gibt und immerhin einen Hauch von Sportlichkeit. Aber wozu eigentlich, schließlich gibt es dafür ja andere Autos in der Modellpalette.

272 PS reichen in jeder Lebenslage, sogar auf steilen Paßstraßen geht der kleinsten S-Klasse nie die Puste aus. Die serienmäßige 7G-Tronic (jetzt mit Wählhebel am Lenkrad) schaltet butterweich – wer will, kann halbautomatisch via Tasten am Lenkrad eingreifen. Einziges "Problem" dabei: Nach Gehör fahren ist fast unmöglich, denn in Sachen Geräuschdämmung ist Mercedes ein echter Wurf gelungen. Motor-, Wind- und Reifenlärm werden hinter den Türen dieser S-Klasse zu automobiler Vergangenheit.

Die Fahreigenschaften lassen sich simpel zusammenfassen: ganz wie erwartet, vielleicht sogar noch einen Tick besser. "Benchmark", schwärmt der Mercedes- und künftige DaimlerChrysler-Boß Dieter Zetsche. Da gebe es immerhin ein Vorbild aus eigenem Hause namens Maybach. Entwicklungs-Chef Hans-Dieter Multhaupt spricht von "Genen, die an die S-Klasse weitergegeben wurden". Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm? Hoffentlich nicht in Sachen Absatzzahlen, denn da liegt die Nobelmarke zur Zeit weit hinter den Erwartungen zurück.

"Relativ zügig" auch mit Hybrid-Doppelherz

Was die S-Klasse angeht, blickt Dieter Zetsche optimistisch in die Zukunft. Sie sei der "Turbolader", der die gesamte Marke nach vorne bringen soll – natürlich in Kooperation mit den Neulingen B-, R- und M-Klasse. Außerdem sei das große S "topfit für die Zukunft", damit spielt der oberste DC-Mann auf die Hybrid-Studien von der IAA 2005 an. Zwar mußten sich die deutschen Hersteller vorwerfen lassen, diesen Trend verpennt zu haben, doch immerhin soll die neue Technologie "relativ zügig" auf den Markt kommen. Gleichwohl reagiert Mercedes verschnupft auf Nachfragen.

Viel lieber würden die Schwaben den Diesel vorantreiben, der die Autokäufer mancherorts noch überzeugen müsse, in Sachen Umweltveträglichkeit aber längst gewonnen habe. Tatsächlich reduziert die "Adblue"-Technologie über ein Additiv im Abgasweg die Stickoxide um 80 Prozent und bringt den Selbstzünder nahe ans Niveau eines Benziners. Aber mal ehrlich: Wem ist der Begriff Adblue bislang schon im Gedächtnis hängengeblieben?

Der einzige Diesel im S-Klasse-Programm kommt im Frühjahr 2006. Das Aggregat ist schon aus anderen Modellreihen bekannt und leistet 235 PS. Mit 7,5 Sekunden bis Tempo 100 ist der Selbstzünder zügig unterwegs, mit einem Durchschnittsverbrauch von rund 8,5 Litern ein echter Sparfuchs im Luxussegment. Wem die Benzinpreise egal sind, der kann ebenfalls im ersten Quartal 2006 das Topmodell S 600 mit 517 PS ordern. 4,7 Sekunden bis Tempo 100 machen ihn zum Porsche-Schreck. Der Motor kommt übrigens modifiziert im Hochgeschwindigkeits-Prototyp Maybach Exelero zum Einsatz. Offenbar geht da noch mehr. Möglicherweise fängt die S-Klasse demnächst sogar das eigenständige Lenken an – serienreif vielleicht in der nächsten Generation? Abwarten.

Autor: Michael Voß

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