Graf Berghe von Trips Ferrari nach dem tödlichen Unfall 1961

Formel 1 in Monza

— 07.09.2010

Schicksalsstrecke Monza

Am kommenden Wochenende fährt die Formel 1 den Großen Preis von Italien. Sebastian Vettel hofft auf die Wende im Titelkampf. ABMS.de zeigt, wie oft sich in Monza schon deutsche Schicksale entschieden haben.

Genau vierzig Jahre ist es jetzt her, da hat Formel-1-Chefvermarkter Bernie Ecclestone (79) das letzte Mal geweint. Großer Preis von Italien in Monza 1970. Ecclestone nimmt seine Brille ab, trocknet mit dem Hemdsärmel seine Tränen, während er einen blutigen weißen Sturzhelm in einer schwarzen Ledertasche verstaut. Es ist der Helm von seinem besten Freund Jochen Rindt. Der ist am Ende der Geraden zur ultraschnellen Zielkurve Parabolica kurz zuvor tödlich verunglückt. Eine Bremswelle an seinem Lotus war gebrochen, das Auto an einer Leitplanke zerschellt. Rindt, der aus Angst vor einem Feuerunfall auf die damals neuartigen Oberschenkelgurte verzichtet hatte, wurde unter das Lenkrad gezogen und von der Leitplanke zerquetscht. Der "James-Dean der Formel 1", gebürtiger Deutscher mit österreichischer Rennlizenz und erst 28 Jahre alt, war tot.

Nachrichten aus der Formel 1

Jochen Rindt im Cockpit seines Lotus vor seinem tödlichen Unfall in Monza 1970.

"Jochen hätte nicht sterben müssen", sagt Ecclestone noch heute im Gespräch mit autobildmotorsport.de "Als ich zur Unfallstelle kam, sah ich ihn auf dem Rücksitz eines Volkswagen liegen. Jemand hat auf seinem Brustkorb rumgetrommelt. Dann haben sie ihn zuerst ins falsche Krankenhaus gefahren. Als sie im richtigen waren, war er schon tot. Solche Dinge belasten mich noch heute." Ecclestone schwor sich damals, nie mehr zu weinen und nie mehr "einem Fahrer so nahe zu stehen." 40 Jahre später. Wieder steht der Große Preis von Italien vor der Tür. Und Bernie Ecclestone muss mit sich kämpfen, einen seiner zwei Schwüre nicht zu brechen. Weinen muss er seit damals nicht mehr, aber "wenn ich Sebastian Vettel in die Augen schaue, denke ich oft, der junge Jochen Rindt steht vor mir. Sebastians unbeschwerte Art, sein Humor und seine Intelligenz erinnern mich unheimlich an Jochen." Die Wahrheit ist: Der Formel-1-Impressario hat den Kampf um zu viel Nähe zu einem Piloten längst verloren. Schon beim letzten Rennen in Spa verbrachte Ecclestone viel Zeit mit Vettel. Sie spielten am Samstagnachmittag Backgammon, sie aßen gemeinsam zu Abend im ersten Stock von Ecclestones Motorhome.

Bernie Ecclestone glaubt fest an Red-Bull-Pilot Sebastian Vettel

Große Ähnlichkeit: F1-Chefvermarkter Bernie Ecclestone (r.) sieht in Sebastian Vettel den jungen Jochen Rindt.

Angst muss Ecclestone am Sonntag nicht um seinen "Sebastian" haben. Mit dem Sicherheitsstandard der Autos von heute hätte sich Rindt bei seinem Unfall von 1970 nur kurz geschüttelt. Vielmehr könnte der Mythos Monza dafür sorgen, dass Vettel, der 2008 hier mit Toro Rosso im strömenden Regen sein erstes Formel-1-Rennen gewann, noch einmal die Wende im WM-Kampf schafft. 32 Punkte Rückstand hat der Red-Bull-Pilot bei sechs noch ausstehenden Rennen auf WM-Spitzenreiter Lewis Hamilton. "Das ist nicht viel", sagt sein Protegé Ecclestone, "Sebastian hat die Klasse, es zu schaffen. Er darf sich nur nicht verrückt machen lassen." Fest steht: Gerade der königliche Park von Monza ist prädestiniert für das Besondere. Keine andere Strecke steht aus deutscher Sicht mehr für Tränen und Tragödien aber auch für große Erfolge.

Die Tragödie von 1961

Schon vor Rindt schlug das Schicksal für Deutschland im Autodromo Nazionale di Monza unbarmherzig zu. Vor dem Großen Preis von Italien 1961 schien dem damals 33-jährigen Graf Berghe von Trips die Weltmeisterschaft fast sicher. Doch in der zweiten Runde des Rennens passierte es: Eingangs der berüchtigten Parabolica-Kurve berührten sich die Räder des Trips-Ferrari mit denen des Lotus von Jim Clark. Der Ferrari (siehe Foto oben) wurde in die Luft geschleudert, Trips aus dem unkontrollierbaren roten Geschoss hinauskatapultiert. Der Frauenschwarm mit dem Hang zur Melancholie brach sich auf dem Asphalt von Monza das Genick. Sein Ferrari mähte einen Sicherheitszaun nieder und riss zwölf Zuschauer in den Tod.

Nur ein Jahr trennt Frentzen in Monza von Glück und Unglück

1999: Heinz-Harald Frentzen auf der Beerdigung des von seinem Hinterrad erschlagenen Streckenposten.

1999 gewann Heinz-Harald Frentzen im unterlegenen Jordan in Monza. Es war der letzte von Frentzens drei GP-Siegen. "Wahrscheinlich mein schönster", erinnert sich Frentzen, "ich stand da oben auf dem Podium, unter mir gefühlte tausend Tifosi, ich hatte Gänsehaut am ganzen Körper." Nur ein Jahr später wurde Monza für Frentzen zum Tal der Tränen. Bei der Anfahrt zur zweiten Schikane kollidierte er mit seinem italienischen Teamkollegen Jarno Trulli. Das Hinterrad von Frentzens Jordan erschlug einen Streckenposten. Nach dem Unfall hatte der sensible Mönchengladbacher seine Unbekümmertheit verloren, zog sich 2003 endgültig aus der Formel 1 zurück.

Michael Schumacher weinte in der Pressekonferenz

2000: Michael Schumacher bricht in der Pressekonferenz in Tränen aus. Grund: Er hat Ayrton Sennas Marke von 41 Siegen erreicht.

Auch Michael Schumacher hatte seine speziellen Monza-Erlebnisse. 1991 wurde er in nervenaufreibenden nächtlichen Konferenzen in der Villa d'Este am Comer See von seinem ersten Formel-1-Team Jordan zu Benetton transferiert. 1996, vor seinem ersten Monza-Sieg für Ferrari, verriet Schumacher den begeisterten Tifosi die bevorstehende Ankunft seiner Tochter Gina Maria. 2000 brach der bis dahin als "seelenloser Computer" bezeichnete Deutsche während der Pressekonferenz in Tränen aus, als ihm bewusst wurde, dass er mit seinem 41. Sieg die Traummarke des sagenhaften Ayrton Senna erreicht hatte. Der verunglückte 1994 in Imola tödlich – zu Beginn jener Saison, in der viele Experten zuvor den großen WM-Kampf zwischen ihm und Schumi erwartet hatten. 2006 erklärte Schumacher auf der norditalienischen Traditionsstrecke seinen ersten Rücktritt aus der Formel 1.

Trotz erstem Sieg 2008 ist Vettel in Monza kein Favorit

2010: Dieses Bild wird es in Monza wohl nicht geben. Red-Bull-Pilot Vettel führt vor einem McLaren und einem Ferrari.

2010 soll das Rennen für den deutschen Red-Bull-Piloten Sebastian Vettel die Wende im Titelkampf bringen. Favorit ist der Heppenheimer diesmal nicht. Auf dem Hochgeschwindigkeitskurs kann der PS-schwächere Red-Bull-Renault seine Aerodynamikvorteile gegenüber den McLaren-Mercedes von Lewis Hamilton und Jenson Button sowie den Ferrari von Fernando Alonso und Felipe Massa nicht ausspielen. "Aber", kündigt Vettel an, "ich versuche das Unmögliche. Und wer weiß? Vielleicht ist Monza ja wieder gut zu mir." Genau das hofft wohl auch sein größter Fan Bernie Ecclestone.


 

Autoren: Bianca Garloff, Ralf Bach

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