Hausbesuch beim DTM-Champion

Hausbesuch bei DTM-Champion Laurent Aiello

— 18.10.2002

Wie Gott in Frankreich

Laurent Aiello liebt das Meer. Und fhrt ein extrem effizientes Leben. AUTO BILD motorsport war exklusiv mit dabei.

Der Mann aus dem Meer

Die dunkle Gestalt, die sich seeseits dem Strand nhert, wird grer und grer, wchst beinahe aus dem Wasser. Jetzt erkennt man den Grund: ein pfeilschnelles Jetski. Jetzt dreht es um 180 Grad ab und auweia frontal einem mannshohen Brecher entgegen. Der Mann in Schwarz erwischt die Woge frontal, aber auch ideal. Er hebt ab. Und schwebt nun scheinbar endlos aufs Meer hinaus.

DTM-Champion Laurent Aiello ist buchstblich in seinem Element. "Hast du diesen Sprung gesehen?!", ruft er spter seinem Teamkollegen Martin Tomczyk zu, der wenige Meter entfernt ebenfalls kleine Kunststcke probt. Zum ersten Mal sind die beiden Abt-Audi-Piloten zusammen hier drauen auf dem Atlantik, vor der Kste von Cap Ferret in West-Frankreich. Hier verbringt Aiello zusammen mit Frau Geraldine (26) und seinen beiden Kindern Marie (6) und Tom (2) die Zeit zwischen den Rennen und dem Winter.

"Ich habe Martin schon fter hierher eingeladen, seit ich wei, dass er auch gerne Jetski fhrt", erzhlt der 33-jhrige Franzose. "Schn, dass es endlich geklappt hat." Aiello besitzt gleich zwei Jetskis. Ein schwarzes 260-Kilo-Geschoss mit Sitzbank (160 PS) und ein 125 PS starkes Leichtgewicht zum Draufstellen.

Atlantik statt Cte d'Azur

"Mit dem ist mein Freund Nicolas Rius Weltmeister geworden", berichtet er stolz. Drei Wochen hat er sich von Rius in den USA in Lake Havasu City (Arizona) alle Tricks und Kniffe beibringen lassen und dann sein neues Spielzeug nicht mehr hergegeben. Aber eigentlich spielt er nicht: nicht in der DTM. Und auch nicht im Sport. Der unscheinbare Mann aus der Nhe von Paris will alles, was er anpackt, perfekt machen.

Seine Drifts zu Lande sind denen auf dem Wasser sehr hnlich. Der kleine Franzose steht dabei vollends unter Strom, jeder Muskel ist angespannt. "Jetski-Fahren ist das perfekte Ganzkrper-Training", erklrt er. Damit erbrigt sich fr den Profi ein Trainingsplan.

Ein Pragmatiker, aber in erster Linie ein Tempo-Tier. Sein Vater, der ihn noch heute frdert, war auch eins. Ein Kartpilot von Herzen, aber ohne Erfolg. Sein Titel sammelnder Sohn hat schon die nchste Wassersportart fr sich entdeckt: das Wellenreiten. Wildes Wasser zieht ihn magisch an. Deshalb liebt er nicht das schick-schimmernde Meer vor der Cte d'Azur, sondern den Atlantik. Deshalb hat er sich im Winter auch ein kleines Tattoo an der linken Schulter stechen lassen; "Ozean" bedeutet das chinesische Schriftzeichen. Und deshalb wohnt er hier auch.

Ikea-Sofa und fette Spinnen

Gleich hinter einer groen Dne, nur wenige Minuten Fumarsch vom Strand entfernt, liegt sein Haus. Eher eine feste Htte. Gut und schlicht wie das Meer davor, fast spartanisch ausgestattet mit hellem Holz, Ikea-Sofa, Tisch, Bett, Fernseher. Tren und Fensterlden sind blau, der Holzzaun auch. In den Fernseher schaut Aiello nie. Er braucht das nicht, "nicht mal, wenn Formel 1 luft", sagt er.

Laurents Frau Geraldine zeigt Martin Tomczyk (20) sein Zimmer unterm Dach. "Hier wimmelt es von ekligen fetten Spinnen", frotzelt sie. Martin kontert gleichgltig: "Na und?" Beide lachen. Humor gehrt also hier zur Einrichtung. Im Februar 2002 hat er sich das schmucke Anwesen gekauft. Dahinter ist Platz fr die beiden Jetskis. Der drahtige Sportler luft am liebsten barfu und mit freiem Oberkrper herum, als wolle er sein eigenes Stck Freiheit ber die Haut einatmen.

Er kommt mit wenig aus. Frei von Bedrfnissen ist Aiello aber keineswegs. In erster Linie braucht er die Nestwrme seiner Familie, spielt immer wieder mit den Kids, turtelt wie frisch verliebt mit Geraldine (sieben Jahre jnger), seiner Sandkastenliebe. Hochzeit im November 1995. Da ist immer noch Dauerkontakt.

House-Musik im "Aiello-Club"

Er braucht auch eine Art Gartenhaus. Darin hat sich der Musik-Freak seinen "Club Aiello" erschaffen, einen gemtlichen Raum mit kleinem Tresen. "Hier kann ich ungestrt mit guten Freunden feiern", grinst er. Und wenn dabei noch House-Musik im Spiel ist, tanzt der Familienvater schon mal ber Tische wie zuvor bers Wasser.

Sonst gleicht er unterm Kopfhrer am Mischpult die bergnge zwischen zwei Soundtracks so geschickt an, dass sie nahtlos ineinander flieen. "Die meisten Profi-DJs knnen das nicht besser", lobt Tomczyk, der eigentlich eher auf ruhigere Musik steht.

Wir wechseln die "Kneipe". Laurent fhrt aber nicht gerne. Der Tourenwagen-Master hat zwar einen VW Sharan und einen Audi A6. Aber meistens fhrt sie. Die Kisten werden nie gewaschen, nur gefahren. Auch das: sehr praktisch.

Die Aiellos kochen nicht

Und ab geht's in die Clubs von Cap Ferret. Hier ist Aiello bekannt wie ein bunter Hund. Nicht wegen seiner Erfolge im Rennsport, sondern weil er zu den Stammgsten zhlt. "Wenn im Winter keine Touristen hier sind, dann bilden die Einwohner eine eingeschworene Gemeinschaft", sagt Aiello. So gefllt's ihm.

Vor allem in den guten Restaurants. Die Aiellos kochen nicht. Sie gehen essen und zwar alles, was das Meer hergibt. Und trinken und zwar Bordeaux. Aber typisch Aiello: "Frher hat mich Wein nie sonderlich gereizt." Jetzt ist er ein Experte, bevorzugt "Grave".

Welch ein einfaches Leben. Ist es wirklich so einfach? Man knnte ber seine Fehler reden. ber die seltenen im Rennwagen. Tut er nicht so gerne. Wozu auch? Er sagt sowieso: "Die sehe ich mir erst mal auf Video an." Erwischt! Laurent Aiello hat gar keinen Videorecorder.

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