New Stratos: Fahrbericht

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New Stratos: Fahrbericht

— 10.12.2010

Back in black

Es ist die Wiedergeburt einer Legende: Unternehmer Michael Stoschek und Sohn Max haben eine Neuauflage des Lancia Stratos gebaut. Redakteur Jörg Maltzan durfte das exklusive Einzelstück Probe fahren.

Da war doch mal was – Lancia Stratos! Nur knapp 500 Mal gebaut in den Jahren 1974 und 75. Im Rallyesport wurde er zur Legende und siegte allein drei Mal bei der Monte. Lange her und trotzdem unvergessen: Der Stratos war derart konsequent durchkonstruiert, dass er bis heute einen absoluten Sonderstatus im Sportwagenhimmel genießt. Warum nur, fragten sich nicht nur Stratos-Fans, ist Lancia nie auf die Idee gekommen, seine Ikone wiederzubeleben? Der Erfolg wäre garantiert. Und fürs Image tausend Mal besser als ein Lancia Delta. Nur in den Köpfen einiger unermüdlicher Enthusiasten lebte die Idee einer Stratos-Neuauflage fort. Und zwar so intensiv, dass die Legende nun tatsächlich zurückkehrt.

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Gebaut haben den New Stratos der bayrische Unternehmer Michael Stoschek und sein Sohn Max. Was zunächst nach Hinterhof-Bastelbude klingt, entpuppt sich als das genaue Gegenteil: Der New Stratos ist High-Tech vom Feinsten. Er ist nicht nur auf dem aktuellen Stand der Supersportwagen-Technik, sondern geht gleich in mehreren Schritten weit darüber hinaus. Dieses Auto – und das ist keine Übertreibung – ist schlichtweg der perfekte Sportwagen. Als der Designer und Stratos-Fans Chris Hrabalek 2005 auf dem Genfer Salon die Studie Fenomenon präsentierte, brannte Stoschek wie ein Christbaum. Immer wieder diskutierten und zeichneten die beiden fortan Stratos-Entwürfe.

Richtig konkret wurde das Auto, als das Duo bei Pininfarina in Turin vorstellig wurde. Zusammen mit den Gestaltern aus Italien wurde der Entwurf in den letzten drei Jahren immer aufs Neue konkretisiert. Herausgekommen ist ein Keil, der sich in der Linienführung bestmöglich am Original orientiert. Das ist Retrodesign in Reinkultur. Aber was heißt schon Original? Der New Stratos ist selbst ein Vorbild, dass sogar Bugatti-, Ferrari-, Lamborghini- und Porsche-Ingenieure staunen lässt. Michael Stoschek ist nämlich nicht nur Formenfreak. Mindestens ebenso begeistert ihn die Technik unter der Hülle sowie die daraus resultierenden Fahrleistungen und das Handling. Schließlich ist er aktiver Motorsportler und war 2006 historischer Rallye-Europameister auf Porsche 911.

Kein Wunder also, dass sehr viel Motorleistung und sehr wenig Gewicht als Vorgabe im Lastenheft standen. Natürlich sollte sich das Projekt bestmöglich an den historischen Vorgaben des Ur-Stratos orientieren. Der hatte seinerzeit einen V6-Motor mit 190 PS vom Ferrari Dino 246 quer vor der Hinterachse eingebaut. Darum verwendet auch der New Stratos ein Aggregat aus Maranello. Der V8 stammt genauso aus dem Ferrari F 430 Scuderia wie Vorder- und Hinterachse sowie das Alu-Chassis.  Es wurde allerdings um 20 Zentimeter gekürzt und mit einem Überrollkäfig aus 40 Millimeter starkem FIA FE-45-Stahl verschweißt. Beide Maßnahmen sorgen dafür, dass die Stratos-Karosserie 20 Prozent steifer ist als jene des Ferrari-Ausgangproduktes. Auch die 510 PS des F 430 Scuderia waren Stoschek nicht genug. Neues Steuergerät sowie ein Hochleistungs-Sportauspuff von Capristo einschließlich Fächerkrümmer steigern die Leistung auf 540 PS bei mehr als 500 Newtonmeter Drehmoment.

Vier getunte Supersportler im Vergleich

Der New Stratos ist ein Sportwagen der Superlative mit High-Tech vom Feinsten.

Und so geht es weiter und weiter und weiter: Drexler-Diffsperre aus dem Motorsport, optimierte und vom Lenkrad variabel einstellbare Dämpferabstimmung, geänderte Federn, optimierte Sturz- und Spurtwerte, Brembo-Keramikbremse und 19 Zoll Sternfelgen mit Zentralverschluss. Selbst die bereits extrem kurze Schaltzeit des sequentiellen Sechsganggetriebes von 60 Millisekunden hat Stoscheks Entwicklungsmannschaft nochmals gekappt. Äußerlich am beeindruckensten ist die scharfkantige Karosserie aus Sichtkarbon. Nicht einfach nur Hauben oder Kotflügel bestehen aus dem sündhaft teurem Kohlenstoffmaterial, sondern die gesamte Außenhaut. Das macht den New Stratos zum ersten Vollkarbon-Auto der Welt – zwei Jahre vor dem Megacityvehicle, das BMW auf den Markt bringen will. Logisch, dass ein derart hochgezüchtetes Auto die Erwartungen in unendliche Höhen schraubt; eben in die Stratosphäre.

Der New Stratos legt sich staubtrocken in jede Kurve

Sein Name enttäuscht nicht: Er fährt sich einfach galaktisch. 1247 Kilo Trockenmasse bei 540 PS machen 2,3 Kilo pro Pferdestärke und lassen Topwerte in der Bugatti-Liga erwarten. Aber was der Stratos kann wie kein Zweiter, sind Kurswechsel. Ob 180 Grad-Kehre oder lang gezogene Hochgeschwindigkeitsbiegung – der New Stratos stürzt sich staubtrocken in jede Kurve. Beim Einlenken bleibt er zunächst neutral und zeigt erst beim Druck aufs Gas genau jene Übersteuertendenz, die Sportfahrer auf schnellen Runden schätzen.

Vom Feinsten: radikales Sportcockpit mit Schalensitzen und Karbon-Lenkrad.

Auch bei der Aerodynamik war Michael Stoschek Perfektionist. Das Zusammenspiel zwischen Dach- und Heckspoiler wurde im Pininfarina-Windkanal so akribisch austariert, dass seine ästhetischen Ansprüche und die Strömungsverhältnisse zu einem stimmigen Paket verschmelzt werden konnten. Stoschek ist begeistert von seinem Baby; immer wieder weist er verschmitzt auf Details wie die selbst entwickelten Schalensitze oder das griffige Karbonlenkrad hin. Nur beim Preis wird er einsilbig und sieht aus, als könne er die Frage einfach nicht mehr hören. "Ich bin kein Autoproduzent und werde den New Stratos nicht bauen", betont er immer wieder und öffnet dann doch eine kleine Hintertür: "Aber wenn ein seriöser Hersteller die Lizenz will, könnte er sie von mir kriegen." Bleibt die Frage nach dem Preis: rund 600.000 Euro. Inklusive der Organe des Ferrari F 430. Immerhin!

Autor: Jörg Maltzan

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