Noble M12 GTO 3R

NOBLE M12 GTO 3R NOBLE M12 GTO 3R

Noble M12 GTO 3R

— 08.09.2004

Nobles Auto

Die Sportwagen von Lee Noble gelten in England als Nonplusultra im Segment der kleinen Wilden. Das Rezept für den Noble M12 GTO 3R: Motor von Ford, Chassis und Karosserie aus Südafrika, Komplettierung in England.

Die Briten haben einen neuen Helden

Bond ist out, die Briten haben einen neuen Helden. Der Name ist Noble. Lee Noble. Die Gegner sind die üblichen Verdächtigen. Porsche, Ferrari, zur Not auch Dodge mit der Viper – Noble zeigt's ihnen allen. Kaum ein britisches Automagazin, das nicht den 46jährigen Techniker und Designer und ehemaligen Rennfahrer (auf Lotus Europa) mit dem ordentlich gestutzten Vollbart sowie seine Autos in den Ingenieur- und Supercarhimmel lobt. Aston Martin war gestern, heute ist Noble. Was die autobegeisterten Insulaner so in den roten Bereich drehen läßt, ist einerseits die Karriere des Tüftlers Lee Noble.

Bekannt ist seine Entwicklungsarbeit am Chassis des Über-Autos McLaren F1, dafür sind ihm die Fans ewig dankbar. Besonders Eingeweihte wissen auch seine Schöpfungen Ultima, Ascari und Prosport 3000 zu schätzen. Und jetzt danken sie ihm für seinen Noble M12 GTO 3R – nach 20 Jahren Nischenwerkeln das erste Auto mit seinem Namen, das sich in Optik und Performance mit den Großen der Welt messen kann. Zwar galt bereits der M10, seine erste Schöpfung, als sehr guter Sportler – doch er war so häßlich, daß die Fangemeinde sehr überschaubar blieb. Wer nun glaubt, Noble und seine 27 Männer der Noble Automotive schrauben in einer kleinen Hütte in Barwell, einem Kaff nördlich von Coventry, mühsam pro Woche ein Auto zusammen – der irrt komplett.

Noble ist ein ebenso cleverer Rechner wie Entwickler. Statt auf teure Handarbeit made in Great Britain zu setzen, wird alles, was nicht sichtbar ist und nichts mit dem Antriebsstrang zu tun hat, bei der südafrikanischen Firma Hi-Tech Automotive in Port Elizabeth gefertigt. Dessen Chef, Jim Price, ist bekannt dafür, gute Spaceframes für die besseren Cobra-Replicas zu bauen (zum Beispiel die von Superformance) oder auch für den Unterbau der Panoz verantwortlich zu sein. Pro Woche schippern vier Noble-Rohbauten zum Zusammenbau nach England.

Echte Konkurrenz für Supersportwagen

Auch die Fiberglaskarossen stammen aus Südafrika. In großen Hallen baut das Noble-Team dann die Einzelteile zusammen und bestückt die Wagen mit Ford-Duratec-Dreiliter-V6-Motoren. Diese sind aus dem Ford Maverick bekannt, wohnen hier aber als Mittelmotor hinten quer. Und da die Serienleistung mit 203 PS ein bißchen schwachbrüstig für Nobles Supercars ausfällt, hilft er mit zwei wassergekühlten Garrett-Turboladern nach. Das Ergebnis: 357 PS, 475 Newtonmeter. Das bedeutet bei einem Fahrzeuggewicht von nur 1080 Kilo in Zahlen: null bis 100 km/h in 3,8 Sekunden. Hallo, Porsche (GT3: 4,5); hallo, Ferrari (360 Modena: 4,5); hallo, Aston Martin (Vanquish: 4,8); sogar: hallo, Lamborghini (Murciélago: 3,85, alles Werksangaben).

Kein Wunder also, daß der M12 bei Englands AUTOBILD-Schwester "Auto Express" dann auch einen Vergleichstest gegen Porsche GT3, BMW M3 CSL und TVR T350 ziemlich glatt gewann. Angesichts solcher Tatsachen übersieht man leicht, daß sich der Noble-Hobel nicht nur beim Antrieb ganz kräftig aus dem Ford-Regal bedient – was gut ist für die Zuverlässigkeit. Aber schlecht fürs Image im Vergleich zu arrivierten Supercars, bei denen die meisten Teile hausgemacht sind.

Die Basis der Lenkung stammt aus dem Focus, die Schalter innen tragen typisches Ford-Design, und auch die Mondeo-Rückleuchten sehen für einen Porsche-Jäger ziemlich bieder aus. Wenn wir schon nörgeln: Die langen Gurtpeitschen sind wenig zeitgemäß (auch wenn sowohl Dreipunkt- als auch Hosenträgergurte serienmäßig eingebaut sind). Die Kurbelfenster lassen sich nicht komplett versenken. Gepäck muß mangels Kofferraum in speziellen Taschen transportiert werden, die zum Beispiel hinter den Sitzen aufgehängt werden. Unser Klagen über das Fehlen zeitgemäßer Features wie Airbags, ABS und Traktionskontrolle verstehen die Nischen-Briten sowie nicht.

Das Beste ist das Handling

Daß wir einen Preis von umgerechnet 75.000 Euro für ein Komponentenauto, das in den USA als zweiteiliges Kitcar verkauft wird, als zu teuer erachten, stört die Noble-Mannschaft nicht im Geringsten. Warum auch, die Autos gehen weg wie lauwarmes Ale beim Aufruf "Last order!". 200 Exemplare sind es pro Jahr. Zwischen 16 und 24 Stück sind immer in Produktion, jedes Auto benötigt zur Komplettierung 50 bis 70 Stunden. Zehn Noble-Händler haben alle Hände voll zu tun, die weltweite Nachfrage zu sortieren – selbst in Moskau fährt schon einer.

Die Begeisterung für den M12 GTO beginnt schon bei der Sitzprobe. Die Schalensitze sind wesentlich bequemer, als sie aussehen, das Cockpit ist eine fast künstlerisch gestaltete Ansammlung von Rundinstrumenten. Der Innenraum ist serienmäßig in Leder gehüllt, das auch die unauffälligen Stangen des serienmäßigen Käfigs bedeckt (beim Testwagen Alcantara). Rote Hupknöpfe im Lenkrad bündeln die Aufmerksamkeit aufs Wesentliche, die hängenden Pedale sind leicht nach links versetzt. Das Radio ist vor dem Beifahrer eingebaut, kann aber per Fernbedienung auch vom Fahrer bedient werden.

Die große Überraschung aber kommt beim Fahren. Nicht nur das enorme Sprintvermögen hinterläßt nachhaltigen Eindruck. Oder das perfekt abgestufte und mit kurzen Schaltwegen operierende Ford-Sechsganggetriebe. Oder die sehr direkt ausgelegte Lenkung (zweieinhalb Umdrehungen von Anschlag zu Anschlag). Nein – das Beste ist das Handling. Das ausgezeichnete Fahrwerk mit doppelten Dreiecklenkern rundum sorgt für atemberaubende Bodenhaftung. Und durch die automatische Quaife-Differenzialsperre wird die Kraft perfekt auf den Boden gebracht. Die Sperre reagiert sowohl auf Drehzahlunterschiede als auch auf Drehmomentverlagerung, das Ergebnis ist reichlich Traktion ohne das sonst übliche Untersteuern.

Mächtig viel Flügel blockiert die Sicht

Erfreulicherweise hat Noble es geschafft, die Bodenhaftung nicht mit einer knüppelharten Abstimmung zu erkaufen. Die mögliche Querbeschleunigung ist enorm hoch. Und wenn die Grenzen der Physik doch erreicht sind, kündigt das hecklastige Coupé (Gewichtsverteilung: 40 Prozent vorn, 60 hinten) diskret an, daß es nun beabsichtigt, hinten auszutreten. Der Käfig hält den Wagen verwindungsfrei, da klappert und rappelt nichts.

Der mächtige Flügel (auf Wunsch aus Carbon) drückt das Heck auf den Boden – wen stört es schon, daß er fast die gesamte Sicht nach hinten nimmt? Der Wagen passiert die englische Zulassung übrigens ohne Flügel – danach wird er flugs wieder aufgeschraubt. Nicht umsonst hat der M12 die "Autocar Grip Challenge" gewonnen. Eine bemerkenswerte Leistung für einen Wagen, der nicht speziell für die Rennstrecke, sondern für die Straße konzipiert wurde. Die AP-Racing-Bremsen – stolz versehen mit dem Noble-Schriftzug – beißen vertrauensbildend zu, und dann steht der Supercar im Dienste der gebeutelten britischen Autogemeinde atemberaubend schnell, in tiefem Baß vor sich hin brabbelnd.

Noble wäre kein Engländer, würde er nicht bereits weitere Evolutionsstufen in Arbeit haben: Eine heißt M400, sieht außen ein bißchen aggressiver aus (schwarze Räder!) und leistet mit dem gleichen Sechszylinder satte 430 PS, erreicht unter anderem durch größere Turbolader. Angepeilte Zeit für den Sprint von null auf 100 km/h: 3,5 Sekunden. Preis: umgerechnet 84.000 Euro.

Zukunftpläne und technische Daten

Eine offene Variante des M12 GTO 3R hat Noble bereits vorgestellt, die geht noch Ende dieses Jahres in Produktion. Ebenfalls schon im Backofen: der M14, vorgestellt auf der British Motor Show in Birmingham – geplant als luxuriöses Flaggschiff für rund 105.000 Euro.

Der Ferrari-Schreck soll mehr als 400 PS unter der Haube haben, in 4,4 Sekunden auf 100 km/h sprinten und mehr als 300 km/h schnell sein. Keine Frage: Die Jungs in Barwell und Port Elizabeth werden weiterhin ordentlich zu tun haben. Mehr als 350 M12 tummeln sich schon auf den Straßen der Welt, und es gibt derzeit keinerlei Anzeichen für ein Abflauen der grassierenden Noble-Mania. Warum bekommen eigentlich immer nur Engländer die Lizenz, solche Autos zu bauen?

Technische Daten V6, Heck-Mittelmotor, quer eingebaut • zwei Turbolader • 4 Ventile je Zylinder • Hubraum 2968 cm3 • Leistung 357 PS bei 6200/min • max. Drehmoment 475 Nm bei 3500/min bis 5000/min • Hinterradantrieb • manuelle Sechsgangschaltung • rundum Einzelradaufhängung an Dreiecklenkern • rundum belüftete Scheibenbremsen • Reifen 225/40 ZR 18 vorn, 265/35 ZR 18 hinten • Räder 8,5 x18 vorn, 10 x18 hinten • Länge/Breite/Höhe 4089/1885/1143 mm • Radstand 2438 mm • Leergewicht 1080 kg • Beschleunigung 0–100 km/h in 3,8 s • Höchstgeschwindigkeit 270 km/h • Preis 75.000 Euro

Diesen Beitrag empfehlen

Anzeige

Automarkt

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.