Smart Crossblade

Smart Crossblade Smart Crossblade

Smart Crossblade

— 16.05.2002

Viel Wind um fast nichts

Keine Scheiben, kein Dach, keine Türen: Der Smart Crossblade ist eigentlich nur ein halbes Auto zum doppelten Preis. Dennoch hat Redakteur Gerald Czajka eine stürmische Leidenschaft gepackt.

Stellen Sie sich vor, Sie erzählen Ihrem Nachbarn, dass Sie sich ein neues Auto kaufen wollen. Eines, in dem es fürchterlich zieht, beim leisesten Anflug von Regen feucht wird und stabile Schönwetterlagen grundsätzlich zum Sonnenbrand führen. Der gute Mann oder die gute Frau wird Sie ins Haus bitten und entweder von ganzem Herzen bemitleiden oder umgehend den Arzt rufen. Oder beides. Wozu – ehrlich gesagt – auch durchaus Veranlassung besteht.

Halbes Smart-Cabrio mit Aha-Effekt

Frischluft-Fanatiker: In Urlaubs-Gegenden wie der italienischen Campania fühlen Crossblader sich wohl und erregen jede Menge Aufmerksamkeit.

Denn schließlich gehören Sie zu den 2000 Verrückten, die einen Smart Crossblade fahren wollen. Jenen offenen Zweisitzer, der so radikal gestrippt wurde, dass selbst die schärfste Peepshow dagegen wie das Aufklärungsprogramm des Kinderkanals wirkt. Für alle, die sich unter Crossblade bislang noch nichts vorstellen konnten, hier noch mal die Kurzform: Also, das ist ein halbes Smart Cabrio, nur eben ohne Scheiben, Türen und Dach, dafür zum doppelten Preis. Ab Juni rollt diese Verzichtserklärung auf vier Rädern zu den deutschen Händlern – für mehrere hundert gibt es bereits Vorbestellungen. Wir sind den automobilen Minimal-Bikini im sonnigen Italien vorab schon einmal Probe gefahren und verraten Ihnen, warum der smarte Frischluft-Floh so gut ankommt.

Dackelblick eines Hugh Grant

Größter Pluspunkt der absoluten Auto-Askese: Crossblade verbreitet gute Laune im Vorbeifahren. Da werden dann Hälse und Daumen gereckt, quietschen Bambini vor Vergnügen und die Signoras vor Entzückung. Kein Wunder, die irgendwo zwischen böse und betörend unter der schmalen Plexiglas-Sonnenbrille hervorblitzenden Ellipsenscheinwerfer können es locker mit dem Dackelblick eines Hugh Grant aufnehmen. Und unter den ebenso winzigen wie witzigen Kotflügelchen schwellen verheißungsvoll mattschwarze Aluräder im 16-Zoll-Format. Wie bei einem echten Sportwagen mit Mischbereifung: Vorn sorgen 195/40er-Gummis für Lenkpräzision, hinten kleben 215/35er-Walzen am Asphalt wie Teenies an den Lippen von Ehren-Crossblader Robbie Williams (er bekam den allerersten Crossblade ausgeliefert, wählte Exemplar 0008).

Schnitt. Unsere Augen wandern nach oben – und funken dem Kleinhirn irritiert ein SOS. Die verstümmelten A-Säulen, die wie zwei Stümpfe in den azurblauen Himmel ragen, lassen den Crossblade eher wie Cross-Blöd ausschauen. Intensive Betrachtung nährt den Verdacht, dass dieser Smart entweder vorzeitig vom Band gefallen oder aber schon mal unter einen Lkw gefahren sein muss. An dieser Stelle hätte MCC ruhig mehr Gehirnschmalz investieren dürfen. Ein Eindruck, den leider auch die erste Probefahrt stützt.

Die unveränderte Lenkung fällt immer noch so unsportlich indirekt aus wie bisher, das automatisierte Sechsgangschaltgetriebe nervt wie gehabt mit Pausen und Rucken, das Dreizylindermotörchen klingt trotz des dumpferen Grundtons nach wie vor so aufregend wie eine Waschmaschine im Schleudergang. Entschädigung für diese Schattenparker-Show liefert das Open-Air-Konzert auf den zwei wind-, wetter- und wasserfesten Plätzen des Crossblade. Vorausgesetzt, die Testrecke liegt wie in unserem Fall an der Costa Amalfitana (südlich von Neapel, da wo unser Kanzler urlaubt) – ins verregnete und verstopfte Deutschland passt dieser Wagen etwa so gut wie Inlineskater auf die Autobahn.

Musik wird vom Winde verweht

Unter der Sonne Italiens sehe aber sogar ich als bekennender Smart-Belächler den Crossblade in einem anderen Licht, fühle mich in dem schwarz-roten Solarium auf Anhieb wohl. Zwei armdicke, nach oben schwingende Türbalken geben den Zugang in das abwaschbare, durch Abläufe in Sitzen und Boden entwässerbare Abteil frei. Auffällig: Lüfterdüsen fehlen, stattdessen gibt es Ablagen und Dosenhalter.

Die Heizung pustet bei Bedarf Warmluft in den Fußraum – im Winter dürfte der Crossblade aber kaum ein Rad vor die Garagentür setzen. Alle weiteren Klimafragen lösen sich im Oben-ohne-Smart, der ohne Helm gefahren werden darf, ohnehin von ganz allein. Weil Türen, Fenster oder auch ein Dach fehlen, herrscht in diesem Spaßmobil schon bei Stadttempo Windstärke zehn – also Schutzbrille nicht vergessen und von Zeit zu Zeit die Fliegen aus den Zähnen pulen.

Wer es tatsächlich wagt, den kleinen Lufti-Kuss bis zur Höchstgeschwindigkeit von 135km/h auszufahren, der ringt sicher nicht gerade vor Glück nach Luft. Diesen Hochgenuss schafft erst gemäßigte Fahrweise. Überall brandet die laue Luft ins Abteil, reißt von vorn an den Haaren, zerrt seitlich an den Hüften, wirbelt von unten um die Beine. Ja, in dieser Wind-Maschine scheint es sogar im Rücken zu ziehen, bleibt garantiert kein Haar beim anderen. Und dennoch genieße ich den tosenden Sturm: Es riecht einfach zu herrlich nach Sommer, Sonne und Süditalien. Bleibt eigentlich nur die Frage, warum der Crossblade ab Werk über Radio samt CD-Wechsler-Vorrüstung verfügt – schon die Unterhaltung mit dem Beifahrer wird regelmäßig vom Winde verweht.

Unverschämt sportlich – und teuer

Innen erstrahlt der Crossblade in Schwarz-Rot. Links und rechts sind jetzt Dosenhalter statt Lüfterdüsen.

Der über Eingriffe in die Motorsteuerung von 55 auf 71 PS gesteigerte 0,6-Liter-Dreizylinder müht sich ebenfalls redlich, dem selbst gewählten Anspruch vom "Motorrad auf vier Rädern" gerecht zu werden. Auch wenn die 740 Kilo leichte Halb-Schale dem Zweiventiler natürlich keinerlei Mühe bereitet, liegen die Fahrleistungen aufgrund der absolut abenteuerlichen Aerodynamik des heftig zerklüfteten Cabrio-Knirpses aber so dicht am Zweirad wie Smart am Maybach.

Nicht gerade blitzartige 17 Sekunden soll der Spurt bis Tempo 100 dauern, 108 Nm Drehmoment zwischen 2200 und 3500 Touren lassen den Crossblade aber wenigstens nicht ewig hinter Lkw versauern. Spaß macht der windige Winzling jedenfalls vor allem mit viel Drehzahl und auf kurvenreichen Passstraßen. Dann zeigt sich der breitbeinige Sonnen-Smart, dessen Spur vorn um einen und hinten um vier Zentimeter zulegte, von seiner sportlichsten Seite. Die straffe Federung lässt den knuffigen Knirps zwar aufgeregt über Bodenwellen hoppeln, verleiht dem Crossblade aber auch eine satte Straßenlage. Dazu trägt nicht zuletzt der um 16 Prozent tiefer gelegte Schwerpunkt bei. So wird jede Kurve zum Hochgenuss – man kann einfach nicht genug bekommen.

Credo aller Crossblader: Ich geb Gas, ich will Spaß. Den mir aber die unverschämte Preis-Politik gründlich verdirbt. Unfassbare 24.360 Euro werden für den quasi in Handarbeit bei Binz (macht sonst Spezialaufbauten) gefertigten Frischluft-Minimalisten aufgerufen. Noch mal in Worten: vierundzwanzigtausenddreihundertundsechzig Euro. Damit ist dieses Spielzeug der "Ich hab schon alles"-Gesellschaft mehr als doppelt so teuer wie das Smart Cabrio mit 55 PS. Spätestens jetzt ruft Ihr Nachbar nach einem Arzt. Und das zu Recht.

Technische Daten

Technische Daten Dreizylinder • Hubraum 599 cm3 • Leistung 52 kW (71 PS) bei 5470/min • max. Drehmoment 108 Nm bei 2200/min • automatisiertes Sechsgangschaltgetriebe • Heckantrieb • vorn Scheiben-, hinten Trommelbremsen • ABS • Reifen vorn 195/40, hinten 215/35 R 16 T • Kofferraum 122 l • Tank 33 l • L/B/H 2622/1618/1508 mm • Leergewicht 740 kg • Zuladung 250 kg • Spitze 135 km/h • 0–100 km/h 17,0 s • Verbrauch (EU-Mix) 5,7 l S plus (Werksangabe) • Preis 24.360 Euro

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