Tracktest

Tracktest: Dallara-VW vs. PVP-DEA

— 01.03.2010

David gegen Goliath

Keine Federung, keine Gurte, keine Karosserie - Superkarts sind extreme Fahrmaschinen. Aber sind sie auch schnell genug, um einem flinken Volkswagen Formel 3 Paroli zu bieten?

Der breite Hosenträger-Gurt fesselt meinen Oberkörper an den dünnen Hartschaum-Sitz. Der blanke, silberne Schalthebel drückt auf den rechten Oberschenkel. Mit gebogenem Rücken liege ich in der Carbon-Röhre des Chassis. Der Fahrtwind pfeift bei 240 km/h am Helm. So laut, dass er das sonore Dröhnen des Zweiliter-Volkswagen-Motors im Heck überlagert. Welch ein Komfort, mit dem Formel 3 des Teams Kolles & Heinz Union über den Hockenheimring zu jagen! Ironie? Nein, im Gegenteil. Denn das Dallara-Chassis ist, wenn auch hart, aber immerhin gefedert. Und nur der Kopf des Fahrers ragt hinaus. Im Superkart von Willi Pfeiffer sieht das ganz anders aus. Der aus extrafestem Chrom-Molybdän-Stahlrohr mit drei Zentimeter Durchmesser gefertigte Rahmen ist hier das einzige Element, das die Stöße der Bodenwellen aufnimmt. Und sie fast ungefiltert auf den Piloten leitet.

Übersicht: Alle News und Tests zu Volkswagen

Flinker Nachwuchsformelrenner: Auf manchen Rennstrecken sind die Formel 3 schneller als die DTM-Boliden.

David gegen Goliath, Formelrennwagen trifft Über-Kart: Auf dem Hockenheimring bringt AUTO BILD MOTORSPORT zwei Asphaltraketen aus völlig unterschiedlichen Lagern zusammen. Die Formel 3 ist seit jeher die erste große Hürde für Nachwuchstalente auf dem Weg zum Profi­rennfahrer. Die Monoposti haben Fahrleistungen eines Supersportwagens. Ihr Rezept: wenig Gewicht. Bei nur 540 Kilo mit Fahrer reicht eine Motorleistung von 210 PS – das ist Golf-GTI-Niveau. Auf einigen Rennstrecken ist die Formel 3 Euro Serie damit sogar schneller als die DTM.

Superkarts besitzen viel Leistung bei niedrigem Gewicht

103 PS bei nur rund 215 KG: Eine explosive Mischung. Doch: Ohne anschieben will der Motor nicht starten.

Dass sich eine explosive Mischung aus niedrigem Gewicht und hoher Leistung ins Extrem treiben lässt, beweisen Superkarts. In der Länge sind sie von einem Formel 3 in etwa die halbe Portion. 2,15 gegen 4,26 Meter. Und, je nach Körpergewicht des Piloten, wiegt die Kombination aus Mensch und Maschine nur 215 Kilo. Kombiniert ist das Ganze mit einem giftigen Zweizylinder-Zweitaktmotörchen. 103 PS aus einem Hubraum, der mit 250 Kubikzentimetern das Volumen eines Trinkglases hat. Das ist gewaltig! Während ein Formel-1-Motor rechnerisch einem Liter Brennraum 325 PS entlockt, wären es bei dem speziellen Superkart-Motor der italienischen Firma DEA fast unglaubliche 412 Pferdestärken.

Die Strecke erscheint ewig breit

Willi Pfeiffer und sein Mechaniker Jochen Depping schieben mich an. Ich ziehe links am Kupplungshebel hinterm Lenkrad. Dann am blanken Alu-Schaltknauf rechts. Kupplung los. Die Kette rasselt, die Hinterachse stuckert. Rääääännnngg! Unüberhörbar springt der Motor an, schreit auf wie eine Kettensäge. Am Ende der Boxengasse steige ich aufs Gas. Disco! Die Schaltlampen leuchten alle auf einmal. Der Motor kreischt, das Heck schwänzelt. Runter vom Gas. Und mit ganz viel Gefühl wieder drauf. Der Hockenheimring kommt mir ewig breit vor. Ein Gefühl, als hättest du dich mit dem Fahrrad auf die Autobahn verirrt. Es vibriert überall. Erst in den Händen, dann im ganzen Körper. Der Fahrtwind bläst durch die Ärmel meines Overalls. Ziehen, ziehen, ziehen! Ohne Kupplung reiße ich die Gänge durch. Bremsen, beschleunigen – ein Vor- und Zurück. Nur zwei harte Stützen halten meinen Körper fest im Sitz.

Der Formel 3 wirkt souveräner

Formel 3 vs. Formel 3: Beim Tracktest treffen zwei Welten aufeinander.

Sechster Gang, der Kopf taumelt im Wind. Im Formel 3 fühlt sich alles kontrollierter, weniger brutal, ja einfach souveräner an. Die schnellen Kurven gehen viel flotter, als ich beim Anbremsen denke. Je mehr Tempo, desto höher der Anpressdruck von der ausgefeilten Aerodynamik. Paradox, wenn man’s nicht gewohnt ist. Aber der Grund, warum die Formel-3-Profis in Hockenheim rund acht Sekunden schneller fahren als die  besten Superkarts. Es sind eben doch zwei Welten, aus denen die beiden Renner kommen.
Technische Daten Superkart Formel 3
Motor Reihen-Zweizylinder, 2-Takt Reihen-Vierzylinder
Einbaulage rechts längs hinten längs
Hubraum 250 cm3 1997 cm3
Ventile/Nockenwellen entfällt 4 pro Zylinder/2
Nockenwellenantrieb entfällt Zahnriemen
PS bei U/min 103/13 800 210/5800
Literleistung 412 PS/Liter 105 PS/Liter
Nm bei U/min 60/10 500-12 000 250/5400
Antriebsart Hinterrad Hinterrad
Getriebe 6-Gang sequenziell 6-Gang sequenziell
Reifen vorn / hinten 11x5.0-6 / 11,5x-8.00-6 180/550-13 / 240/570-13
Reifentyp Dunlop DDS/DDM/Regenr. Kumho Ecsta Slicks/Regenr.
Länge/Breite/Höhe 2150/1210/750 mm 4264/1835/950 mm
Radstand 1200 mm 2730 mm
Leergewicht 215 kg inkl. Fahrer 540 kg inkl. Fahrer
Leistungsgewicht 2,1 kg/PS 2,57 kg/PS
Tankvolumen 18 l 40 l
Kraftstoffsorte 1:25 (102 Oktan Benzin/Öl) Super Plus (100 Oktan)
Messwerte PVP-DEA Division 1 Dallara F308-VW
Beschleunigung 0–100 km/h 2,8 Sek. 3,2 Sek.
Beschleunigung 0–200 km/h ca. 11 Sek. 9,5 Sek.
Bremsweg aus 100–0 km/h 18 Meter ca. 29 Meter
Höchstgeschwindigkeit 280 km/h 268 km/h
Fahrzeugpreis inkl. MwSt. 25 000 Euro ca. 150 000 Euro
Autor:

Martin Westerhoff

Fazit

Ein Superkart kann einen Formel 3 auf der Strecke nicht schlagen. Aber: Kaum ein Sportgerät bietet derart viel Fahrleistung für vergleichsweise wenig Geld. Der AvD unterstützt deshalb junge Piloten, die in der AvD-Kartmeisterschaft erfolgreich waren, für eine Einstiegssaison in die europäische Superkart-Serie.

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