Versteigerung bei General Motors

Ausverkauf bei General Motors Ausverkauf bei General Motors

General Motors verhökert die eigene Geschichte

— 23.01.2009

Alles muss raus!

General Motors braucht Geld. So dringend, dass der US-Riese sich sogar von seinen Museumsfahrzeugen trennt. Das Tafelsilber wird versteigert – der Ausverkauf einer amerikanischen Ikone.

"Thirtyfive two" – nur 35.200 Dollar! Kenneth Mueller springt aus dem Stuhl, dreht sich zu seinem Kumpel und klatscht ihm seine Pranke auf die Hand: "Gimme five! Das ist mein Tag, meine Altersversorgung. Der ist das Zehnfache wert." Ungläubig schüttelt er den Kopf, unterschreibt einen Zettel – und ist Besitzer eines Cadillac Typ 57 Victoria von 1918. Auf der Auktionsbühne steht derweil das nächste Schnäppchen, ein 1960er Chevrolet Impala. Zum Ersten, zum Zweiten und zum Dritten. Rums! Verkauft. Für 24.200 Dollar. Der üppig verchromte Heckflossen- Straßenkreuzer mit Panoramascheiben und nur wenigen Meilen auf dem Tacho kostet umgerechnet 18.500 Euro. Fachleute hatten den perfekt erhaltenen Chevy zuvor auf 65.000 Euro taxiert. Irgendwo rechts im riesigen Versteigerungszelt ertönt ein Jubelschrei: Yes, nur 24.200! Billiger wird’s nie wieder.

Schlecht für GM, gut für Käufer: Billiger wird es nie wieder

Normalerweise sind Oldies wie ein 1968er Pontiac Catalina Cabrio oder Buick Series 60 von 1955 viel, viel teurer. Schlecht für GM, gut für Käufer. Das hier ist nämlich kein normaler Oldtimerhändler, sondern die Barrett-Jackson-Versteigerung in Scottsdale, Arizona. Bei der einwöchigen Auktion für Sammlerautos landen 1000 seltene Modelle unter dem Hammer. 235 davon stammen direkt aus dem GM-Museum in Detroit. So weit ist es also gekommen: Der bis vor Kurzem größte Autobauer der Welt verkloppt sein Tafelsilber. Die Entscheidung fiel kurzfristig. Nichts ist mehr tabu, auch nicht die eigene Geschichte. Ein trauriger Vorgang. Etwa so, als würde Mercedes seine Silberpfeile und Flügeltürer über die Resterampe schieben. GM braucht Geld. So dringend, dass der klamme Konzern im Dezember um 13,4 Milliarden Dollar Notkredit bei den US-Steuerzahlern betteln musste. Jetzt steht fest: Das reicht nicht.

"Als würde die Luftwaffe ihre Geheimwaffen verkaufen"

Tafelsilber zum Spottpreis, das zieht: Im Publikum saßen nicht nur Multimillionäre, sondern auch ganz normale Autosammler.

Im Februar schießt der Staat noch vier Milliarden hinterher. Da sind die fünf Millionen, die sich GM vom Verkauf seiner Autoschätze erhofft, nur ein Tropfen auf den heißen Stein. "Das reicht fünf Minuten", scherzt Greg Mauzy, Präsident einer Ölfirma. Sein XXL-Hemd ist mit bunten Corvette-Motiven bedruckt. Als der stämmige Texaner sich ins rote ZR2-Versuchsmodell aus der GM-Entwicklungsabteilung beugt, muss er seufzen – eine absolute Rarität. Sie fehlt in seiner Sammlung. Tatsächlich hat GM ausgesprochen kostbare Sondermodelle aus seinen heiligen Hallen geholt. "Als würde die Luftwaffe ihre Geheimwaffen verkaufen", freut sich Gary Bennett, Chefprokurist von Barrett-Jackson. Bei derart aufregenden Autos braucht Mauzy erst mal einen Drink. Der geht aufs Haus: An der Bieter-Bar dürfen Kaufwillige umsonst trinken, was der Texaner auch reichlich tut.

Als Auktionsanheizer später die Corvette als wichtiges Stück GM-Historie anpreisen, stampft Mauzy zur Bühne. Mit glasigem Blick verfolgt er die Gebote. Sie kommen zäh: 50.000, 65.000, 70.000 Dollar. Viel zu wenig, findet der Mann mit dem Hammer. Ölbaron Mauzy kriegt schließlich den Zuschlag – bei 71.500 Dollar. Einmal in Fahrt, nimmt er die violette ZR1 von 1989 gleich auch noch mit. Hammerpreis: 44.000 Dollar. "GM fehlt die Liebe zu ihren Autos. So etwas darf man eigentlich nicht verkaufen", sagt er und geht zurück zur VIP-Bar. Das Bier ist kalt, die Stimmung unter den Bietern gut, und der Geldbeutel sitzt locker: 1954er Oldsmobile – 33.000 Dollar, Chevy-Caprice-Feuerwehrauto – 5720 Dollar, Indy 500 Cadillac Pacecar – 62.700 Dollar. Schlag auf Schlag, alle drei Minuten ein Auto. Für Pflege und Transport eines Ausstellungsstücks wendet General Motors rund 2000 Dollar pro Jahr auf; macht zwei Millionen für den Gesamtbestand. "Diese Kosten wollen wir reduzieren", rechtfertigt Museumsmanager Greg Wallace den Abverkauf.

Die Auktion brachte General Motors circa 6,9 Mio. Euro

Einer der Stars ist der Buick Blackhawk. Das Concept Car brachte 475.000 Dollar.

Auktions-Adrenalin und Alkohol bringen auch Bob Johnson (63) aus Georgia in Kaufrausch. Neben einem Rennwagen von NASCAR-Legende Dale Earnhardt ergattert der reiche Rentner den werksgetunten Saab 900, mit dem die schwedische GM-Tochter 1995 erfolgreich am Pikes-Peak-Bergrennen teilnahm. So verschwindet für lächerliche 8470 Dollar ein Stück Automobilhistorie in irgendeiner Südstaaten-Garage. Europäischen Saab-Sammlern dürften die Tränen kommen. Feuchte Augen hat auch der Käufer eines Chevrolet-Unikats von 1925. Allerdings vor Freude. Kein Wunder, denn das urige Gefährt mit handgefertigtem Holzaufbau aus Eiche und Mahagoni gilt als das erste Wohnmobil der Welt. Preis: 119.000 Dollar.

Ausstellungsstück: Dieses Exemplar diente zur Erklärung der Technik des neuen Opel GT. Erlös: 17.600 Dollar

Berühmter, aber billiger ist der Cadillac Brougham, mit dem Papst Johannes Paul II. einen Mexiko-Besuch im Azteken-Stadion absolvieren sollte. Dazu kam es nie – also landete das Cabrio mit dem Thron erst in der GM-Sammlung und nun auf dem Grabbeltisch. Käufer Dick Messer will ihn in sein Museum stellen, schließlich gibt es nur 14 Papamobile. Dann fällt der Hammer zum letzten Mal. Am Ende steht fest: Die Auktion brachte dem Autogiganten aus Detroit 9,1 Millionen Dollar (circa 6,9 Mio. Euro). Aber das war erst der Anfang vom Ende. Nach dem Tafelsilber kommen im April 2009 weitere 150 GM-Klassiker zum Aufruf – die Kronjuwelen des Konzerns. Mueller, Mauzy und Messer – sie wollen alle wiederkommen.

Autor: Jörg Maltzan

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