Abschaffung der SOS-Säulen geplant
Endet die Ära der Autobahn-Notrufsäulen?

Die Notrufsäulen an deutschen Autobahnen könnten bald weg sein: Offenbar prüft die zuständige staatliche Stelle den Abbau. Grund: Niemand benötigt mehr die stationären Anlagen, denn es gibt längst eine bessere technische Lösung.
Bild: dpa
Die Notrufsäulen an deutschen Autobahnen könnten bald Geschichte sein. Einem Medienbericht zufolge prüft die staatliche Autobahn GmbH, die für Wartung und Betrieb zuständig ist, ob die weitere Unterhaltung der Anlagen notwendig ist.
Seit mehr als 70 Jahren stehen die stummen Wächter hinter der Leitplanke: 1955 wurde das Netz an Notrufeinrichtungen entlang der deutschen Autobahnen eingerichtet. Doch ihre Tage sind gezählt. Während 2012 noch mehr als 74.000 Notrufe über sie ausgelöst wurden, waren es elf Jahre später weniger als die Hälfte (rund 31.000 Notrufe).
eCall und Handys machen Notrufsäulen entbehrlich
Ihre Uhr tickt in immer mehr Auto-Cockpits: Sie heißt eCall und ist seit 2018 in jedem Neuwagen (Pkw und leichte Nutzfahrzeuge) in der EU zwingend vorgeschrieben. Das Notrufsystem mit der roten Taste über dem Innenspiegel basiert auf dem Mobilfunk-Standard GSM. Hinzu kommen private Handys, die heute praktisch jedem zur Verfügung stehen.
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Die Folge: Die Notrufsäulen entlang deutscher Autobahnen werden weniger genutzt. Eine Weiterführung des Systems steht einem Medienbericht zufolge nun auf dem Prüfstand. "Die Notrufzahlen über das System sind stark rückläufig", zitierte die "Rheinische Post" am Donnerstag aus einer Antwort des Bundesverkehrsministeriums auf eine parlamentarische Anfrage. Nun gehe es darum, die Kosten zu senken.
Ein Sprecher der Autobahn GmbH sagte gegenüber dpa, Ziel sei es, eine Lösung zu finden, die Bestand habe. "Die Verkehrssicherheit hat für uns oberste Priorität." Die Autobahn GmbH prüfe derzeit das Für und Wider einer mittelfristigen Abschaltung der Notrufsäulen. "Dabei werden die technische Entwicklung, die tatsächliche Nutzung und vor allem die Verkehrssicherheit berücksichtigt."
Angesichts der technischen Entwicklungen "wie der Einführung des eCall-Systems sowie der verbreiteten Nutzung von Mobilfunk prüft die Autobahn GmbH derzeit den Fortbestand des aktuellen Notrufsystems an Autobahnen", sagte auch ein Sprecher der bundeseigenen Straßengesellschaft.
ADAC fordert stattdessen lückenloses Mobilfunknetz an Autobahnen
Eine Abschaltung ist für den ADAC "aufgrund der technischen Überalterung des Systems grundsätzlich nachvollziehbar", so eine ADAC-Sprecherin auf Anfrage von AUTO BILD. Der Automobilklub nennt allerdings Bedingungen: "Voraussetzung für eine Abschaltung ist aus Sicht des ADAC allerdings, dass zuvor die noch bestehenden Lücken in der Mobilfunkabdeckung an den Autobahnen geschlossen werden. Notrufstationen in Tunneln sollten zudem langfristig erhalten bleiben." Es sei wichtig, dass Autofahrer in einer Notsituation oder bei einer Panne Hilfe organisieren können.
Der Autoklub räumt allerdings ein, dass die "Bedeutung der Notrufsäulen angesichts stark gesunkener Nutzerzahlen deutlich abgenommen" habe und weist auf Alternativen hin: "Der ADAC empfiehlt, im Straßenverkehr ein betriebsbereites Mobiltelefon mitzuführen. Die 112 kann auch ohne Mobilfunkguthaben und über ein fremdes Mobilfunknetz angerufen werden. Bei einer Panne empfiehlt der ADAC außerdem die ADAC Pannenhilfe App, weil darüber auch der Standort übermittelt werden kann. Viele Fahrzeuge verfügen darüber hinaus über eCall. Entscheidend ist deshalb vor allem eine lückenlose Mobilfunkversorgung."
Unfallforscher rät von Abschaffung ab
Siegfried Brockmann von der Björn-Steiger-Stiftung, die sich ausdrücklich um Optimierung der Rettungssysteme bei Verkehrsunfällen bemüht, warnt gegenüber AUTO BILD vor einer Abschaltung der Notrufsäulen. "Geht man von aktuell etwa 25.000 Zugriffszahlen im Jahr aus, sind das immer noch fast 70 pro Tag. Das ist doch nicht wenig!"
Dabei komme es laut Brockmann nicht mehr so sehr auf die Hilfe bei Unfällen an – die seien in der Regel dank eCall und Telefon-Notrufen von Vorbeifahrenden schnell gemeldet. Doch im Pannen-Fall seien die Säulen nach wie vor unverzichtbar. Brockmann: "Ein liegengebliebenes Fahrzeug auf der Autobahn ist ein Hindernis, eine große Gefahr für den nachfolgenden Verkehr, das möglichst schnell wegmuss." Doch solche Ereignisse würden deutlich seltener per Telefon gemeldet. Und von eCall überhaupt nicht.
Zuverlässige Pannenhilfe für Transitverkehr
Hinzu komme: Während viele inländische Autofahrer eine Pannen-App auf dem Handy haben, sei das beim Transitverkehr aus dem Ausland nicht gewährleistet. Laut Bundesamt für Logistik nutzen jedes Jahr allein über eine Million schwere Lkw Deutschland als Transitland, das sind bis zu 6000 Laster pro Tag. "Für diese Verkehrsteilnehmer gibt es im Pannenfall überhaupt keine Lösung", so Brockmann.
Vor allem: "Die Säule weiß genau, wo sie steht, das erleichtert die Lokalisierung." Auch bei Orientierungs- und Sprachproblemen des Betroffenen.
Noch 17.000 Anlagen entlang der Autobahn in Betrieb
Bundesweit gibt es noch 17.000 Notrufsäulen, die 2025 Kosten in Höhe von 4,5 Millionen Euro verursachten. Im Vorjahr hätten sie gemäß den Angaben der Autobahn GmbH noch bei 8,2 Millionen gelegen. Sie sind im Abstand von zwei Kilometern abgestellt, sodass im Notfall eine Säule maximal einen Kilometer entfernt liegt.

So funktioniert eCall: Per Satellit erfolgt nach der Alarmierung die Ortung, die Rettungskräfte wissen umgehend, wo sich der Unfall ereignet hat.
Bild: Axel Kock
Doch längst nicht mehr alle Autobahnen sind versorgt. Laut Siegfried Brockmann werden Neubaustrecken nicht mit neuen Säulen ausgestattet. Einfacher Grund: Die Technik ist veraltet. Es gebe auch keine Ersatzteile mehr für defekte Säulen, sodass der Bestand auf natürliche Weise schrumpft.
Fazit
Eines steht fest: Aus Spaß hebt niemand die Klappe einer Notrufsäule an. Ich erinnere mich selbst an den Moment, als ich – umtost vom Verkehrslärm auf der A1 – verzweifelt auf Antwort hoffte. Die dann auch kam. Es war damals nur eine Panne, aber ich brauchte wirklich dringend Hilfe. Das war vor der Zeit von Handy und eCall. Aber auch ein Telefon kann mal ausfallen oder kaputtgehen. Für mich ein weiterer Grund, warum die orangefarbenen Blechwächter noch eine Weile bleiben sollten.
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