Manchmal hat es wirklich den Anschein, als ob die Audianer nicht so recht aus ihrer Haut könnten. Da stellen sie mit dem neuen R8 einen richtig properen Supersportler auf die Räder, hebeln ihm einen der letzten großen Drehzahlhelden ins Kreuz, schneidern ein richtig cleveres Allrad-Geflecht unters Chassis, tarieren Fahrwerk und Lenkung penibel darauf aus und garnieren das Ganze mit einer optionalen Abgasanlage, die ganze Stadtteile bröselig donnern könnte. Und dann? Dann kommen sie wieder im weißen Kittel angerannt, winken mit ihrem Lastenheft und erklären ihrem schnellen Zögling, dass er doch bitte auch ein wenig Rücksicht auf die automobilen Grundbedürfnisse nehmen solle.

Die Ingenieure haben dem R8 alle denkbaren Macken genommen

Video: Audi R8 V10 plus (2015)

So fährt der neue R8

Erst die ganzen Kniefiesler aus der Abteilung Alltag, die Rampenwinkel ausmessen, Staufächer auslitern, das Einparkverhalten durchleuchten und den Semislicks ganz genau aufs Profil fühlen, ob sie denn auch wirklich noch bei 160 km/h im Regen funktionieren. Dann die Materialästheten, die mit Argusaugen durchs Cockpit stochern, an verborgenen Nähten herumzupfen und den belederten Armaturenträger (kein Scherz!) einer mehrwöchigen Sahara-Simulation unterziehen. Und zu guter Letzt die ganzen Ergonomie-Apostel, die den tiefen Einstieg verteufeln, allen Ernstes fragen, ob Sportschalensitze wirklich so straff gepolstert sein müssen, ehe sie die Bedienung in mehreren Arbeitsschritten feinstporieren. Schon klar, wer den Gegenwert einer Eigentumswohnung in 4,43 mal 1,94 Meter Grundfläche versenkt, der sollte ein Höchstmaß an Qualität erwarten dürfen. Doch muss sich so ein R8, seines Zeichens ja immerhin Mittelmotor-Sportwagen, trotzdem so benehmen wie all diese Allerwelts-TT? Immerhin büßt der Ingolstädter mit diesen Zugeständnissen ja auch einen Teil seines enormen Potenzials ein.
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Mit den optionalen Cup-2-Reifen klebt die Corvette am Asphalt

Video: Chevrolet Corvette Z06 (2015)

Reinrassiger Racer

Das zeigt sich vor allem im Abgleich zur amerikanischen Konkurrenz, die momentan so ungeniert auf Performance klempnert, als gäbe es morgen kein Rohöl mehr. Allen voran die Corvette Z06, die im Beisein ihres Z07-Pakets fast schon zum Quasi-Rennwagen mutiert. Natürlich beweist der Ami auch Sinn fürs Feinmotorische. Man nehme nur seine Traktionskontrolle, die Schlupf über eine gezielte Rücknahme der Zündung reguliert. Oder das extrem ausgewogene Magnetic-Ride-Fahrwerk, das trotz aller Härte immer auch sensibel dämpft. Oder schlicht die formidablen Keramikstopper, deren ABS so hochfrequent an der Fußsohle pocht, dass man die Regeleingriffe kaum mehr als solche wahrnimmt. Die Fabelzeit holt sich das Überauto allerdings auf wesentlich profanere Weise. Schon einmal dem optionalen Cup 2-Reifen der Corvette auf die Lauffläche gelinst? Nein? Der Rundling zeigt frappierende Ähnlichkeit mit einem geschnittenen Vollslick. Kaum Negativprofil, dafür eine klebrig-weiche Mischung und das volle Breitformat mit 285ern vorn und 335ern hinten. Auf der schnellen Runde macht sich so etwas natürlich prächtig, im Alltag jedoch kommt man sich auf diesen Bestzeitsohlen manchmal so vor, als würde man gerade Salsa mit Hausschuhen tanzen.
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Vorn das 6,2 Liter große Kompressor-Vieh und die spitzfindige Vorderachse, die selbst Spurrillen als Aufforderung zum Abbiegen versteht; hinten ein bescheidenes Nichts an Traktion, weil es dem Gummi mal wieder zu staubig, zu kalt oder in sonst irgendeiner Weise nicht genehm ist. Auf Parkplätzen kurbelt man sich halb zu Tode, da die Vorderachse störrisch über den Lenkeinschlag hinwegrattert, und im Regen kann man all die Elefantenrennen, die man sonst immer so verteufelt, ganz unentspannt einfach selbst inszenieren. Schon klar, Trackday-Veteranen dürften über derlei Marotten ebenso lachen wie über die Tatsache, dass ein Satz Reifen kaum länger als ein paar Stunden hält. Nur wer kauft sich eine Corvette schon als Drittwagen-Spielzeug oder sattelt freitags immer vom Alltags- auf den Wochenendreifen um?

Mit dem Nordschleifen-Nismo hat der GT-R nur wenig gemein

Nissan GT-R Nismo
Fit gemacht für die Rennstrecke: Brömmler verpasst dem GT-R Nismo ein passendes Fahrwerk.
Bild: Ronald Sassen
Vielleicht also doch lieber eine Art goldene Mitte wählen? Nicht ganz so zugespitzt wie die Corvette und doch fokussierter als der R8? Nun, wer darauf schielt, der landet vielleicht beim Nissan GT-R Nismo, der sich als radikalisierte Fassung eines sonst sehr ausgewogenen Sportwagen-GTs versteht. Kern der ganzen Nismo-Mythologie ist natürlich jene Fabelzeit von 7:08,68 Minuten, die Michael Krumm einst auf die Nordschleife gebrannt hat. Aber: Das wahre Rekord-Set-Up schlummert im hintersten Eck des Nismo-Giftschranks, wird nur auf ausdrücklichen Wunsch hervorgekramt, verschickt und von einem japanischen Nismo-Ingenieur an Ort und Stelle montiert. Und der Mann hat einiges zu tun (bitte festhalten!): modifiziertes Motorsteuergerät, größerer Ladeluftkühler, leistungsfähigere Bremsbeläge, Highend-Fahrwerk von Öhlins, einstellbare Stabilisatoren, mechanische Differenzialsperren vorn wie hinten, tiefere Spoilerlippe, höherer Heckspoiler, breitere Kotflügel sowie diverse Schlankheitsmaßnahmen im Cockpit. Das Ganze nennt sich dann "Nürburgring- Attack-Pack" und kostet in seiner großen Stufe (bitte noch einmal festhalten!) 116.990 Euro. Wie sagt man so schön? Der GT-R ist Kult – und Kult ist Tuning!
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Der Test-Nismo indes stammt vom deutschen GT-R-Flüsterer Markus Brömmler. Anstelle des sündteuren Rekordfahrwerks kommt ein kleiner Öhlins-Bruder für rund 4000 Euro zum Einsatz, der Biturbo-V6 spielt auf einer neuen Edelstahlabgasanlage nun deutlich druckvoller auf, während anstelle der serienmäßigen Mischbereifung nun 285er-Schlappen rundum rotieren.
Wie sich R8, Corvette und GT-R auf dem Sachsenring schlagen, erfahren Sie in der Bildergalerie. Den kompletten Artikel mit allen technischen Daten und Tabellen gibt es als Download im Online-Heftarchiv.

Fazit

von

Manuel Iglisch
Reduziert man die drei hier auf ihre Rundenzeit, so fährt die Corvette einen ebenso einsamen wie monumentalen Start-Ziel-Sieg heraus. Doch diese Überlegenheit hat auch eine Kehrseite. Die massive Aerodynamik bewirkt eine grandiose Highspeed-Stabilität, verhagelt dem Ami aber auch die Längsdynamik. Und die Reifen taugen jenseits der Strecke allenfalls noch zum Standhalter. In all diesen Belangen schlägt sich der Audi deutlich besser; obendrein thrillt er als bekennender Saugmotorier genauso intensiv. Am Ende wiegen Rundenzeit und Preis aber zu schwer, als dass er sich am Ami noch vorbeimogeln könnte. Das gelingt erst dem Nissan, der hier auf seine alten Tage noch mal richtig einen raushaut. Das Lob hierfür gebührt aber nicht nur dem GT-R selbst, sondern auch Markus Brömmler, der ihn nach Nismo-Statuten weiter anschärft und damit den besten Spagat zwischen Performance, Emotion und Alltag hinlegt.