Die Sonne wärmt den Asphalt auf dem European Proving Ground von Bridgestone. Auf dem Reifentestgelände in der Nähe von Rom flimmert die Luft mit 27 Grad. Erwärmt nicht nur von Italiens Frühling, sondern auch von den breiten Gummis zweier Supersportwagen aus dem VW-Konzern: Der neue Porsche 911 Turbo S stellt sich zum ersten Mal dem noch taufrischen Audi R8 V10 plus 5.2 FSI.
Die Zutaten des R8 V10 plus versprechen beste Rundenzeiten
Video: Audi R8/Porsche 911 Turbo S
Heißes Duell unter Konzernbrüdern
Der schnellste Serien-Audi aller Zeiten bringt feinste Zutaten mit, um auf dem Rundkurs Traumzeiten hinzulegen: einen famosen, 610 PS starken V10-Sauger, variablen Allradantrieb, ein superschnell hoch- und runterschaltendes Doppelkupplungsgetriebe, brutal zupackende Keramikbremsen und eine dank Mittelmotor ausgeglichene Gewichtsbalance. Der Porsche ist mit allen Wassern gewaschen, um dem Audi Paroli zu bieten: Mit der stabilisierend wirkenden Hinterradlenkung nimmt er jede Kurve millimetergenau in atemberaubendem Tempo. Für die Zeitenjagd schalten wir ESP aus. Jetzt muss der R8-Pilot viel stärker einlenken, um die leichte Untersteuertendenz und das Eigenleben des Hecks bei hohem Tempo auszugleichen.
Auf dem Handlingkurs ist der Porsche nicht zu schlagen
Klarer Sieger: Auf der Handlingstrecke von Bridgestone nimmt der Elfer dem R8 satte 1,68 Sekunden ab.
Bild: Uli Sonntag
Die Handlingstrecke von Bridgestone nimmt der Porsche in 1:06,54 Minuten, der Audi in 1:08,12. Ein Augenaufschlag, aber in dieser Liga sind 1,68 Sekunden Differenz nun mal deutlich und siegentscheidend. Was die Messwerte bestätigen: Der Turbo stürmt in sagenhaften 2,9 Sekunden auf 100 km/h, der Audi braucht drei Zehntel länger. Außerdem steht der Über-Elfer aus 100 km/h eineinhalb Meter früher als der R8 (32,2 bzw. 33,7m) und verbraucht zwei Liter weniger vom edlen Super plus (11,7 statt 13,7 l). Was spricht aus Sportler-Sicht für den Audi? Sein zum Niederknien klingender V10. Ein frei atmendes Drehzahltier, das ab 6000/min zum Monster wird und bis 8500 Touren inbrünstig grollt, aber schon ab 2500/min lässig ins Kreuz drückt.
Die beiden Konzernbrüder zeigen unterschiedliche Charaktere
Klare Sache: Der Audi fasziniert mit seinem starken Auftritt, der Porsche ist der bessere Sportler.
Bild: Uli Sonntag
Was er jedoch nicht kann: dezent auftreten. Zumindest nicht mit der optionalen Sport-Abgasanlage. Der R8 steht stets im Mittelpunkt des Geschehens. Ganz anders der Porsche: Turbo-typisch klingt er gedämpft, ja geradezu unspektakulär. Mit seinem üppigen Drehmoment von bis zu 750 Nm schon bei 2250/min (Overboost) zieht der Porsche schon im Drehzahlkeller wie ein Bulle am Pflug. Genau das zeichnet den Turbo S aus. Auf der einen Seite ein am Asphalt klebender, brachial schneller, superagiler Top-Sportler, auf der anderen ein kultivierter, komfortabler Partner für den automobilen Alltag. Diese Bandbreite an Talenten gibt es so überzeugend bei keinem anderen Auto – auch nicht beim R8.
Der Audi ist nicht nur ein extrovertierter Boulevard-Racer, dessen V10 infernalisch schmettert. Er performt auch auf der Rennstrecke. Sein Problem: Der 911 Turbo S kann am Limit vieles besser als der R8. Der Elfer ist atemberaubend schnell, auf dem Rundkurs nimmt er dem R8 über eine Sekunde ab. Dabei macht der Porsche keinen Krawall, tritt dezenter auf und ist auch im Alltag ein entspannter Typ. Der neue 911 Turbo S beherrscht ein weites Spektrum an Qualitäten – einzigartig.