Editorial

Wenn Ärger Kreise zieht

Kürzlich war ich zu Besuch in der Heimat. Eine Kleinstadt in Ostfriesland, die sich in Sachen Mundpropaganda eher wie ein kleines Dorf anfühlt. Einmal am Samstag nicht den Rasen gemäht, und sofort ist man Gesprächsthema – diese Art Dorf.
Mein Vater erzählte mir von einem Arbeitskollegen. Der hatte vor einem halben Jahr ein neues Auto gekauft, das nun seit Monaten in der Werkstatt steht. Softwareprobleme. Der Fehler lässt sich offenbar nicht so einfach finden. Und sofort wurde auf die Marke geschimpft. Unzuverlässig. Schlechter Service. "War ja klar, dass das nichts ist."
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Das Interessante daran: Es betraf meinen Vater gar nicht selbst, er zeigte sich nur solidarisch. Und zwar nicht nur bei mir. Sondern auch beim Gespräch am Gartenzaun, beim Plausch beim Einkaufen, beim Kaffee mit den Nachbarn. So eine Geschichte zieht Kreise. Und plötzlich überlegen 20 Menschen, die mit dem eigentlichen Problem gar nichts zu tun hatten, ob sie jemals ein Auto dieser Marke kaufen würden.
Lena Trautermann
Lena Trautermann, stellvertretende Chefredakteurin AUTO BILD.
Bild: Lena Trautermann
Genau hier liegt der Punkt, liebe Industrie: Natürlich lässt sich nicht immer verhindern, dass auch neue Autos Probleme machen. Gerade moderne Fahrzeuge sind komplex, voller Software und Elektronik. Fehler passieren.
Aber man kann beeinflussen, welche Geschichte am Ende darüber erzählt wird. Die eine Geschichte lautet: "Mein neues Auto steht seit zwei Monaten in der Werkstatt, niemand findet den Fehler, ich werde vertröstet und fahre mit einem Leihwagen herum, den ich nie haben wollte."
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Die andere Geschichte lautet: "Mein neues Auto steht seit zwei Monaten in der Werkstatt, das ist ärgerlich. Aber die Werkstatt kümmert sich, der Hersteller bleibt dran, und damit ich mobil bleibe, habe ich ein richtig gutes Ersatzauto bekommen. Starker Service, allein deswegen würde ich die Marke wieder kaufen."
Der Unterschied ist riesig. Nicht nur für den einen betroffenen Kunden, sondern für alle, denen er davon erzählt. Am Ende entscheidet eben nicht nur das Auto, sondern auch das Gefühl, mit dem ein Kunde nach Hause geht. Denn er will sich gesehen, respektiert und vor allem ernst genommen fühlen. Wenn das der Fall ist, kann aus einem Problem sogar Vertrauen entstehen. Wenn nicht, wird aus einem Defekt schnell ein Imageschaden.

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