Eigentlich sollten wir diese Geschichte ein wenig ruhiger angehen. Ein leicht geschwungenes Küstensträßchen entlanggleiten; den Wandler der Achtstufenautomatik dabei mit sanfter Drehzahl streicheln, dem yachtigen Bentley-Brodeln lauschen und den nahenden Sonnenuntergang beschwören, dem der Continental nach nunmehr 14 Jahren in Amt und Würden entgegenrollt. Blöd nur, dass sentimentale Ergüsse nicht so recht zu einem Auto passen, das sein bevorstehendes Finale selbst als mitreißendes Furioso inszeniert.

Unter der Haube lauert ein atemberaubender Beschleuniger

Bentley Continental Supersports
Schön und mächtig: Der sechs Liter große Biturbo-W12 mobilisiert 710 PS und 1017 Nm Drehmoment.
Und so kommen wir nicht umhin, trotz der Spätromantik seiner würdevollen Statur eben doch wieder über Zahlen zu sprechen. Allen voran natürlich die, die seinen Biturbo-W12 betreffen, der sich für jenes Gastspiel hier noch einmal ordentlich auf links gekrempelt hat. Mittels optimierten Kurbeltriebs, neuer Turbos und einer kernsanierten Ladeluftkühlung. On top reicht Bentley einen nachgestählten Wandler, der das 1017 Nm und 710 PS schwere Resultat auch verdauen kann, und garniert die Eckdaten mit der frohen Botschaft, dass nun Luft bis 336 km/h vorhanden sei. Nun ist es ja nichts grundlegend Neues, dass sich der Continental an längsdynamischen Extravaganzen versucht. Geradeaus konnte er schließlich schon immer. Doch das, was hier losbricht, sobald sich seine Lordschaft des Ladedrucks befleißigt, erschüttert die altehrwürdige Phaeton-Plattform wirklich in ihren tiefsten Grundfesten.
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Längsdynamisch lässt der Supersports nichts anbrennen

Bentley Continental Supersports
Supersportlich: Seine 2,3 Tonnen wuchtet der Bentley in 11,3 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 200.
Trotz manch zarter Andeutung eines gewissen Leichtbau-Bemühens (Schmiederäder, Titan-Abgasanlage) versammeln sich hier 2316 Kilo an Leergewicht. Und trotz der damit einhergehenden Trägheit schleudert der W12 die Masse einfach so davon. Mit beliebig modulierbarer Vehemenz und scheinbar nicht enden wollender Konstanz. Schon die 11,3 Sekunden auf 200 km/h sind für einen von seiner Statur der blanke Wahnsinn. Der eigentliche Irrsinn dieses Wertes erschließt sich jedoch erst dadurch, dass der Supersports auch darüber kaum in seiner Beschleunigung nachlässt. 336 km/h soll er schaffen – vom Gefühl her schafft er mehr! Fragt sich nur, ob man das tatsächlich auch erleben will. Nein, nicht wegen des Supersports selbst, der bei diesem Tempo so unaufhaltsam wie ein Meteorit über die Autobahn hagelt. Sondern wegen all der anderen Verkehrsteilnehmer, die dabei seinen Weg kreuzen könnten. Haben Sie schon einmal versucht, ein Auto im Gefälle mit bloßer Hand zu halten? Das Gefühl, wenn man ihn hier bei 300 km/h in die Anker legt, ist ein ziemlich ähnliches!Hauptproblem? Sein Fahrwerk, das der Masse ab einem gewissen Punkt einfach nicht mehr gewachsen ist, sodass selbige ungehemmt auf ihm herumschwappt. Umso erstaunlicher, welch abenteuerliche Fahrmanöver sich dennoch aus ihm herausbiegen lassen. Einzige Bedingung: Man darf nicht zimperlich sein und sollte Kurven nur dann aufsuchen, wenn sie sich möglichst weitläufig erstrecken. Denn engere Kehren gleichen nach wie vor dem Versuch, Kunstflug mit einem Airbus betreiben zu wollen.

Fazit

von

Manuel Iglisch
Der Schub des völlig entarteten Biturbo-W12 mag angesichts der versammelten Masse grotesk erscheinen, doch schürt der Bentley aus genau diesem Widersinn eben auch eine ganz besondere Faszination. Zumal er Zeit seines Lebens nie darauf erpicht war, Gewicht zu kaschieren, sondern es stets als Teil seines Fahrgefühls kultivierte. Und das machte ihn vor allem eines: besonders!

Von

Manuel Iglisch