Benzinpreise: Kartellamt präsentiert Studie
Wucher ohne Worte

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Nun ist es offiziell: Benzin ist in Deutschland zu teuer. Das Kartellamt entlarvte in einer Langzeitstudie die fünf großen Ölmultis. Preisabsprachen gebe es nicht, das Modell funktioniere aber ohne Worte.
(dpa) Die großen Ölmultis in Deutschland sprechen ihre Preise nicht ab – aber sie können laut Bundeskartellamt stillschweigend ein höheres Preisniveau als nötig durchsetzen. Das ist das zentrale Ergebnis der "Sektoruntersuchung Kraftstoffe", die Kartellamtspräsident Andreas Mundt am Donnerstag (26. Mai 2011) in Bonn vorstellte. "Die Unternehmen verstehen sich ohne Worte. Das führt zu überhöhten Preisen", sagte Mundt. Die Wettbewerbsbehörde geht auf Grundlage ihrer Untersuchung davon aus, dass die fünf großen Konzerne Aral/BP, Shell, Jet, Esso und Total ein marktbeherrschendes Oligopol auf den Tankstellenmärkten in Deutschland bilden.
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Dreieinhalb Jahre studierten die Wettbewerbshüter die Benzinpreise an 400 Tankstellen in vier städtischen Großräumen.
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Von Januar 2007 bis Ende Juni 2010 hat das Bundeskartellamt die Daten aller Preisänderungen an über 400 Tankstellen von 19 Mineralölunternehmen in den Großräumen Hamburg, Leipzig, Köln und München erfasst und ausgewertet. Daran lasse sich nachweisen, dass die Marktstruktur es den Mineralkonzernen ermögliche, die Preise an der Tankstelle nahezu einheitlich zu bewegen. Es ergäben sich präzise Preissetzungsmuster. In nahezu allen Fällen seien Aral oder Shell der Vorreiter bei flächendeckenden Preiserhöhungen. Exakt drei Stunden später passe das jeweils andere Unternehmen seinen Preis an. Die übrigen Oligopolisten folgten ebenfalls in festen Zeitkorridoren.
Das Bundeskartellamt kündigte an, einige Verfahren einzuleiten, um konkret nachweisbare Rechtsverstöße aufzugreifen. Der Gesetzgeber wurde aufgefordert zu prüfen, ob mit Blick auf die oligopolistischen Preismechanismen Verbesserungen für die Verbraucher durch regulative Eingriffe erzielt werden können. Die Kartellwächter hätten das Gefühl, Schiedsrichter in einem Spiel zu sein, bei dem sie aber nicht viel tun könnten, sagte Mundt. "Vielleicht sollten die Spielregeln ein wenig geändert werden." Als eine Möglichkeit, Unruhe in das Oligopol zu bringen, führte Mundt ein Beispiel aus West-Australien an. Dort müssten jegliche Kraftstoffpreise am Vortag angekündigt werden. Sie seien dann ab 6 Uhr morgens für 24 Stunden gültig. Für solche oder ähnliche Modelle zur Begrenzung der Preisgestaltung seien aber gesetzliche Grundlagen erforderlich, die der Gesetzgeber schaffen müsse.
Rösler denkt über Vorgaben nach

Bundeswirtschaftsminister Phillip Rösler (FDP) erwägt, die undurchsichtige Preisgestaltung der Ölmultis einzuschränken.
Bild: dpa
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