Manche Vorbilder erweisen sich einfach als unerreichbar. Denken wir nur an Claudia Cardinale, Haribo-Goldbären oder auch Porsche. Die schnellen Schwaben gelten seit über einem halben Jahrhundert als Maßstab im Sportwagengeschäft – am Thron wackeln zwecklos. Ganz besonders dann, wenn aus den Weissacher Wunderwerken so höllisch heiße Fahrmaschinen rollen wie der Cayman R. Doch wie heißt es so schön: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Und so traut sich BMW (mal wieder) in die Höhle des Boxer-Biestes. Als Herausforderer tritt das flammneue 1er M Coupé an – ein bajuwarischer Bestzeiten-Jäger mit wahrhaft sportlichen Anlagen. Das "M" in seinem Namen steht jedenfalls ganz sicher nicht für Mädchenpensionat, die Übersetzung Männerspielzeug kommt der Wahrheit schon näher.

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Video: BMW 1er M Coupé

Der kleine Bayern-Blitz

Das deutet auch schon seine Garderobe an. Dezent geht auf jeden Fall anders. Neben der Frontschürze im Darth-Vader-Design und einem vierfach verrohrten Diffusor-Heck bohren sich vor allem die deftig ausgestellten Radhäuser ins Auge. Bei Frauen würde man an dieser Stelle wohl von üppigen Proportionen sprechen, beim 1er mussten die Karosserie-Klempner schlicht und ergreifend riesige 19-Zoll-Räder und die auf 1,54 Meter verbreiterte Spur in den Kotfügeln unterstellen. Den dicken Max macht der Cayman R nicht, muss er auch nicht. Bei unveränderter Spur gegenüber dem S trägt er die sehnige Karosserie aber 20 Millimeter tiefer, klemmt sich opulente 19-Zöller unter die Backen und streckt einen starren Heckflügel in den Wind. So gerüstet, kann es auf die Rennstrecke gehen, wo der Showdown zwischen M und R stattfindet. Mit dumpfem Bass fordert der von zwei Turbos beatmete Dreiliter-Reihensechser im 1er zum Tanz. Mit dem Einsteigen macht sich aber leichte Enttäuschung breit. Sieht fast aus wie ein normaler 1er. Klar, großzügige Alcantara-Wiesen, das M-Sportlenkrad und rote Ziernähte deuten das Sportstudio an, doch der funktional einwandfreie Innenraum wirkt eher unspektakulär.

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Sportgerät mit 330 PS

Ebenso wie die bequemen Sportsitze – die packen schon zu, sind von den Rennschalen im Cayman aber so weit weg wie Kartfahren von der Formel 1. Schon bei der ersten Sitzprobe macht der Cayman klar: Werbefuzzis, Weicheier und Wohlstandsbäuche haben hier nichts verloren. In der Serienversion gibt es weder Klima noch Radio, Schlaufen ersetzen die Türöffner, sogar das Schirmchen über den Instrumenten wurde eingespart. So speckt der Cayman R insgesamt 55 Kilo ab, gönnt sich aber zehn PS mehr als der S. Beste Voraussetzungen also für einen heißen Ritt. Auf den Schlüsseldreh links folgt aber zunächst mal – Enttäuschung. Der 3,4-Liter-Boxer im Heck klingt wie ein Haushaltsmixer im Schnellgang. Erst bei artgerechter Bewegung auf der Rennstrecke und Drehzahlen über 4000 jagt uns das typische Porsche-Sägen die Gänsehaut in der Familienpackung über den Rücken. Wirken die 330 PS bei politisch korrekter Fahrweise noch verhalten, legen sie bei Annäherung an den Begrenzer jede Zurückhaltung ab und zoomen den Cayman so abartig schnell von Kurve zu Kurve, als hätte die Zeit ein Loch. Auf dem Rundkurs stört auch die wirklich harte Federung nicht mehr, die im Alltag sogar die exakte Höhe jedes Gullydeckels an unseren Rücken übermittelt.
Bei der Jagd nach Zehnteln lässt sie den Porsche dagegen unverschämt souverän über die Piste brennen. Zusammen mit der messerscharfen Lenkung, dem rasend schnellen Doppelkupplungsgetriebe und der Quersperre hinten erweckt sie den Eindruck, als gehörten Ideallinie und Bestzeit zur Serienausstattung jedes Cayman R. Der 1er im M-Trimm hält mit seinem bravourösen Dreiliter-Reihensechser eisern dagegen. Anders als beim Porsche feiern die 340 PS eigentlich bei jeder Drehzahl eine wilde Leistungsorgie, drücken den BMW mit unwiderstehlicher Macht nach vorn und bringen so manchen Standard-Cayman schwer ins Schwitzen. Nicht jedoch den R. Dazu trägt der Bayer einfach zu viel Wohlstandsspeck mit sich rum. Satte 128 Kilo Mehrgewicht (unter anderem Kima und Radio Serie) lassen den leichtfüßigen Cayman locker enteilen. Auch in Kurven kann der 1er dem Porsche – trotz wirkungsvoller Sperre an der Hinterachse – nicht folgen.
Die immer noch mit Restkomfort gesegnete Federung lässt die Karosserie stärker wanken, ungünstig viel Gewicht auf der Vorderachse (52 %, Porsche 44 %) sorgt im (hoch liegenden) Grenzbereich für stärkeres Untersteuern, der direkten Lenkung fehlt die telepathische Schärfe des Cayman. Nein, Herr M. aus M. gehört zwar zu den stärksten Stücken in der Kompakt-Clique, bleibt aber immer auch alltagstauglicher 1er. Hochgezüchtet, klar, aber im Vergleich zum Porsche eben ein zahmer Vorstadtbürger. Das gilt auch für den Preis. Nicht, dass gut 50.000 Euro für das 1er M Coupé als Schnäppchen durchgehen – im Vergleich zu rund 70.000 Euro für den Cayman R erscheinen sie aber plötzlich durchaus vertretbar. Porsche wird es verschmerzen. Man muss ja schließlich nicht überall Vorbild sein.
Das M Coupé landet knapp vor dem Cayman R – allerdings nur, weil der heiß gemachte 1er günstiger und alltagstauglicher ist. Auf der Rennstrecke dominiert dagegen der Porsche als konsequent ausgelegter Sportwagen.