Es ist nicht das erste Mal, dass BMW die viel gelobten Tugenden der in den 1980er-Jahren zum Kult avancierten R 80 G/S – der ersten Enduro mit Mehrzylindermotor – auf ein zeitgenössisches Modell überträgt. Erst vor knapp fünf Jahren durfte sich eine R nineT das Kürzel G/S anheften. Warum das hier erwähnt wird, obwohl es um die brandneue R 12 G/S geht? Weil der Motor in beiden Maschinen nahezu identisch ist.

Boxermotor mit viel Punch

Zum Einsatz kommt der luft-/ölgekühlte Boxermotor mit 1170 cm³ Hubraum, 109 PS Leistung und 115 Newtonmeter Drehmoment, das über Kardan ans Hinterrad geht. Wer hier kräftig am Hahn zieht, erlebt einen Links-Rechts-Punch, wie ihn der Schwergewichtsweltmeister Mike Weaver 1980 nicht besser hätte verteilen können.
BMW R 12 G/S
Die BMW R 12 G/S ist ein Hingucker. Der Autor wurde selten so oft auf ein Motorrad angesprochen.
Bild: Thomas Starck / AUTO BILD
Doch bevor es so weit ist, muss sich der 1,73 Meter große Autor erst mal auf das hohe Ross schwingen. Mit 860 mm Sitzhöhe wird das Rangieren und Halten an der Ampel zuweilen zum putzigen Spitzentanz. Anders bei schwereren Fahrern oder zu zweit – dann senkt sich die G/S ab, das Tippspiel der Füße ist beendet.

Sitzen, Sozius, Schwingen

Trotz hoher Fußrasten und schmalem Sitzbankende sitzt der Sozius passabel. Nur: Über den Fahrer hinwegzusehen ist schwierig – für die "aktive Mitfahrt" eher suboptimal. Ist die G/S einmal in Fahrt, wirkt alles überraschend beschwingt. Trotz 235 Kilogramm Lebendgewicht, langem Radstand, viel Nachlauf und flachem Lenkkopfwinkel swingt sie erstaunlich leichtfüßig von Kurve zu Kurve. Kaum zu glauben, wie flott und schräg es plötzlich wird – ein Lob an dieser Stelle für die Reifen vom Typ Metzeler Karoo Street.
BMW R 12 G/S
In Erinnerung an die legendäre BMW R 80 G/S will auch die R 12 G/S ein Allrounder sein.
Bild: Thomas Starck / AUTO BILD

Reifen, Rauschen, Fahrgefühl

Die leicht stolligen Reifen sitzen vorne auf einem 21-Zoll- , hinten auf 17-Zoll-Speichenrad – und geben der G/S auch in Schräglage Halt. Geräuschempfindliche Fahrer könnten das leise Jaulen beim Bremsen bemängeln – der Autor nicht.
BMW R 12 G/S
Eine Frage des Geschmacks: Die ausladenden Zylinder des 109 PS starken Boxers sind vielleicht nicht jedermanns Sache.
Bild: Thomas Starck / AUTO BILD
Mehr zu kämpfen hatte er mit dem Schaltautomaten. Die Lastwechsel beim kupplungslosen Gangwechsel sind deutlich spürbar, vor allem in den unteren Gängen. Da hilft der Kupplungshebel am linken Ende des hoch aufragenden Lenkers. Wer automatisch schalten will, sollte den Motor im Drehzahlbereich zwischen 2000 und 5000 Touren halten.

Display, Gänge, Eigenheiten

Das sehr empfehlenswerte optionale TFT-Display (125 Euro extra) hilft beim Überblick über Drehzahlen und Gänge – wichtig vor allem beim Anfahren. Denn wie bei der R nineT hakte auch bei der R 12 G/S der erste Gang gelegentlich beim Anfahren.
BMW R 12 G/S
Wer ernsthaft mit der BMW R 12 G/S ins Gelände gehen will, der sollte das Fahrprogramm "Enduro Plus" als Option wählen. Sand- und Schotterwege sind in der Grundausstattung mit dem Programm "Enduro" kein Problem.
Bild: Thomas Starck / AUTO BILD
Hat man sich mit den Eigenheiten des Doppelnocken-Boxers arrangiert, mangelt es im Fahrbetrieb nie an Drehmoment. Ab 3000/min liegen bereits 95 Nm an, bei 6500/min sind es die vollen 115. Wer mehr will, greift in die Fahrprogramme: Neben "Rain" und "Road" gibt es "Enduro". Letzteres sorgt für sanfte Gasannahme und kontrollierten Kraftfluss.

Schotter, Sand, Sonntagsausflüge

Enduristen, die abseits der Straße unterwegs sein wollen, finden mit den groben Reifen und dem "Enduro"-Modus ein gutes Paket: genügend Grip auf Sand und Schotter, reduzierte ABS-Eingriffe, kontrollierte Bremskraftverteilung. Im Gelände helfen die Systeme unauffällig im Hintergrund – sie verbessern das Können des Geübten und geben dem Ungeübten Sicherheit.

Könner können Enduro Pro

Wer es ernst meint, kann optional das Fahrprogramm "Enduro Pro" ordern: ABS am Hinterrad deaktiviert, kein Eingriff bei Abhebung, volle Kontrolle – ideal für Dakar-Feeling auf eigene Faust. Das Testbike hatte diese Option nicht, und der Autor hätte sie in Ermangelung echter Offroad-Skills ohnehin nicht genutzt. Auch im Alltag wird man wohl nur wenige sehen, die ein 21.000-Euro-Bike im Gelände verheizen.

Fahrzeugdaten

Fahrzeugdaten
Motor
Bauart
Luft-/Ölgekühlter Zweizylinder-Viertakt-Boxermotor mit vier über Schlepphebel betätigten Ventilen und zwei obenliegenden Nockenwellen pro Zylinder
Hubraum
1170 cm³
Bohrung/Hub
101 x 73 mm
Leistung bei 1/min
80 kW (109 PS)/7000
Drehmoment bei 1/min
115 Nm/6500
Kraftübertragung
Kupplung
Trockenkupplung, hydraulisch betätigt
Getriebe, Antrieb
klauengeschaltetes Sechsganggetriebe, Kardan
Fahrwerk
Rahmenbauart
Stahl-Gitterrohrrahmen, Motor mitttragend
Radführung Vorderrad
USD-Teleskopgabel, Federbasis, Zug- und Druckstufendämpfung einstellbar, Ø 45 mm
Radführung Hinterrad
Aluminium-Paraleverschwinge, direkt angelenktes WAD-Federbein, Federbasis, Zug- und Druckstufendämpfung einstellbar
Federweg vorn
210 mm
Federweg hinten
200 mm
Bremsen vorne
Doppelscheibenbremse mit zwei axial verschraubten 2-Kolben-Schwimmsätteln, Ø 310 mm.
Bremsen hinten
Einscheibenbremse, Ø 265 mm, Zweikolben-Schwimmsattel
ABS
BMW Motorrad ABS Pro (schräglagenoptimiert)
Räder
Bauart
Aluminium-Kreuzspeichenräder
vorne
2,15 x 21“
hinten
4,00 x 17“ / 4.00 x 18“ (Enduro Paket Pro)
Reifen
vorne
90/90-21
hinten
150/70 R 17 / 150/70 R 18 (Enduro Paket Pro)
Maße und Gewichte
Länge
2200 mm
Breite
830 mm
Sitzhöhe
860/875 (Enduro Paket Pro)
Leergewicht (DIN), fahrfertig
229 kg
zul. Gesamtgewicht
430 kg
Tankinhalt
15,5 l
Fahrdaten
0–100 km/h
4,1 s
Vmax
>200 km/h
Kaftstoffverbrauch*
5,1l/100 km
Abgas CO2*
119 g/km
Grundpreis
16.990 Euro
Preis Testmotorrad
21.794 Euro

Fahrwerk, Federn, Feinjustierung

Die Daten sprechen dennoch eine klare Sprache: 210 mm Federweg vorne, 200 mm hinten. Die Dämpfung der Gabeln ist getrennt über die Holme einstellbar. Hinten wird’s komplizierter: Die Druckstufe reguliert eine Schraube, die Zugstufe muss umständlich durch eine Lasche im Rahmen angepasst werden.
BMW R 12 G/S
Das eigentliche Revier der BMW R 12 G/S ist die Landstraße. Hier swingt sie mit erstaunlicher Leichtigkeit durch die Kurven – trotz 235 Kilogramm Lebendgewicht.
Bild: Thomas Starck / AUTO BILD
Das dürfte jedoch nur für Hardcore-Geländefahrer oder Reiselustige mit Gepäck interessant sein. Denn ja, auch das kann die R 12 G/S. Sie ist längst nicht so puristisch wie einst die R 80 G/S, aber auch nicht so überkandidelt wie die R 1300 GS.

Preis, Positionierung, Potenzial

Was das Preis-Leistungs-Verhältnis betrifft, ist sie eine starke Alternative. Selbst mit vielen Extras aus dem "Option 719"-Programm kam unser Testbike auf 21.794 Euro – weit unterhalb der R 1300 GS. Unverständlich bleibt allerdings BMWs Forderung, den Kardan nach 40.000 Kilometer zu wechseln.

Bildergalerie

BMW R 12 G/S
BMW R 12 G/S
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BMW R 12 G/S im ersten Test
Wer Vielfalt beim Motorradfahren liebt, wird die R 12 G/S mögen. Sie erinnert in Ansätzen an ihre legendäre Ahnin, kann aber vieles besser. Ein Motorrad für Straße, Schotter, Sand – und für alle, die sich nicht zwischen Abenteuerlust und Alltagstauglichkeit entscheiden wollen.