GS-Fahrer sind schon ein eigenes Völkchen. Irgendwie so eingeschworen wie die Gemeinschaft der Harley-Fahrer. Es könnte daran liegen, dass sie ein ganz besonderes Motorrad fahren, von dem man nicht ohne Grund sagt, dass es einfach alles kann.
Doch ganz so ist es wohl nicht, denn BMW hat unter dem Motto "One engine fits all" ("Ein Motor für alle Fälle") den wassergekühlten, 145 PS starken Boxer, der auch die neue R 1300 GS antreibt, in einen Brückenrahmen aus Stahl gehängt und das Ganze eher spartanisch verkleidet. Kurz: Man hat ein Naked Bike daraus gemacht.
Unter dem Namen R 1300 R soll es diejenigen, die die "Boxer-Power" fasziniert, jetzt auch amtlich in Schräglage bringen. Dabei geht es der R aber gar nicht so sehr darum, sich mit den ganz schnellen Hyper-Nakeds zu messen. Mit ihrer breiten Brust und den mächtig ausladenden Zylindern des Boxer-Motors ist sie eher der Terminator unter den Naked Bikes.

Lästige Lastwechsel

Das hat Stand, das hat Kraft und ist bereits optisch eine Drohgebärde, die verhuschte Autofahrer dazu bringen kann, den Bullenreiter schnell ziehen zu lassen. Und schnell kann die R 1300 R: In 3,39 Sekunden schieben die 149 Newtonmeter über den Kardan die 239 Kilogramm (ohne Fahrer) auf Tempo 100. Wer den Hahn offen hält und flott die Gänge durchschaltet, ist erst bei 240 km/h am Ende.
BMW R 1300 R: Fahrbericht
Die BMW R 1300 R ist die sportlichste Alternative, die man sich zu einer BMW R 1300 GS vorstellen kann.
Bild: Thomas Starck / Auto BILD
Aber hier liegt auch schon ein entscheidender Kritikpunkt: Wer es von einem Vierzylinder gewohnt ist, die Gänge bis kurz vor den Begrenzer auszufahren, um dann mit Schmackes den nächsten Gang reinzupfeffern, der wird bei der R 1300 R von einem spürbaren Lastwechsel überrascht.
Das Problem ist der serienmäßige Schaltassistent Pro samt Quickshifter und Blipper. Wer die Betriebsanleitung studiert, findet schnell des Rätsels Lösung: "Bei Konstantfahrten und im Schubbetrieb in kleineren Gängen oder mit hohen Drehzahlen kann das Schalten ohne Kupplung zu starken Lastwechselreaktionen führen." BMW empfiehlt an dieser Stelle, den Kupplungshebel zu nutzen, um dann die Gänge rein- und rauszushiften.
BMW R 1300 R: Fahrbericht
Der üppige Radstand von 1511 Millimetern und das Leergewicht von 239 Kilogramm ändern nichts am leichten Handling der BMW R 1300 R.
Bild: Thomas Starck / Auto BILD

Dynamic Pro: mehr Punch beim Schalten

Das verbessert das Lastwechselverhalten, löst das Problem aber nicht nachhaltig – verschafft jedoch klare Sprintvorteile, weil eben weit ausgedreht werden kann. Wer das im Dynamic-Modus macht, wird – wenn er ordentlich am Hahn zieht – noch im sechsten Gang erleben, wie sich das Vorderrad vom Asphalt hebt. Für Sportfahrer bietet sich ohnehin der Dynamic-Pro-Modus an. Hier kann die DTC mit der Option Shift + so eingestellt werden, dass die Zündunterbrechungen beim Schalten verkürzt werden und die Motorbremse beim Runterschalten nachhaltiger zu spüren ist. Oder anders gesagt: "Gib Gas, ich will knackige Gangwechsel."
Für Kettenfahrer ist es bei dieser Kraftentfaltung über die Kardanwelle übrigens nicht ganz leicht einzuschätzen, wie viel Druck gerade ans Hinterrad geht. Wer hier gerne mit dem Popometer misst, muss sehr feinfühlig sein. Denn wenn die R 1300 R anschiebt, dann – wie gesagt – ansatzlos und über die gesamte Breite der sechs Gänge.

Bildergalerie

Galerie "BMW R 1300 R - Der Boxer kommt in Schräglage" mit 19 Bildern öffnen
BMW R 1300 R - Der Boxer kommt in Schräglage
Wer es entspannter angeht, behält die Drehzahlen im Augenwinkel und schaltet zwischen 6000 und 6500 U/min ohne Kupplung. Dann werden die Gänge sauber eingeklinkt, und der dicke Boxer kann artig schieben. Gleiches gilt übrigens auf dem Weg nach unten. Gewöhnungsbedürftig ist beim Schalten insgesamt der recht hohe Kraftaufwand, den es über den Fuß auf den Schalthebel zu übertragen gilt.

Kurvenkünstler mit breiter Brust

Das alles ändert nichts daran, dass der Terminator im Performance-Kleid samt optionalem, strafferem Sportfahrwerk auch Kurven kann. Dank der hier verbauten, längeren Federelemente mit größerer Einbaulänge wächst die Bodenfreiheit ebenso wie die Sitzbankhöhe, die beim Tester bei 810 mm lag. Das führt in Summe zu einer sehr vorderradorientierten Sitzhaltung, die dem Piloten vor allem bei schnellen und tiefen Kurven ein gutes Gefühl zum Motorrad gibt.
Zudem ist das Gesamtpaket so gut abgestimmt, dass die R sportlich federt, aber auch bei schlechterem Straßenzustand dem Fahrer nicht das Gefühl gibt, auf einer Rüttelplatte zu reiten. Das ist vor allem dann ein Vorteil, wenn es auf unebenem Asphalt um die Kurve geht.
Ob das am Ende ausreicht, um mit dem properen Bayern auf den Rundkurs zu gehen – wie es das Fahrprogramm Dynamic Pro suggeriert –, muss jeder für sich selbst entscheiden. Mit der von BMW für das Schwergewicht brillant erdachten Leichtfüßigkeit und ausreichender Schräglagenfreiheit bleibt die R 1300 R ein Terminator im besten Sinne. Denn neben seiner unaufhaltsamen Natur und seiner Stärke hat er auch das Quäntchen Behändigkeit, das es für das schnelle Umsetzen in Wechselkurven braucht.
BMW R 1300 R: Fahrbericht
Fakt ist, dass die vorderradorientierte Sitzhaltung des Fahrers und der breite Lenker die BMW R 1300 R nicht zwingend zu einem Tourer machen.
Bild: Thomas Starck / Auto BILD

Stark verzögert – aber leicht zu bremsen

Erfreulich ist der geringe Kraftaufwand, den es braucht, um das Power-Paket aus vollem Lauf bei bester Stabilität zum Stillstand zu zwingen. Das liegt zum einen an den zwei radial montierten Vierkolben-Festsätteln vorne und der Einzelscheibenbremse mit Zweikolben-Schwimmsattel hinten, zum anderen am Integral-ABS Pro, das über den Handbremshebel gleichzeitig Vorder- und Hinterbremse aktiviert. Das ist nicht neu, hat sich im Test aber erneut als gute und verbindliche Kombination erwiesen.
Auch auf der Landstraße ist die R 1300 R ein echter Spaßbringer, der in diesem Revier keine Konkurrenz fürchten muss. Neben dem typischen Wummern des Boxers – das sich nach dem Geschmack des Autors tonal noch etwas deutlicher aus der schlanken, doppelflutigen Abgasanlage äußern dürfte – erlaubt das ABS Pro sogar Spielereien wie das mögliche Blockieren des Hinterrades über die Fußbremse in einer dafür vorgesehenen Konfiguration.

Tourer? Nur bedingt.

Allerdings bleibt zu bedenken, dass die R 1300 R in ihrer sportlichsten Darbietung mit spitzem Kniewinkel und dem tiefen und gleichsam sehr breiten Lenker, der den Fahrer ohne Schutz in den Wind setzt, nicht das richtige Gefährt für die große Tour ist. Auch der Sozius muss sich damit abfinden, dass er zwar bequem, aber auch auf gleicher Höhe wie der Fahrer untergebracht ist. Für ihn ist damit statt der Straßenführung eher die Schulter des Fahrers für die kommende Kurve richtungsweisend.
BMW R 1300 R: Fahrbericht
Die BMW R 1300 R ist ein Spaßgerät für die Landstraße. Wer es aber darauf anlegt, kann auch den Rundkurs mit ihr erobern.
Bild: Thomas Starck / Auto BILD
Wer wirklich Strecke machen will, sollte über den für die R 1300 R optional bestellbaren hohen Komfortlenker sowie das entsprechende Gepäcksystem nachdenken. Was aber – ehrlich gesagt – der eigentlichen Idee diametral im Wege steht. Da wäre es besser, gleich die R 1300 RS oder gar die R 1300 RT zu ordern. Hier sitzt auch der Sozius entsprechend höher. Zudem gibt es alle Begehrlichkeiten des Komforts samt dickem Boxer.

Der Preis des Perfektionismus

Apropos: Wer den Dicken richtig treibt, wird es nicht mit den von BMW angegebenen 4,8 Litern nach WMTC schaffen. Der leistungsstarke Boxer zeigt sich bei entsprechendem Leistungsabruf nicht als Kostverächter und konsumiert dann auch mal locker um die 7,0 Liter pro 100 Kilometer.
Allerdings sind nicht die Sprit-, sondern die Anschaffungskosten der größte Faktor beim Kauf einer BMW R 1300 R. Wer sie pur und vor allem ohne das Performance-Paket kauft, steigt bei 16.450 Euro ein. Wer sich aber den hier beschriebenen Terminator mit allem, was es für die schnelle Runde braucht, zulegen will, der muss mindestens 21.340 Euro parat haben.

Fahrzeugdaten

Fahrzeugdaten
Motor
Bauart
luft-/flüssigkeitsgekühlter Zweizylinder-Viertakt-Boxermotor mit zwei obenliegenden, kettengetriebenen Nockenwellen, einer Ausgleichswelle und variabler Einlass-Nockenwellensteuerung BMW ShiftCam
Hubraum
1300 cm³
Bohrung/Hub
106,5 x 73 mm
Leistung bei 1/min
107 kW (145 PS)/7750
Drehmoment bei 1/min
149 Nm/6.500
Kraftübertragung
Kupplung
Nasskupplung mit Anti-Hopping-Funktion, hydraulisch betätigt
Getriebe, Antrieb
klauengeschaltetes Sechsganggetrieb, Kardan
Fahrwerk
Rahmenbauart
zweiteiliges Rahmenkonzept aus Haupt- und daran angeschraubtem Heckrahmen, Motor mittragend
Radführung Vorderrad
Upside-down-Telegabel, Ø 47 mm
Radführung Hinterrad
Aluminiumguss-Einarmschwinge mit BMW Motorrad EVO-Paralever, WAD (SA: DSA bzw. Sportfahrwerk)
Federweg vorn
140 mm
Federweg hinten
140 mm
Bremsen
vorne
Doppelschreibenbremse, schwimmend gelagerte Bremsscheiben, Ø 310 mm, Vier-Kolben-Radialbremssättel
hinten
Einscheibenbremse, Ø 285 mm, Doppelkolben-Schwimmsattel
ABS
BMW Motorrad Integral ABS Pro (vollintegral, schräglagenoptimiert)
Räder
Bauart
Leichtmetall-Gussräder
vorne
3,50 x 17"
hinten
6,00 x 17"
Reifen
vorne
120/70 ZR 17
hinten
190/55 ZR 17
Maße und Gewichte
Länge
2126 mm
Breite
1000 mm
Sitzhöhe
785/810 mm
Leergewicht (DIN), fahrfertig
239 kg
zul. Gesamtgewicht
460 kg
Tankinhalt
17 l
Fahrdaten
0–100 km/h
3,39 s
Vmax
>200 km/h
Kaftstoffverbrauch*
4,8 l/100 km
Abgas CO2*
110 g/km
Grundpreis
16.450 Euro
Preis Testmotorrad
21.340 Euro
Ob die BMW R 1300 R im Bereich der Naked Bikes den Stellenwert erreichen wird, den die R 1300 GS bei den Allroundern hat, ist nicht zu erwarten. Wer aber auf das ausladende Triebwerk samt aller Eigenheiten steht, Schub ohne Ende haben will, mit dem er auch mal richtig in Schräglage gehen kann, der sollte eine Probefahrt mit der R machen. Allerdings auch bedenken, dass der umfängliche Fahrspaß einen ebensolchen Preis hat.