Das Aeroad von Canyon hat in seiner Historie einige Tour-de-France-Etappensiege eingefahren und ließ in diesem Jahr unter anderem Mathieu van der Poel bei der Flandern-Rundfahrt triumphieren. Das Arbeitsgerät vieler Radprofis gilt nicht erst seit der aktuellen 2022er-Auflage als eines der schnellsten Rennräder im Peloton. Wohl auch deswegen steht das Rennrad auch bei Hobbysportlern hoch im Kurs. Wir sind das neueste Modell rund zweitausend Kilometer gefahren. Ein Erfahrungsbericht.
CANYON AEROAD CF SLX 8 ETAP
AEROAD CF SLX 8 ETAP
CANYON
AEROAD CF SLX 8 ETAP

sehr gut (1,0)

  • steif und schnell
  • Powermeter an Bord
  • überraschend bequem
  • Schaltperformance
  • höchste Suchtgefahr!
Preis 6.299,00 €

Höhenflug, Rückschläge, Überholspur

Fangen wir ziemlich weit vorn an. 2020 war das Jahr, als das Canyon Aeroad den bedeutendsten Modellwechsel erfuhr. Mit großer Spannung wurde die Neuauflage des Rennrads erwartet. Nicht weniger als das beste Aero-Rennrad wollte Canyon auf den Markt bringen. Zu diesem Zweck verschwanden Brems- und Schaltzüge aus dem Sichtfeld, der Lenker wurde in der Breite verstellbar und nicht nur die Sattelstütze flächiger, um das Bike windschnittiger zu machen. Im Windkanal wurde viele Stunden lang zusammen mit den Aerodynamik-Experten von Swiss Side getüftelt und geforscht, um die letzten Watt aus dem ohnehin schon schnellen Rennrad herauszuholen. Mit Erfolg: Canyon versicherte ein Leistungsersparnis (ohne Fahrer) von 7,4 Watt bei 45 km/h, andere Windkanaltests konnten die herausragenden Aerodynamikwerte bestätigen.
Die Lackierung "Hot Salsa" ist gewöhnungsbedürftig, in jedem Fall ein Blickfang. Im klassischen Schwarz ist das Canyon alternativ erhältlich.

Doch der Höhenflug stoppte abrupt. Es kamen kurz nach dem Launch Probleme mit der Sattelstütze und dem Lenker auf. Und dann dieser Zwischenfall: Im März 2021 brach Mathieu van der Poel im Grand Prix Le Samyn in Belgien das Außenende seines Lenkers. Die Bilder, wie der Superstar des Radsports mit gebrochenem Lenker ins Ziel fuhr, gingen durch die Fachpresse. Der Hersteller aus Koblenz reagierte prompt und konsequent, riet seinen Kunden, die betroffenen Räder stehen zu lassen und veranlasste anschließend den Austausch der Lenker-Cockpit-Einheit. Betroffen waren die Modelle mit der Typenbezeichnung CFR und CF SLX.
 
Bei diesem Zwischenfall blieb es bis heute. Lenker und Cockpit wurden infolgedessen überarbeitet, das heißt: verstärkt. Canyons Aeroad fand schnell zurück in die Erfolgsspur und sorgte für weitere Siege bei großen Rennen, unter anderem bei der diesjährigen Tour de France auf den Champs Élysées. Mit dem neuen 2022er-Modell scheinen endgültig alle Probleme vom Tisch. Höhenflug, Rückruf, jetzt wieder Überholspur: Das Aeroad ist ein extremes Rennrad – historisch wie auch im Einsatz.

Technische Daten

Preis
6299 Euro
Abzweigung
Rahmen/Gabel/Cockpit
Abzweigung
Abzweigung
Schaltung
Abzweigung
Abzweigung
Bremsen
Abzweigung
Abzweigung
Reifen
Abzweigung
Abzweigung
Laufräder
Abzweigung
Abzweigung
Gewicht
Abzweigung
Abzweigung
Zul. Gesamtgewicht
Abzweigung
Carbon
Sram Force eTap AXS
 Sram, hydraulische
Scheibenbremsen
Continental GP5000S TR
(vorn/hinten: 25/28 Millimeter)
DT Swiss ARC 1400
Dicut, Carbon, 62 Millimeter tief
8,1 Kilogramm
120 Kilogramm
 

Canyon Aeroad CF SLX auf der Rennpiste

Das muss man einfach erleben: Schon nach den ersten paar Kilometern im Sattel ist klar, warum das Aeroad so viele Radsportler in seinen Bann zieht. Beschleunigung und Handling sind so unverschämt gut und präzise, dass es zur Sucht wird, die rote Rennmaschine immer wieder aufs Neue zu beschleunigen. Vor allem die kurzen Kettenstreben haben ihren Anteil daran, dass das Hinterteil des Aeroads so gut durch die Kurven kommt. Die Begeisterung wird noch getoppt, wenn das Aeroad erstmal auf Betriebsgeschwindigkeit ist. Ob 30, 35 oder 40 Stundenkilometer – es ist als famos zu bezeichnen, mit welcher Leichtigkeit das Fahrrad solche hohen Geschwindigkeiten meistert und sich vom Luftwiderstand unbeeindruckt zeigt. Von Vorteil für den Fahrer, der das Aerorad steuert, denn der muss weniger Leistung für höhere Geschwindigkeiten aufbringen gemessen an anderen Rennrädern. 
Wir wollten wissen, wie viel Speed man aus der roten Rennmaschine wirklich rauspressen kann. Hierzu haben wir uns exemplarisch einen flachen Rundkurs genommen im Hamburger Umland und sind ihn in fast 20 Minuten mit einer konstant hohen Leistung gefahren. Mit 352 Watt Durchschnittsleistung waren mit diesem Set-up über 42 Stundenkilometer drin. Schneller dürften nur noch spezielle Zeitfahrräder sein. 
Das Aeroad im Rennmodus: Wie viel Watt sind nötig für 42,3 km/h?

Die Sitzposition ist sportlich-knackig, aber für ein Aero-Rennrad immer noch relativ gemäßigt. Steak und Reach sind sogar identisch mit dem neuen Ultimate von Canyon, das sich für lange Fahrten in den Bergen prädestiniert. Auch die Streckung auf dem Aeroad fällt mithin moderater aus, als man gemeinhin annehmen würde. Zwar ist das Oberrohr – gemessen am Ultimate und natürlich auch am Endurace – minimal länger, aber das Steuerrohr des Aeroads entschärft. Dadurch kann man, wenn man mit dem Oberkörper nach vorn wandert und die Bremsschaltgriffe weit mit den Händen umschließt, eine sehr aggressive Position einnehmen. Andererseits lässt sich auch recht entspannt fahren, wenn man den Basebar greift. Die Entschärfung des Steuerrohrs wirkt hier Wunder und sorgt dafür, dass man auch längere Ausfahrten mit dem Rad gut machen kann.
Windschnittig: Das Cockpit bietet kaum Angriffsfläche.

Dass der steife Carbonbolide nur mittelprächtige acht Kilogramm wiegt, merkt man null Komma null. Gewicht wird ohnehin in vielen Situationen überbewertet, seitdem Scheibenbremsen in den Rennsport Einzug erhalten haben. Im welligen und leicht bergigen Terrain ist das Gewicht nur ein Faktor neben vielen anderen. Letztlich geht es um die Suche nach dem perfekten Kompromiss aus Leichtigkeit, Steifigkeit, Aerodynamik, Komfort und Handling.

Elektrischer Gangwechsel mit Sram eTap AXS

Geschaltet wird – natürlich – elektronisch. Was Anderes darf man in der Preisklasse (6.299 Euro) auch nicht erwarten. Am Modell CF SLX 8 eTap ist Srams Force AXS inklusive integriertem Powermeter zur Leistungsmessung verbaut. Die kabellose, elektronische Kettenschaltung ist mit 2x12 Gängen ausgestattet. Die Sram-Logik (rechts tippen: schwerer Gang, links tippen: leichterer Gang, beidseitig tippen: Umwerfer betätigen) will man nach einer kurzen Eingewöhnungsphase nicht mehr missen. Der Gangwechsel läuft, ist die Schaltung erstmal vernünftig eingestellt, flott und präzise, die Schaltknöpfe sind auch im Unterlenker sehr gut erreichbar. Via Sram-AXS-App lassen sich Schaltlogiken auch umprogrammieren oder Schaltstatistiken erstellen. Das Aeroad CF SLX ist übrigens auch mit Shimanos neuer 12-fach-Ultegra Di2 zu haben. Vorteil: Dadurch lässt sich nicht unerheblich Gewicht einsparen.
Die Gangwechsel erfolgen elektronisch. Ein Powermeter liefert Leistungswerte.

Die Übersetzung ist sportlich gehalten. Die 2-fach-Kurbel lässt die Wahl zwischen einem Kettenblatt mit 48 und einem mit 35 Zähnen. Die feinabgestufte 10-28-Kassette prädestiniert den Boliden für hohe Geschwindigkeiten im Flachland. Dank der guten Aerodynamik und dem steifen Tretlager wird man im welligen Terrain, wenn man die hohe Grundgeschwindigkeit mitzunehmen weiß, in keinen Gangnotstand kommen, auch wenn man nicht die Power eines Profis mitbringt.

Reifen-Kombi aus 25 und 28 Millimetern

Speed ist das eine. Doch das eigentliche Husarenstück ist den Entwicklern in puncto Komfort geglückt. Das Aeroad ist verblüffend bequem, die reduzierte Lenkersteifigkeit ist genau das richtige Rezept gegen zu viel Härte im Cockpit. Wer noch mehr Komfort wünscht, sollte auf tubeless umrüsten. Die leicht bauchigen DT Swiss-Laufräder ARC 1400 Dicut sind hierfür ready und auch sonst state of the art. Die Flankentiefe von 62 Millimeter ist aerodynamisch vorteilhaft, allerdings auch windanfällig, wenn man Hochprofillaufräder an einem Rennrad nicht gewohnt ist. Doch keine Angst vorm Segeleffekt! Der ist gewollt und erwünscht, weil das Fahrrad dadurch vom Wind getragen wird.
Die Lenker-Vorbau-Einheit ist aus Carbon. Der Lenker lässt sich in der Breite variieren.

Von Haus aus wird das Aeroad mit einem 28-Millimeter-Reifen hinten und einem 25-Millimeter-Reifen vorn ausgeliefert. Diese Kombination hat sich vor allem im Triathlon durchgesetzt, weil man den aerodynamischen Vorteil von schmaleren Reifen in der Front mit bereiteren Reifen, die einen geringeren Rollwiderstand bieten, hinten kombiniert. Warum? Vorn, wo der Wind frontal auf den Reifen trifft, spielt die Aerodynamik die entscheidende Rolle. Ein Effekt, der beim Hinterradreifen zu vernachlässigen ist, weil dieser im Heck des Fahrrads vor Verwirbelungen geschützt ist.
Alleinstellungsmerkmal: Mit ein paar Handgriffen (insgesamt vier Torx-Schrauben) kann der Lenker in der Breite in 20-Millimeter-Schritten verstellt werden. Gleichsam kann der Lenker so für den Transport im Auto oder Fahrradkoffer vorbereitet werden. Im Alltag dürfte diese Neuerung allerdings nur eingeschränkt von Bedeutung sein. Praktisch ist ebenso, dass das Cockpit in der Höhe um 15 Millimeter verstellt werden kann, ohne dass dabei der Gabelschaft gekürzt werden muss.

Fazit: Der goldene Schnitt?!

Das 2022er-Aeroad ist komfortabler und schneller als sein Vorgänger. In der Disc-Variante allerdings auch recht schwer, wenn man es mit Leichtbau-Rennrädern vergleicht. Wer Gewicht sparen will, muss zu Shimanos Di2 greifen und/oder kann alternativ – das nötige Budget vorausgesetzt – mit der CFR-Plattform liebäugeln. CFR steht für Canyon Factory Racing und bietet das leichteste, aber auch teuerste Carbon, das die Koblenzer verbauen können. Ab 8999 Euro sind mit Srams eTap Red AXS und noch besseren Laufrädern von DT Swiss (ARC 1100 Dicut) 500 Gramm Gewichtsersparnis möglich. Der Einstieg in der SLX-Serie geht bei 4999 Euro los mit Srams elektronischer Schaltung Rival AXS. Das Einstiegs-Aeroad aus Carbon, mit Hochprofillaufrädern und Shimanos mechanischer 105er, trägt die Typenbezeichnung CF SL und startet bei moderaten 3399 Euro. 
Canyon bewirbt das Aeroad CF SLX als "race ready" und verspricht damit nicht zu viel. Das Rennrad bietet alles, was sich ambitionierte Zeitenjäger wünschen: Beispielsweise Carbon, wohin das Auge reicht, vom Lenker bis zu den Laufrädern. Eine elektronische Schaltung, windschnittige Hochprofillaufräder und Continentals schneller 5000S-Reifen. Und die besagte, kluge Reifen-Kombi aus 28 Millimeter hinten und 25 Millimeter vorn. 
Unser Testrad kam allerdings mit Schläuchen im Reifen zu uns. Wer nochmal ein paar Watt sparen und den Komfort merklich verbessert möchte, entfernt den Schlauch aus dem Reifen, installiert ein Tubeless-Ventil und füllt Dichtmilch in den Reifen. Genau das haben wir gemacht und es nicht bereut, wenngleich wir selten einen Reifen erlebt haben, der sich so widerspenstig auf der Felge breit gemacht hat wie der von Continental.
Auch wenn der Fokus beim Aeroad auf Aerodynamik liegt, ist es komfortabel und ausbalanciert genug für den Rennrad-Alltag oder längere Touren im Mittelgebirge. Das Fahrrad ist ein Profigerät, aber nicht nur für Profis geeignet. Es ist in der 2022er-Ausführung mehr denn je auch ein bezahlbares Bestzeiten-Bike für die breite Masse.

Kommentar

Beim Ortsschildsprint wie Mathieu van der Poel fühlen? Das schnelle Bestzeiten-Bike von Canyon macht’s möglich. Selbst wenn es nicht für eine Radsportkarriere reicht – dieses Rad holt das Beste aus Ihnen heraus.